Manche Freitage sind überfällig

Der nachgeschobene Nebensatz. Er hätte nicht sein müssen, aber jetzt hat er ein Ausrufezeichen in die Luft gerammt, das sie nicht mehr übersehen können. Eine Hand voll Worte. Gemeinsam schreiten sie die Grenzen ihres Tuns ab. Balanzieren. Vorsichtig. Unnachgiebig halten sie sich am gemeinsamen Faden fest, den sie sorgfältig mit ihrem Leben verwoben haben. Noch einmal gut gegangen.

Haley Heynderickx | Sane

Freitag. Freitag!

Mädchen gegen Jungs

Tag der offenen Tür in den Volksschulen der Stadt. Wir hören minutenweise Unterricht. Schauen durch offene Klassentüren, bleiben ein bisschen. Weiter. In der vierten Klasse lesen die Kinder ein romantisches Gedicht. „Wir machen Mädchen gegen Jungs“, fordert die Lehrerin alle auf, um am Ende festzustellen, dass die Mädchen es toll gemacht, aber die Jungs zu viel gelacht hätten. Das Kind macht große Augen.

„Wie hat es dir gefallen?“, frage ich später. „Gut. Dir?“ Ich verziehe das Gesicht. Das Kind lacht: „Hat dich ‚Mädchen gegen Jungs‘ geärgert?“ „Ja.“ „Ich mag ‚Mädchen gegen Jungs‘.“ „Ich weiß.“ „Warum magst du es nicht?“ „Weil ich nicht mag, dass Kinder in zwei Gruppen eingeteilt werden.“ „Warum ist das schlecht?“ „Weil es dann wieder heißt, die eine Gruppe ist nur so und die andere ist nur so. Das ist für alle schlecht. Außerdem wird oft auf eine Gruppe vergessen.“ Das Kind nickt. „So wie in den Filmen früher?“ Ich bin mir unsicher, worauf es hinaus will. „Was meinst du?“ „Na, weil früher alle Hauptfiguren nur Buben waren.“ Ich denke an die Filme, die das Kind kennt. An unsere Auswahlkriterien. „So ungefähr, ja.“

Am Abend. Wir schauen „Dragons“. Plötzlich drückt das Kind unvermittelt auf Pause und schaut mich ernst an: „Dieser Film ist vermutlich auch früher gemacht worden, weil es hier nur drei Mädchen gibt und der Rest sind Jungs, oder?“ Ach, Kind, gut, dass du noch nicht weißt … Ich nicke undefiniert.

Happy International Girls‘ Day! #freedomforgirls

Mehr als ein Epilog. Auch am Tag der offenen Tür. Eine andere Schule. Wir entdecken P. in der Klasse. Sesselkreis. Gefühle beschreiben. Wir warten, bis er an der Reihe ist. Die Lehrerin ruft ihn auf. Es durchfährt mich kalt. Sie nennt P. bei seinem Geburtsnamen. S., sagt sie. Und „sie“. P. zieht eine Karte mit einem aufgemalten Gesicht. „Welches Gefühl siehst du?“, fragt die Lehrerin. „Traurigkeit“, antwortet er.

#freedomfortranskids

Erlesene Mutterschaft XXXIX

„Damals gab es für mich zwei Arten von Müttern: Mütter, die sich schminkten, und Mütter, die sich nicht schminkten. Mütter, die immer kochten und sich für Kinder nicht weiter interessierten, und Mütter, die nicht kochten und Kindern immer alles sehr, sehr genau erklärten. Maman-Bozorg und Maman gehörten in die erste Kategorie, Frau Steffens in die zweite, ebenso wie Swantje, die Freundin meines Vaters. Swantje, hatte mein Vater einmal gesagt, sei Genossin. Daher tippte ich darauf, dass Frau Steffens auch Genossin sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese zwei Arten von Frauen miteinander in Kontakt treten konnten. Es war, als lebten sie in unterschiedlichen Galaxien. Meine Mutter und Swantje habe ich nie gemeinsam in einem Raum gesehen.“

Sechzehn Wörter | Nava Ebrahimi

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVIII

Erlesene Mutterschaft XXXVIII

„Damals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhängen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhängt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wünscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich ähneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hätte es gerne genauso gehalten, aber ich fürchte, es gibt bei mir nichts zu verknüpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fünfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede über Musik wie andere über Essen.

‚Scheiße, Mama‘, brüllt Helli.

Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem Bürgersteig, und Helli schreit mich an:

‚Was machst du denn? Wir hätten tot sein können.‘

Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben müssen.“

Sieh mich an | Mareike Krügel

Weitere bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVII

Manche Freitage sind ambivalent

Sand. Plötzlich ist überall in der Luft Sand. Die Kinder bilden Banden. Hinterhalte aus den Gebüschen. Sie ziehen in Rudeln von einer Spielplatzecke zur nächsten. Die erst ein paar Tage alten Schulkinder haben sich Anführerschaft auf die Fahnen geschrieben. Die Erwachsene knabbern Reisbällchen und streuen beliebig mahnende Worte ins Getümmel. Mit Sand schmeißt man nicht! Hört auf! Gebt auf die Kleinen Acht! Die Eichhörnchen haben sich am Kastanien-Mandala unter den Haselnusssträuchern bedient und bringen sich auf den Bäumen in Sicherheit. Die Sonne steht tief. Sie hat sich längst alle Farben einverleibt und lässt die Augen in schattigen Täuschungsmanövern verhaspeln.  Flüchtige Magie. Herbstspielplatzmomente. Draußendrinnen.

Vagabon | Cold Apartment

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

… und wenn es der Mutter schlecht geht?

Ich will auf die aktuelle Debatte rund um Attachment Parenting nicht eingehen [1]. Eigentlich. Alles, was ich dazu sagen würde, steht in diesem Twitter-Thread wunderbar zusammengefasst (… und ich bin vehement dafür, dass Eltern, die bindungsorientiert erziehen bzw. erziehen wollen, alle Unterstützung dafür erhalten, die notwendig ist):

@xnxnxmA

Hier geht’s zum Thread: @xnxnxmA

 

Ich will weiterdenken. Der Eltern-Erziehungsdiskurs ist zum Glück an vielen Ecken und Enden weggedriftet von „Hauptsache, dem Kind geht’s gut“ – auch wenn das strukturelle Setting noch immer recht konservativ-toxisch und misogyn ausgerichtet ist (Stichwort Schwangerschaft, Stichwort Hebammen, Stichwort Kinderbetreuung). Die Ersatz-Philosophie „Geht’s der Mutter gut, geht’s dem Kind gut“ ist aber meiner Meinung nach genauso schädlich. Oder – sie kann es für bestimmte Personen sein.

Denn: Was ist, wenn es der MutterTM eben nicht gut geht?

Welche Antwort geben Konzepte, die neuerdings als feministisch verkauft werden, diesen Müttern und Eltern? Ich verstehe die Intention dahinter und es ist ein tolles (fast revolutionäres feministisches) Umdenken damit verknüpft. Gleichzeitig spüre ich an mir selber, wie problematisch die Idee dahinter dennoch sein kann (dazu passend: „Meine Mutter war eine starke Frau“): Ich habe Migräne, phasenweise chronisch (Geburtsschmerz, my ass). Und wenn ich also tageweise unter Schmerzen meinen Alltag (nicht) bestreite, plagt mich zusätzlich das Gefühl, dass es meinem Kind deswegen extra schlecht geht. Not helpful. Ich denke, dass „gut gehen“ eine problematische Lebensbeschreibung oder ein mindestens schwieriges übergeordnetes Lebensziel ist. Es trifft schlichtweg auf die Mehrheit nicht zu – nicht in dem Ausmaß, das die Formel suggeriert.

Noch einmal umdenken

Vielleicht sollten wir also über dieses „gut“ reden? Und darüber, dass Kinder auch ein gut begleitetes und sicheres und stärkendes Aufwachsen erleben können, wenn es den Eltern nicht (immer) gut geht. Oder darüber, was es dafür bräuchte. Und zwar nicht als Annäherung an Attachment Parenting [2] oder irgendein anderes Erziehungs- und Lebenskonzept, das utopisch und aufgrund fehlender Voraussetzungen oder Ressourcen nicht (nie!) erreichbar ist, sondern als ein grundsätzliches und neuerliches Umdenken, das gleichzeitig wertschätzende und wertvolle Hilfestellung für möglichst viele Eltern in der Praxis gibt. Eine Möglichkeit sehe ich darin, nicht einen Soll-Zustand als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern den individuellen Ist-Zustand im Kontext seiner strukturellen Einbettung.

 

Nachtrag: Nora Imlau hat einen umfassenden und interessanten Text über die Genese der Begrifflichkeit, seine Aneignung im deutschsprachigen Raum, William und Martha Sears und ganz wichtige offene Fragen (an jene, die zu AP in der Öffentlichkeit beraten) geschrieben: Die schwierigen Wurzeln des „Attachment Parenting“

 


[1] Mehr dazu hier: Auf welcher Seite erziehst du? (von Ursula Stark Urrestarazu) bzw. eine Zusammenfassung samt schönen Kommentar dazu gibt es hier: Attachment Parenting: Bedürfnisorientierte Erziehung als Messlatte für Eltern? (von Henriette Zwick)

[2] Wie konnte es eigentlich passieren, dass William Sears und Feminismus in einem Atemzug genannt werden? Im angloamerikanischen Raum gab’s 2012 eine Debatte zu dem Konzept und den (wissenschaftlichen) Missverständnissen dahinter: The Man Who Remade Motherhood (by Kate Pickert)

Warum ich nicht klatsche

Irgendwo am Spielplatz, in der Arbeit oder in den sozialen Medien wird immer ein Vater dafür gefeiert, dass er mutig sexistische Diskriminierung von Mädchen und Frauen anprangert. Dafür, dass er seine eigene Feminist-Werdung öffentlich nachzeichnet und Vorbild ist. Ich würde mich darüber auch gerne freuen. Ein Teil von mir tut das auch genauso, wie es Ninia LaGrande hier beschreibt.

