Oh, Elternarbeit “entmännlicht”

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Schauspieler Christian Ulmen über und für seine Ausübung von Elternarbeit interviewt – Arbeitstitel siehe URL: “im Interview über Männlichkeit” (mein Arbeitstitel: “kotz”). Er darf sich zu Beginn an sein Elternhaus zurückerinnern, in dem auch sein Papa die Brote schmierte und kranke Kinder pflegte. Dieser Papa, wohlgemerkt, war nichtsdestotrotz lange Zeit der Alleinverdiener in der Familie. Für Christian Ulmen war dieses Zuhause dennoch – aufgepasst! – ein “maximal gleichberechtigt[es]“. Nun denn … in seiner eigenen kleinen Familie ist ebenfalls den Zeiten entsprechend alles ganz modern. Sowohl er als auch die Mutter vom Kind (geb. April 2012) gehen arbeiten. Bei der FAZ ist man deswegen jedenfalls hin und weg – darum ja auch das ausführliche Interview mit so investigativen Fragen wie “Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln [tell me!]. Ist das schwierig?” Und die erstaunliche Antwort Ulmens: “Klar.

Ja, klar. Gleichberechtigung IST anstrengend. Wenn der Mann nicht einfach machen kann. Nicht einfach mal jeden Abendtermin zusagen, jede Geschäftsreise oder jedes Wochenend-Meeting abnicken kann. Das ist innerhalb der Firma/Agentur/… manchmal mühsam und kompliziert, aber natürlich auch innerhalb der Familie. Tja. So funktioniert das aber, wenn nicht eine Person als Back-up ständig zuhause beim Nachwuchs sein mag/kann. Aber an dieser Stelle muss ich mir wohl selber ein “tja” entgegnen. Denn: “Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden“, schreibt Ninia La Grande so treffend über dieses Interview: “Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um’s Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen. Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens ‘Who wants to fuck my girlfriend’ drehen.

Eigentlich sagt Ulmen dann auch etwas Wesentliches: Er spricht von einem Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage und von Großeltern: “Nur so funktioniert es.” Aber jetzt kommt’s: Die Interviewerin, Lisa Nienhaus, hat Volkswirtschaft und Politik studiert. Sie ist Redakteurin im Wirtschafts-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nienhaus fällt trotzdem nichts Besseres ein, als Ulmen daraufhin die banale Frage “Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?” zu stellen. Und: “Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?” Das Private soll eben weiterhin schön privat bleiben. Wenn Männer sich freiwillig für “Frauen-Sachen” wie Sorgearbeit entscheiden und ihre Biografien “verweiblichen” wollen, dann behandeln wir sie bei der FAZ auch schlichtweg so. Dann verhandeln wir maximal über den möglichen Verlust ihrer Männlichkeit mit ihnen.

Wie gleichberechtigt die Beziehung von Ulmen und seiner Partnerin sei, will die Interviewerin dann anhand von – ihre Worte – “ein paar echte[n] Männerfragen” klären“. Da geht es dann um so Dinge wie, wer Nägel in die Wände schlägt, wer Auto fährt und navigiert, wer im Restaurant zahlt und besser einparken kann, wer besser mit Geld umgehen kann, wer sich häufiger betrinkt et cetera et cetera – kurz, Stereotypen-Reproduktion Galore!

Nienhaus suggeriert in einer Feststellung, dass “die anderen Männer” (?) denken, Männer, die die Nabelschnur ihrer Babys durchschneiden und diese wickeln, von ihren Partnerinnen manipuliert worden seien. Und, so konstatiert sie, Ulmens Getränke-Wahl – ein Reisdrink – sei unmännlich. An dieser Stelle des Interviews bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass dasselbe unter Einfluss von 40 Grad Hitze, Alkohol und oder Fieberzuständen geführt wurde.

