Erlesene Mutterschaft LI

Mein Vater hat mir erzählt, Großmutter Camilla habe jeden Nachmittag am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und zum Kloster hinaufgeblickt. Aus diesen Augenblicken, meinte er, habe Camilla Agostini Kraft geschöpft. Sie habe gewusst, dass man über sich hinauswachsen kann, wenn man nicht nach unten schaut. Mein Vater sagte oft, seine Mutter habe Stärke und Kraft ausgestrahlt, die Stärke und Kraft einer echten Frau, und ich glaube, diese Bemerkung war als Spitze gegen meine Mutter gemeint.

„Von Depression, Wahnsinn oder Erschöpfung hat meine Mutter nie gehört“, erklärte er stolz. „Dafür hätte sie schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Sie hat solche Kinkerlitzchen immer nur mit einem Achselzucken oder einem verächtlichen Blick quittiert. ‚Bürgerlichen Schnickschnack‘ nannte sie das. ‚So was können sich nur Großhändler, Bohemiens und eine bestimmte Sorte Männer leisten.‘ Menschen wie meine Mutter müssen praktisch denken. In Lire, Minuten und Stunden. Sie konnte es sich nie leisten, mit Seelenwehwehchen rumzusitzen.“

Lina Wolff | Die polyglotten Liebhaber

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Manche Freitage sind radikal

Wir verbrennen die ungewollten, aufgedrängten, hastig zugesteckten, vergeblich abgewehrten Liebesbriefe auf den Steinstufen zum Wasser sitzend. Die Flammen gieren nach mehr. Wir geben ihnen mehr. Noch ein Brief. Und noch einer. Auch der Himmel brennt zur Dämmerung. Ich mag die Theatralik. Ausnahmsweise. Rote Herzen. Pinke Namen. Bunte Blumen. Das Feuer macht vor ihrer Lieblichkeit nicht halt. Frisst sich gemächlich durch das zerknüllte Papier. Dann warten wir. Bis die Glut verlöscht. Bis das letzte Fitzelchen in Asche zerfällt. Bis der Wind den Staub mit sich trägt. „Fühlst du dich jetzt besser“, frage ich. „Ja“, sagt das Kind. Ich nicke. Wir erheben uns. Gemächlich und zufrieden, als ob wir zu einem Picknick beisammen gesessen wären. Dann klopfen wir den Staub von unseren Hosen und gehen nach Hause.

WWWater | Pink Letters

Freitag.Gedanken.Karussell.

Erlesene Mutterschaft L

Ahlam Baji, die Hebamme, die sie entband und in zwei Tücher gewickelt ihrer Mutter in die Arme legte, sagte: „Es ist ein Junge.“ (…) Als am nächsten Morgen die Sonne schien und es im Zimmer angenehm und warm war, wickelte sie den kleinen Aftab aus. (…) Und da entdeckte sie, versteckt hinter dem Jungen, zweifelsfrei ein kleines, nicht voll entwickelte, aber doch, ein Mädchen. Ist es möglich, dass eine Mutter vor ihrem eigenem Baby erschrickt? Jahanara Begum erschrak. Als erste Reaktion spürte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog und ihre Knochen sich in Asche verwandelten. Ihre zweite Reaktion war, noch einmal nachzuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht täuschte. Ihre dritte Reaktion bestand darin, zurückzuweichen vor dem, was sie in die Welt gesetzt hatte, während sich ihr Gedärm verkrampfte und ihr ein dünnes Rinnsal Scheiße die Beine hinunterlief. Als vierte Reaktion zog sie in Betracht, sich und das Kind umzubringen. Ihr fünfte Reaktion bestand darin, das Kind in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken, während sie in den Spalt zwischen der ihr bekannten Welt und den Welten stürzte, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte. Dort, im Abgrund, trudelte sie durch die Dunkelheit, und alles, dessen sie bis dahin sicher gewesen war, jedes einzelne Ding, vom kleinsten bis zum größten, ergab keinen Sinn mehr für sie.

In Urdu, der einzigen Sprache, die sie beherrschte, hatten alle Dinge, nicht nur die Lebewesen, sondern alle Dinge – Teppiche, Kleider, Bücher, Stifte, Musikinstrumente – ein Geschlecht. Alles war entweder männlich oder weiblich, Mann oder Frau. Alle außer ihrem Baby. Ja, natürlich, sie wusste, dass es ein Wort für jemanden wie ihn gab – hijra. eigentlich zwei Wörter, hijra und kinnar. Aber zwei Wörter ergeben keine Sprache. War es möglich, außerhalb von Sprache zu leben? (…)

Als sechste Reaktion wusch sie sich und beschloss, erst einmal niemandem davon zu erzählen. Nicht einmal ihrem Mann. Dann, als siebte Reaktion, legte sie sich neben Aftab und ruhte sich aus.

