Zwei Menschen in zwei Städten 1/4

Seine Augenbrauen hoben und senkten sich, während sich sein linkes Lid zusammenzog. Fragendes Mitleid, kam es ihr in den Sinn. Das war es, was übrig geblieben war? Der Schmerz, der ihr Herz in diesem Moment berührte, ließ ihr als Antwort nur die Lippen leicht öffnen. Während sich ihre beiden Lungenflügel mit einem geräuschlosem Hauch aufblähten, spürte sie wie anstatt von Tränen all die ungesagten Worten aus ihren Augenwinkeln tropften. Sie schluckte und versuchte erneut eine Antwort, aber ihre Stimme war versiegt, die Worte rannen stumm über ihre Wangen und wurden vom Marineblau ihres Kleides verschluckt. Mitleid! In ihr schrie und bäumte sich der Schmerz erneut auf und wollte sich ihm entgegenschleudern. Sie wich einen Schritt zurück, als er nach ihrer Hand griff. Fünf Jahre, Elena, fünf Jahre, flüsterte er jetzt. Du warst fünf Jahre eine mögliche Zukunft, aber du … Seine Stimme versiegte. Sie wünschte, es würde auch der Schmerz sein, der seine Worte gefangen hielt. Es war Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit also war es, mit der er ihr am Ende, das ihr Anfang hätte sein sollen, das Herz brach.

Hastig suchten ihre Augen den Mann vor ihr nach dem Mann ab, dem sie sich einem Kunstwerk gleich ausgestellt hatte. Dazu hatte eine einzige Begegnung gereicht. Und dann: Das Video-Rechteck am Bildschirm war über Tage, Wochen und Monate hinweg sein Weg zu ihr und ihr Weg zu ihm gewesen. London und Wien waren zu Nachbarstädten geworden. Der Schmerz über die räumliche Trennung war in dieser Zeit einfach Teil ihres Lebens geworden, eine Unannehmlichkeit, an die sie sich durchaus gewohnt hatte. Eine vertraute Wärme breitete sich tief unten in ihrem Körper aus, wenn sie an das erste Wochenende dachte, das sie so gemeinsam verbracht hatten. Sex war es gewesen, der sie aneinander gefesselt hatte. Eigenwilliger Sex, mit dem er sie berührte, ohne sie tatsächlich zu berühren. Ihre Hand war zu seinen Küssen und seinem Körper geworden. Und wieder. Und wieder.

(to be continued)

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