Aber der andere Teil glaubt, darin eine Wurzel und die Tragweite von Sexismus zu erkennen: Erst wenn ein Mann etwas als Problem erkennt, ist es ein Problem. Es ist wie bei allen Ismen dasselbe Spiel. Erst wenn ein_e Weiße_e Rassismus anprangert. Erst wenn ein nicht-behinderter Mensch Behinderten-Feindlichkeit aufzeigt. Erst wenn eine cis Person Transfeindlichkeit aufs Tableau bringt. Erst dann schafft es das Problem in einen öffentlichen Mainstream-Diskurs. Und Väter. Ach, ja, die öffentlichkeitswirksam feministischen Väter. Ausschlaggebend für die plötzliche Erkenntnis, dass Sexismus auch heutzutage noch ein Ding ist, ist wahlweise die Geburt, die Einschulung oder wie zuletzt der 16. Geburtstag der eigenen Tochter.

Nilz Bokelberg schreibt in „Warum ich Vater und Feministin [sic!] bin“: „Auf dem Geburtstag meiner Tochter, als ihre Eigenständigkeit auf einmal so nahe rückte, wurde mir schlagartig klar: Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Gerechtigkeit.“ Und diese Erkenntnis hat News-Wert. Ja, klar.

Immer wieder bin ich über das fehlende Ausmaß dieser Art von Reflexion erstaunt. Zum einen ist da dieses Väter-Töchter-Beschützer-Dings [1], dem an sich schon etwas Sexistisches anhaftet. Zum anderen gibt es in den meisten Fällen eine Mutter dieser Tochter. Eine Frau, mit der der schlagartig (!) „Erleuchtete“ meist auch schon mehrere Jahre gelebt hat. Eine Frau, an deren Beispiel er jahrelang hätte erkennen können, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist. Aber nein, auf diesem Auge sind viele Männer nicht ganz so sehend. Denn das würde in den meisten Fällen auch Eigenverantwortung bedeuten. Konkretes Handeln, das über das Verfassen eines abgefeierten Hero-Textes hinausgeht, zum Beispiel. Konkretes Handeln, das negative Konsequenzen für das eigene Leben hat (Ja, ich erinnere mich an die Umfrage, derzufolge 71 Prozent der Väter seit der Geburt ihres Kindes auf nichts in ihrem Leben verzichten mussten). Negative Konsequenzen, wie etwa miese Stimmung im Büro, weil man sich wieder und wieder für einen Bastelnachmittag oder einen Kontrollbesuch beim Arzt/bei der Ärztin frei nimmt. Sehnsucht nach den Freund_innen, weil man wieder und wieder ein Treffen absagen muss, um das Kind in den Schlaf zu begleiten. Killjoy-Vorwürfe beim Verwandtschaftstreffen, weil man darauf hinweist, dass sich Vergewaltigung vielleicht nicht als Witz-Inhalt eignet. Die Liste ist bekanntlich (?) unendlich. Sie fängt mit Befindlichkeiten an und endet bei handfester struktureller Benachteiligung wie dem Gender Pay Gap.

Ich habe genug von Männern, die Frauen nur deswegen Gleichberechtigung einräumen, weil sie ja irgendwessen Schwester, Tochter, Ehefrau, Enkelin oder Nichte sind. Immer braucht es die Legitimierung durch Männer. Leider bauen auch viele Antisexismus-Kampagnen auf diesem Narrativ auf. Genau darin liegt aber der Grund, warum ich Vätern, die ihren Feminismus an ihren Töchtern festmachen und erst wegen dieser Misogynie, Sexismus und Diskriminierung erkennen, nicht applaudiere [2]. Denn sie sind Teil des Problems.

Oder um es mit Emma Boyles Worten, die sie als Antwort auf die #DearDaddy-Kampagne gegen Rape Culture gefunden hat, zu sagen:

„By using this rhetoric [Anm.: Die Betroffene könnte deine Tochter/Frau/Schwester/… sein] all you’re doing is perpetuating rape culture by continuing to promote the idea that a woman is only important or valuable when she is considered in terms of her relationship to a man. (…) It’s an argument that will cause more harm than good.“


[1] Alternativvorschlag

[2] Muss ich extra erwähnen, dass ich dabei nicht die persönliche und individuelle Ebene meine und nicht die Einzelperson dahinter kritisiere, sondern die Dynamik, die dadurch entsteht, und die Grundproblematik, die dadurch geschürt wird?