Arundhati Roy | Das Ministerium des äußersten Glücks

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Erlesene Mutterschaft XLIX

„‚Warum hast du keine Kinder?‘, wird sie manchmal von ihnen gefragt. ‚Fühlst du dich nicht einsam ohne Ehemann?‘ Früher antwortete sie, nein danke, sie hat seit bald einem Vierteljahrhundert täglich fast dreißig Quasi-Kinder vor sich sitzen, da ist sie sehr froh, ihre restliche Zeit entweder allein oder mit anderen Erwachsenen verbringen zu können, mit denen sie interessante Unterhaltungen führt (den Satz ‚weißt du, ich vögele wahrscheinlich häufiger und ganz sicher besser als du‘ hat sie ihnen immer erspart, obwohl die Versuchung manchmal groß war).

Sie hat gelernt, dass diese Fragen nichts über sie aussagen, sondern vielmehr über die Angst derer, die sie stellen: vor der Einsamkeit, dem Alter, dass das eigene Leben plötzlich sinnlos erscheint. Dennoch ist sie manchmal genervt davon, und dann brennt ihr die Erwiderung auf der Zunge: ‚Du und ich, wir wissen einen viel beschworenen Dreck voneinander.'“

Francesca Melandri | Alle, außer mir

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Manche Freitage sind bitter

Sie lässt es wie das vierte, fünfte, sechste Sommergewitter in Folge vorüberziehen. Das bringen Hitzewellen eben mit sich, scheint sie mit ihren schmalen Schultern zu zucken. Sie sucht nicht einmal mehr Schutz. Wartet einfach sein Ende ab. Harrt aus. Ihr Blick heftet sich dabei auf den vom Rheuma verformten Daumen der rechten Hand. Er streichelt sanft, gewissenhaft, über das transparente Klebeband, das die beiden Deckelklappen der Schachtel zusammenhält. Professional Handmixer mit Turbostufe steht in türkisen Buchstaben darauf. Ihr Kopf nickt beschwichtigend in die Richtung, aus der das Gewitter aufgezogen ist. Wütend spuckt es ihr verletzende Worte entgegen. Dumm. Verschwenderisch. Unnütz. Sie ignoriert die Verächtlichkeit auf den Lippen des Mannes, der allen Vorbeiziehenden – sie wenden höflich oder unangenehm berührt ihre Blicke ab – seine Meinung zu ihr und ihrem Kauf um die Ohren schmeißt. Der Kopf ist rot geworden, die rechte Hand zur Faust geballt. Er wird lauter, sie abwesender. Wie lange das Gewitter diesmal gedauert hat, kann sie später nicht mehr sagen. Die Stopptaste drücken nennt sie ihren verharrenden Zustand bei sich. Eine Zeit lang hat sie dieses Verhalten fast amüsiert. Ja, hat sich sogar mächtig dabei gefühlt. Selbst ermächtigt. Seit sie es in Zügen an ihrer Tochter festgestellt hat, wenn diese vom Schwiegersohn angefahren wird, hat sich resignierende Bitterkeit breit gemacht. Als der Redeschwall versiegt ist, streckt sie dem Mann ihren abgewinkelten Arm hin. Ächzend ergreift dieser ihn. Stützt sich darauf und lässt sich hochziehen. Pfaust. Worauf wartest du? Gehen wir. Schweigend geleitet sie ihn über den Parkplatz. Nicht ohne mehrmals mit Genugtuung auf die Schweißperlen, die sich auf seiner Oberlippe gebildet haben, zu schielen.

 

Alicia Edelweiss, Lukas Lauermann, Sweet, Sweet Moon | Leonie

Anderes Freitagsnachdenken.

Erlesene Mutterschaft XLVIII

„Durch die Kinder haben sich die Tagesabläufe verschoben. Früher hätte man sich bei Einbruch der Dämmerung zum ersten Aperitif getroffen, nicht am helllichten Tag zum Abendessen. Aber das ist normal, es geht ihnen allen so, der ganzen Armee von Einzelkindereltern. Es gab Zeiten, als Britta bis Mitternacht arbeitete, bis mittags schlief und die erste feste Nahrung des Tages am frühen Nachmittag zu sich nahm, meistens ein Sandwich, das Babak, der ebenfalls kein Morgenmensch ist, in die Praxis mitbrachte. Aber dem hat Baby-Vera vor sieben Jahren ein Ende gesetzt. Nur manchmal spürt Britta noch einen leichten Schwindel, fast wie Erschrecken, Symptome eines existenziellen Jetlags.“

Juli Zeh | Leere Herzen

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… und im Herbst diskutieren wir dann über Abtreibung?

Ein Schlag folgt dem anderen. Die schwarzblaue Regierung in Österreich bzw. ihre Verlängerung (oder Vorhut, je nachdem) in den Ländern fährt ihren Anti-Frauen-Kurs unbeeindruckt weiter. Sie ruiniert derzeit mühsam erkämpfte Infrastrukturen für Frauen und Familien im Vorbeigehen.