(c) Julie Blackmon "The After Party"

(c) Julie Blackmon | The After-Party

… oder ich bin bei dem Thema einfach ironieresistent und humorlos. Allerdings vergeht mir bei den Väterkarenz-Zahlen schlichtweg nach wie vor das Lachen. Denn auch wenn die aktuelle AK-Studie für Österreich zeigt, dass es mehr Väter in Karenz gibt: deren Zeiten haben sich verkürzt – oder wie es die AK-Expertin Ingrid Moritz auf derstandard.at ausdrückte: Männer würden sich an der kürzest möglichen Kindergeld-Bezugsdauer orientieren, Frauen an der längst möglichen: “Der Anteil der Männer, die Kindergeld beziehen, hat sich von 2006 auf 2012 von acht Prozent auf 17 Prozent ordentlich gesteigert. Aber: Nur die Hälfte (56 Prozent) unterbrach tatsächlich die Arbeit während des Kindergeldbezugs. Und 70 Prozent der zuvor gut erwerbsintegrierten Männer ist spätestens nach drei Monaten wieder berufstätig.”

DREI MONATE – wenn man weiß, wie es in Österreich mit Kinderbetreuungsplätzen aussieht (gerade in ländlichen Gegenden gibt es solche vielfach erst ab zweieinhalb Jahren und oft nur vormittags), dann ist klar, wie schwer eine dreimonatige Väterkarenz wiegt.

Erlesene Mutterschaft XIX

“Frederike stand in einer Küchenschürze im ersten Stock des Krankenhauses und beobachtete den Lauf der Dinge und die Frauen, die Teil davon waren. In kleinen Schicksalsgemeinschaften kamen sie an die Pforten der Klinik oder stahlen sich mit blassen Gesichtern und nervösen Blicken allein ins Gebäude. Mit schweren Bäuchen standen sie dann in den Türen und warteten, dass man sie bemerkte und ihnen heraushalf aus ihrem Schicksal. Die erste Frau, die Frederike über die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft begleitete, war Marta, eine große, ältere Frau mit hoher Stirn und Händen so breit wie jene, die Dürer betend gemalt hatte. (…)

Noch nie hatte sie den Körper einer Schwangeren auch nur berührt, nie eine Geburt gesehen. Unter Frederikes aufmerksamen Blicken wuchs Martas Leib lautlos mit den Tagen und füllte sich mit Fleisch, der Kette der Wirbelsäule und dem Sonnensystem der Organe. Jetzt legten sie und Marta die Hände auf deren Bauchdecke, als könnten sie mit ihnen hören, was vorginge unter der Haut. Frederike wusste von ihr, wie erleichtert sie zuerst gewesen war, dass sich die Leere in ihr so sorgfältig mit einem Kind ausfüllen ließ, und wie sie später die Furcht befallen hatte, in ihr könnte sich eine Seele formen, die zu groß wäre für ihren Körper. Nun wuchs eine Kreatur unter ihrem Herzen, ein durchsichtiger Walfisch, der Fruchtwasser trank und es wieder ausschied. Beide Frauen sahen zu, wie sich Martas Leib dehnte und dehnte, wie er unaufhörlich wuchs und wuchs und sich immer mehr jener feinen und hellen Streifen auf ihrer Haut abzeichnete. Ruhig war Marta nur, wenn Frederike bei ihr war, ließ diese sie alleine, fürchtete sie, verrückt zu werden. (…)

Sie war einsam, wenn Frederike nach Hause ging oder sich anderen Patientinnen zuwandte. Sie ließ sich von niemandem sonst trösten und beruhigen, sprach kaum und wenn, nur mit sich selbst. Es war ihr unmöglich zu schlafen, während in ihr ein Wesen wachte. In der Dunkelheit, wenn sie neben den anderen Frauen im Bett lag, fürchtete sie, das Kind würde sie von innen auffressen, und hörte besorgt und argwöhnisch in sich hinein, ob nicht Kaugeräusche aus ihrem Unterleib drängten. (…)

Die Wehen zogen sich über viele Stunden, währenddessen die kleine Gruppe zusammengewürfelter Menschen am Körper von Marta wartete wie an einem Monument. Sie warteten auf den Augenblick, in dem dieser Körper nachgeben würde, das Klick, auf die Musik des Zerbrechens, die alle Entbindungen begleitete. Es dauerte lange. Stück für Stück ging ihr Unterleib auf und wurde ein Portal. Wie ihre Vagina weit aufriss. Wie sich der Nabel ausstülpte. Wie die Schamlippen blau anliefen. Wie neben dem Mutterkuchen auch Exkremente auf das Bett liefen. Wie man das Kind endlich von der Nabelschnur losschnitt. Wie ihr der Schlauch aus Haut noch lange aus dem Geschlecht hing.

Als Marta den Säugling schließlich in den Armen hielt, wurde der Bauch ein Haus, das, nutzlos geworden, in sich zusammenfiel, nachdem sein Bewohner es verlassen hatte.”

Valerie Fritsch – Winters Garten

Manche Freitage locken zum Fliegen

Die Straßenbahntüren öffnen sich. Ich stehe auf und mache für eine Frau mit Kinderwagen Platz. “Wieso stehst du auf, Mama?” Das Kind kräuselt die Lippen. “Damit die Frau neben dem Baby im Wagerl stehen kann und sie sich so gut sehen.” “Oder der Mann.” Ich schaue mich um und runzle die Stirn. Das Kind gibt sich altklug: “Vielleicht ist diese Person auch ein Mann. Das weißt du doch, Mama. Man kann nicht immer sehen, ob es ein Mann oder eine Frau ist.” True that. Nächste Station: die Illusion der Zweigeschlechtlichkeit. Joy Wellboy | We need a plane Weitere Episoden aus der nicht sehr seriellen Serie “Das Lied zum Freitag”:

Medialer postpartum Fleischmarkt

Was für ein aufregender Nachrichten-Tag!

n-tv.de ist heute atemlos: Herzogin Kate sei nur wenige Wochen nach der Geburt wieder “rank und schlank” und verblüffe “mit einer makellosen Figur – von Baby-Pfunden keine Spur”. Es handle sich dabei um Kates “Wohlfühlgewicht”, wissen die Expert*innen der Nachrichtenplattform, die von sich behauptet, “seriös, schnell und kompetent” zu berichten. Immerhin schnell waren sie mit dieser Meldung. Auch der Grund für die schnelle Rückkehr zur “Traumfigur” ist kompetent recherchiert: “Kates Figur lässt kaum einen Zweifel daran: Auch Charlotte wird gestillt.”

Aber auch bei der Welt ist man seriös baff: Denn beim königlichen Familienausflug zeige sich Kate bereits “in Skinny-Jeans und Matrosenhemd frisch erschlankt”. Und weiter: “Keine Spur mehr von Schwangerschaftspfunden – dabei liegt die Geburt von Prinzessin Charlotte gerade sechs Wochen zurück.” Besserwisserisch – pardon – informiert wird hier verraten, was dahinter steckt, oder vielmehr, was nicht dahintersteckt: “Gerüchte über eine strenge Saftdiät scheinen jedoch haltlos; wer Prinz George stundenlang hinterherjagt, braucht kein Abnehmprogramm.”

Aufdeckerisch unterwegs die Münchner Abendzeitung, wo man Geheimisse unter dem Titel “Darum ist Herzogin Kate schon wieder so dünn” verrät. Ich verrate an dieser Stelle: Es handelt sich um denselben Artikel wie der an erster Stelle erwähnte Beitrag von n-tv.de Das Geheimnis ihres After-Baby-Bodys (neuer Lead-Text und passt schon. Oder war’s umgekehrt?). Jedenfalls geht die Abendzeitung mit einer wesentlichen Ergänzung online, nämlich mit einem Verweis auf eine sagenumwobene Diät, nach der sich die Herzogin vermutlich (sic!) orientiert hat, “die Schwangerschaftskilos möglichst schnell loszuwerden”.

Die Online-Plattform der Zeitung Österreich gibt sich gewohnt kritisch und übt sich in Alarmismus: “Nimmt Kate zu schnell ab?” Immerhin sei sie nur sechs Wochen nach der Geburt bereits wieder “megaschlank” und präsentiere ihre “schlanken Beine (…) als wäre sie nie schwanger gewesen …” Der Artikel bleibt aber nicht an der Oberfläche, sondern stellt die wirklich wesentliche Frage: Hat Kate womöglich nicht zu schnell abgenommen, sondern “nie genug zugenommen?” Denn Resümee einer präzisen Umfrage im Bekanntenkreis ergab: “Viele glauben, sie ist im Magerwahn.”