Die Liste der (geplanten) Veränderungen wird gefühlt wöchentlich länger: Die Indexierung der Familienbeihilfe, die vor allem Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa trifft, die Einführung des 12-Stunden-Tages bei gleichzeitiger Budgetkürzung des Kinderbetreuungsausbaus – der perfiderweise gleich mit einem Kopftuchverbot verknüpft werden soll (wäre ja gelacht, wenn Frauen- und Islamfeindlichkeit nicht auch hier vereint werden könnten!)-, das Aus für ein Projekt gegen Gewalt in Familien und viele andere Initiativen, die sich für die Rechte von Frauen stark machen, Beratungen anbieten oder Sensibilisierungsarbeit leisten. Es gibt weniger Mittel für Frauenhäuser und Einsparungen im Bildungsbereich. Während nur Gutverdienende vom neuen Familienbonus profitieren, schauen benachteiligte Familien und Familien, die nicht einem konservativem Bild entsprechen, durch die Finger. Die Kürzung der Mindestsicherung trifft wiederum vor allem von Armut betroffene Menschen und ihre Kinder.

Jede neue Schlagzeile ist ein Schlag. Jede Schlagzeile tut weh. Ich bin fassungslos, wie in so relativ kurzer Zeit so viel politisch gewollte Misogynie strukturell ihren Niederschlag finden kann. In Österreich wird die Zeit momentan in Dekadenschritten zurückgedreht.

Die Frage ist also naheliegend: Was kommt als nächstes?

„Wenn das so weitergeht, diskutieren wir in einem Jahr über die Fristenlösung“, habe ich letzten Herbst zu einer Freundin gesagt, während wir durch buntes Laub im Prater spaziert sind. Ich erinnere mich noch genau, wie übertrieben sich diese Aussage damals angefühlt hat. Es ist beängstigend, wie real die Angst davor geworden ist. Die Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß trägt jedenfalls nichts zu ihrer Zerstreuung bei. Im Gegenteil. Nicht zuletzt gibt es deutlich vernehmbare Stimmen aus dem rechten und konservativen Lager, die sich für eine Einschränkung der Fristenlösung stark machen.

„Eine rechtskonservative Kampagne könnten dann auf fruchtbaren Boden fallen“, befürchtet an.schläge-Redakteurin Brigitte Theissl. Sie verweist auf die derzeitige gesetzliche Situation. „Dass Abtreibung in Österreich noch immer im Strafgesetzbuch verankert ist und viele Ärzt*innen aus Angst keine Abbrüche durchführen, wissen viele Menschen gar nicht.“ Der entsprechende Paragraph 96 ist unmissverständlich formuliert: „Eine Frau, die den Abbruch ihrer Schwangerschaft selbst vornimmt oder durch einen anderen zuläßt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.“ Die Fristenlösung, die Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft nach vorangehender ärztlicher Beratung straffrei ermöglicht, hat den Paragraphen nach außen hin zwar zu einer Art totem Gesetz gemacht, doch hinter den Kulissen hat er immer noch massive Auswirkungen – sowohl in Bezug auf die Versorgungssituation als auch auf die medizinische Ausbildung. Zudem verschlimmert die fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Situation vieler.

Was der von rechts verzerrte Diskurs beim Thema Abtreibung oftmals verdeckt: Die meisten Frauen, die abtreiben, haben bereits ein oder mehrere Kinder. Wissen also recht genau, was es bedeutet, ein Kind auszutragen, zu gebären und zu versorgen. Eine vollständige Entkriminalisierung führt zudem zu einer rückläufigen Zahl der Abbrüche, wie etwa Erfahrungen in Kanada, wo der Schwangerschaftsabbruch seit 1988 durch kein Gesetz geregelt ist, zeigen. „Die absoluten Zahlen sind heute niedriger als davor und das, obwohl die Bevölkerung gewachsen ist. Auch die Zahl der Spätabbrüche ist gesunken. Aufgrund der Rechtssicherheit suchen Frauen früher Rat. Dieser Effekt ist in letzter Zeit leicht rückläufig und der Abbruchzeitpunkt geht etwas nach hinten. Das ist vermutlich deswegen so, weil Ärzte und Krankenhäuser den Abbruch weniger anbieten“, sagte etwa die kanadische Strafrechtsprofessorin Jula Hughes bei einer Diskussion anlässlich 40 Jahre Fristenlösung 2015 in Wien.

Aber es ist die falsche Zeit für rationale Argumente. Der Staat will die Macht über Frauen und Reproduktion nicht aus der Hand geben. Die Strategie von Rot und Grün, das Thema Fristenlösung in den letzten Jahren lieber nicht aufs Tableau zu bringen – um genau jene Diskussion, die uns jetzt möglicherweise unter massiv verschärften Vorzeichen bevorsteht, zu verhindern -, rächt sich nun.

Noch ist nicht Herbst. Allzu viel Zeit bis dahin bleibt aber nicht mehr.

 


 

ZUM NACHLESEN:

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