Bei der Bunten lässt sich indes niemand auf derlei kritische Berichterstattung ein. Man bleibt beobachtend und lobt die “Top-Figur” und “Kates hammermäßigen After-Baby-Body”. Unter dem Beitrag gibt es ganz im Sinne der Serviceorientierung des Magazins einen Link zu Fitness- und Abnehm-Artikel.

excuse-me-i-have-to-go-and-vomitNachtrag I: Statt der Lektüre jenseitiger royaler Körperberichterstattung empfehle ich diesen Comic von Rebecca Roher: Mom Body

Nachtrag II: Einen interessanten Bericht über eine Analyse von Media Affairs über Frauen in der medialen Berichterstattung in Österreich habe ich auf diestandard.at gefunden. Darin wird aufgezeigt, dass Frauenthemen in der auflagenstärksten Boulevardzeitung des Landes vor allem auf Körper (Gesundheits- und Gewichtsthemen) und Mutter (Elternschaft, Schwangerschaft, Mutterrolle) reduziert werden. (Post-)Schwangere Körper, die beides vereinen, sind so gesehen ein besonderes Berichterstattungs-“Highlight”.

Nachtrag III: gentle reminder in Sachen Frauenkörper und Schwangerschaft

Und weil ich mich ohnehin nur wiederholen würde, noch ein paar Links zum Nachlesen:

 

Erlesene Mutterschaft XVIII

“In my frustration and misery I would wind myself up every day as if I were my old toy monkey with my cymbals, listen to myself crash them, and then, nota bene, I would cry and, when I cried, I would long for my mother, not the small dying mother in the hospital but the big mother of my childhood, who had held and rocked me and tutted and stroked and taken my temperature and read to me. Mommy’s girl, except Mommy was not oversized but short and curvy and wore high heels. Your father likes my legs in heels, you know. But then, after I had wailed for a while, I would remember the wet shine of two fallen tears on my mother’s shrunken cheeks and the IV in her blue-veined hand many years later. I did not say, You’ll get well, Mommy, because she would not get well. Who knows how long I’ll last? Not long. And yet in hospice, my mother fussed about food, the sheets, her pajamas, the nurses. A week before she died, she asked me to open her purse and apply a little lipstick because she was too weak to do it herself, and when she lapsed into a morphine haze at the very end, I took out the gold tube and dabbed her thin mouth with the rose-solored stick.

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Orphaned.”

Siri Hustvedt – The Blazing World

“Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur”

Es war ein Nebensatz in einem Beitrag von Barbara Vorsamer (Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent), aber er hat mich sehr berührt:

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen.

Diese überwältigende eigene Unzulänglichkeit, diese Unentfliehbarkeit einer schwierigen Situation und die innerlich brennende Wut, die Verzweiflung angesichts eines unkooperativen Kleinkindes gehören für mich zu den hässlichsten Gefühlen von Elternschaft. Die Einsamkeit in solchen Momenten ist bitter in ihrer Ausweglosigkeit und ihrer Unsichbarkeit.

Erst kürzlich stapelten sich derlei Situation an einem Vormittag zu einem unüberwindbaren Berg vor mir auf – ironischerweise nicht etwa, weil ich etwas für mich durchsetzen wollte, sondern um ein Treffen mit Freund*innen des Kindes vorzubereiten (Picknick-Rucksack packen, mit Sonnencreme einschmieren, anziehen). Die Dreieinhalbjährige und ich stritten ohne Ende, weil jeder Handgriff und jedes Wort von mir Aggressionen in ihr weckten, die ich nicht einordnen konnte. Schließlich verließ ich die Szene, rauschte in mein Zimmer ab, schmiss die Türe etwas zu fest zu und warf mich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch aufs Bett. Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen “zum Wohle des Kindes” denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.

Ich wollte einfach alleine sein. Nur ich und meine Gedanken. Nur mein Tempo. Nur meine Bedürfnisse. Eine Decke schnappen und ein Buch, mich an das schattige Flussufer legen, die Beine in die Sonne strecken und einen Nachmittag vertrödeln. Stattdessen musste ich mein ausufernde Verzweiflung sammeln, die Tränen trocknen, meinen Körper beruhigen, die Wut veratmen … und Mutter sein.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weiß ich doch gewiss, dass nicht nur ich mit solchen Situationen kämpfe. “Kinder bringen uns an unsere Grenzen”, ja sicher, das hört und liest man oft. Aber was das bedeuten kann, schon seltener. Deswegen bin ich auch dankbar erfreut über den eingangs erwähnten Satz und den Tränen darin. Diese Verzweiflung kann Teil von Elternschaft sein, der für viele (alle?) völlig normal zum Alltag gehört. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es schwer auszuhalten ist, wenn die eigenen Befindlichkeiten beständig hintan gehalten werden müssen, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Überforderung.

Oh ja, ich bin manchmal ziemlich überfordert mit dem Kind. Aber das ist kein Dauerzustand – was bei mir auch an einer geteilten Elternverantwortung und an relativ unbelastenden Lebensumständen liegt. Wie überfordert jemand ist, hängt nicht zwangsweise mit der inneren Konstituierung zusammen, sondern massiv mit dem Umfeld und den Abhängigkeiten oder Zwängen darin.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Kürzlich wurde auf fuckermothers auf den Beitrag Traurige Mütter von Márcia Elisa Moser verwiesen – aber erst jetzt erschließt sich mir dieser unverhofft in Bezug auf meine eigenen Mutterschaft. Wie oft habe ich gezögert, von ambivalenten Gefühlen etwa von der Geburt zu berichten, weil ich Angst hatte, es würde sofort als erfahrenes Trauma verstanden oder von den Anstrengungen des ersten halben Jahres, weil ich befürchtete, es würde als “Offenbarung” einer postpartalen Depression gelesen (von der ich mit Sicherheit wusste, nicht betroffen zu sein). “Über neue, nicht-mutterzentrierte Beziehungs-, Fürsorge- und Familienmodelle löst sich postpartale Depression als Thema, Diagnose und Erfahrung nicht in Nichts auf“, schreibt Márcia Elisa Moser. “In Nichts auflösen könnten und sollten sich aber eben jene Mutterschaftsideale, die die auf Kinder bezogene Liebes- und Beziehungsarbeit hauptsächlich der Mutter zuschreiben und notwendigerweise jedes ambivalente Gefühl gegenüber dieser allumfassenden Fürsorgerolle pathologisieren.

Überforderung nicht nur im ersten Babyjahr zu normalisieren und als beständigen Teil von Elternschaft generell sichtbar zu machen ist wichtig, um die gemeinsamen (all-)täglichen Kämpfe kennen zu lernen. Auch, um die Ursachen für die Unterschiede dieser Kämpfe (und damit die Ansätze für Unterstützungsangebote) klarer sehen zu können.

Die Perfidität des (Nicht-)Aufräumens

Ich sitze auf dem Sofa. Mir gegenüber zwei Hocker, auf denen sich Bücher, Spielsachen und Westen ausbreiten. Dazwischen steht ein kleines Tischchen, auf dem sich undefinierbare Flecken abzeichnen. Dahinter sehe ich den Esstisch mit einem Stapel alter Zeitungen, leerer Gläser und einem Haufen undefinierbarer (Un-)Wichtigkeiten. Rechts daneben die große Kommode, auf deren Ablagefläche Handtaschen, wieder Bücher, Rechnungen, Karten, zerbrochene und auf das Kleben wartende Alltags- und Spielsachen, mehrere Tiegel Creme und Schokolade zu einem Mosaik der Unordnung angetreten sind. Davor steht eine Klappbox mit alten, vollgeschriebenen Blöcken und Kindheitserinnerungen, die ich neulich angeschleppt habe und die ausgeräumt werden will. Weiter lasse ich meinen Blick lieber nicht schweifen (Küche!).

Diese Wohnung gehört dringend aufgeräumt. Und ich rede nicht vom Putzen, das ist ein anderes Thema. Aber da ich dieser Tage vorübergehend alleine für das Kind verantwortlich bin und es ohnehin viel zu tun gibt, mag ich dafür nicht auch noch Zeit abzweigen. Parallel dazu bin ich auf besonders viele Tweets und Posts von Müttern gestoßen, die sich über aufwändiges Aufräumen beschwerten, das ihre (Home-Office-)Zeit empfindlich reduziert: Betten machen, Spielchaos beseitigen, Tische abwischen, Blumen gießen, Klopapier stapeln, Schuhe zurück ins Regal stellen, Schmutzwäsche aus den Ecken in den Korb klauben, Post hereinholen.

Die Banalität des Aufräumens ist mit keiner anderen der klassischen Putz-Tätigkeiten zu vergleichen – vielleicht gerade deshalb, weil sie schwer auszulagern ist. Und weil es so banal ist, klebt das Aufräumen besonders hartnäckig im Verantwortungsbereich von Frauen. Wurden “wir” tatsächlich sozialisiert, die Unordnung zu sehen und sie als störend zu empfinden? Es ist eine dieser vielen unsichtbaren Aufgaben, die so viele Frauen “nebenbei” erledigen (“Es sind doch nur ein paar Handgriffe”). Ich erinnere mich an Stehsätze aus meiner Kindheit: “den Kindern hinterherräumen” oder “dem Mann nach dem Kochen hinterherräumen”. Vermutlich liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung, welche Tätigkeiten insgesamt zu Hausarbeit und entsprechend erledigt gehören, auch die Ursache dafür, dass Männer subjektiv gefühlt mehr arbeiten, als dies von ihren Partnerinnen geschätzt wird und umgekehrt, wie eine Anfang des Jahres veröffentlichte Umfrage zeigt: “Aus der Sicht der Männer verrichten sie selbst 37,1 Prozent der Haushaltstätigkeiten. Geht es nach den Frauen, erledigen ihre männlichen Gefährten im Durchschnitt aber nur knapp über ein Viertel (26,2 Prozent) der anfallenden Aufgaben. Umgekehrt sind Frauen der Meinung, 73,8 Prozent der Arbeiten zu erledigen, während ihre Partner den Anteil der von den Frauen erledigten Arbeiten auf 62,9 Prozent schätzen.

Selbst wenn wir hier das Aufräumen recht gerecht zu gleichen Teilen übernehmen, bin es doch schlussendlich ich, die ein schlechtes Gewissen hat, wenn es nicht passiert und Besuch Zeug_in der Unordnung wird – aus Unbehagen eben darüber, dass ich als Frau es bin, die in dessen_deren Augen nun als schlampig und nachlässig gilt. Wenn in Familien also die Haushaltsarbeit aufgeteilt wird, dann ist es wesentlich alle Tätigkeiten auf den Tisch zu bringen. Auch, was nebenbei erledigt wird, ist Arbeit und kostet Zeit.

Ich erinnere mich mit Schaudern an die Monate, in denen das noch kleinere Kind die Wohnung innerhalb von Minuten (Sekunden?) in ein Desaster verwandelte. Nicht, dass das heute nicht mehr passiert, aber es wird seltener und dauert länger – dafür ist das Chaos dann auch sorgfältiger arrangiert und ich muss vor dem Aufräumen noch ein Legitimationsgespräch darüber führen, weil mein Ordnungssinn nicht dem des Kindes entspricht.

Bluemilk hatte zum Thema Aufräumen vor langer langer Zeit einen kurzen, aber so wahren Beitrag, den ich zum Glück wiedergefunden habe: “Sometimes it is an explicit negotiation, like take the kids out alone for the morning and in exchange I will pull this house back from the edge of disaster. Mostly it is just an implicit understanding in our house – any time any parent leaves the house for more than fifteen minutes with at least the toddler, if not both children in hand, the other parent (besides skipping about celebrating freedom) will spend a minimum of 15 minutes cleaning the house. (…) But twice in the last week I have returned home with Cormac to find not a bit of shit has been done. It feels like our bond of sacred trust has been broken in this relationship.” In einem anderen schreibt sie vom “Preis einer Sechs-Minuten-Dusche” und ich erinnere mich an den heutigen Morgen, als das Badezimmer während meiner Dusche in ein fantasievolles Lego-Playmobil-Land verwandelt wurde. Das räume ich dann morgen weg …

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