Be my valent… feminist killjoy

Die Soziologin Eva Illouz hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Sie beobachtet und beschreibt darin das Phänomen der modernen heterosexuellen Liebe inmitten kapitalistischer Zwänge, rollenspezifischer Ungleichheiten, Konsumismus und Psychologisierung. Illouz verwendet diese Liebe als einen Mikrokosmos, um Prozesse der Moderne zu verstehen – und erzählt dabei, anders als gemeinhin angenommen werden könnte, keine Geschichte vom Sieg des Gefühls über die Vernunft und schon gar keine vom Sieg der Gleichberechtigung über geschlechtliche Ausbeutungsverhältnisse.

Ihre Analyse sozialer und kultureller Spannungen und Widersprüche des modernen Selbst zeigt auf, wie die romantische Liebe heute zulasten von Frauen geht. Illouz argumentiert jedoch abseits der Ansicht vieler Feministinnen, dass diese moderne Form von Liebe einer der Hauptgründe für die Kluft zwischen Männern und Frauen und demnach die Basis sei, auf der männliche Herrschaft errichtet wurde. Sie kritisiert vielmehr diese Annahme eines Primats der Macht, mithilfe dessen Geschlecht und Liebe dekonstruiert werden. Ihre Begründung dafür findet Illouz im Blick in die Geschichte: Immerhin sei in früheren Zeiten eines viel mächtigeren Patriarchats die Liebe von viel weniger Bedeutung gewesen.

„Zweifellos“, so betont die Soziologin, „spielt das Patriarchat eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Struktur der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, aber auch die unheimliche Faszination zu erklären, die die Heterosexualität nach wie vor auf beide Geschlechter ausübt.“ In ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ (2016, suhrkamp taschenbuch – 1. Auflage: suhrkamp 2011) spürt sie institutionellen Gründen für das Elend der Liebe nach. Illouz konstatiert, dass der Grund dafür, warum Liebe so entscheidend für unser Glück und unsere Identität ist, genau darin liegt, dass sie eben eine so schwierige Erfahrung ist – was wiederum damit zu tun habe, wie Selbst und Identität in der Moderne institutionalisiert werden. Die Wissenschaftlerin macht in ihrer Analyse also genau das mit der Liebe, das Marx mit den Waren gemacht hat: Es geht ihr darum „zu zeigen, daß die Liebe auf einem Markt ungleicher konkurrierender Akteure zirkuliert (…), [und] daß manche Menschen über größere Kapazitäten als andere verfügen, um die Bedingungen zu definieren, unter denen sie geliebt werden.“

Nachfolgend ein paar Gedanken anregende Zitate aus Illouz‘ Buch:

War es Ende des 19. Jahrhunderts radikal zu behaupten, Armut sei nicht das Resultat von Charakterschwäche oder zweifelhafter Moral, sondern die Folge systematischer ökonomischer Ausbeutung, so müssen wir heute geltend machen, daß unsere privaten Niederlagen nicht nur unseren schwachen Psychen zuzuschreiben sind, sondern daß die Wechselfälle und Nöte unseres Gefühlslebens vielmehr durch institutionalisierte Ordnungen geprägt werden.“ (S. 18f)

Der gesellschaftliche Status von Männern hängt heute wesentlich stärker von ihrem ökonomischen Erfolg ab als davon, Familie und Kinder zu haben; Männer sind nicht biologisch und kulturell durch die Fortpflanzung bestimmt, so daß sich ihre Suche [Anm.: nach einer Partnerin auf dem sexuellen Feld, das von ihnen beherrscht wird] über einen wesentlich längeren Zeitraum erstrecken kann; und schließlich setzen Männer Sexualität als Status ein: Weil die Normen der Sexyness Jugendlichkeit prämieren und weil die Altersdiskriminierung Männern Vorteile verschafft, ist die Auswahl, aus der Männer wählen können, wesentlich größer als die der Frauen. Heterosexuelle Männer und Frauen aus der Mittelschicht gehen also auf unterschiedliche Weise an das sexuelle Feld heran: Weil sie für ihr wirtschaftliches Überleben unmittelbarer vom Markt als von einer Ehe abhängen, weil sie nicht – oder nur in geringerem Maß – durch das Gebot der romantischen Anerkennung gebunden sind, weil sie Sexualität als Status einsetzen und ihre Autonomie unter Beweis stellen, neigen Männer zu einer kumulativen und distanzierten Form von Sexualität. Frauen hingegen sind in widersprüchlicheren Strategien von Anhänglichkeit und Distanzierung gefangen.“ (S. 545f)

So wie die Neue Frauenbewegung die Fesseln der sexuellen Restriktionen und Repressionen abwarf, ist es heute an der Zeit, den Zustand der Entfremdung und Verstimmung zu überprüfen, den die Wechselwirkung und Überschneidung von Gefühlen, sexueller Freiheit und Ökonomie herbeigeführt hat. Solange die Institutionen der Wirtschaft und der biologischen Reproduktion im Rahmen heterosexueller Familien die Geschlechterungleichheit institutionalisieren, wird die sexuelle Freiheit eine Belastung für Frauen sein.“ (S. 555)

Letztlich vertrete ich in diesem Buch die These, daß das Projekt des Selbstausdrucks durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten gegenüber anderen und ihren Gefühlen getrennt werden kann. (…)  Statt den Männern ihre emotionale Unfähigkeit einzuhämmern, sollten wir Modelle emotionaler Männlichkeit heraufbeschwören, die nicht auf sexuellem Kapital beruhen. Eine solche kulturelle Beschwörung könnte uns tatsächlich dem Ziel des Feminismus näher bringen, das seit eh und je darin bestanden hat, ethische und moralische Modelle zu entwickeln, die der sozialen Erfahrung von Frauen gerecht werden. Denn losgelöst von ethischem Verhalten ist Sexualität, wie wir sie in den letzten dreißig Jahren kennengelernt haben, zur Arena eines nackten Kampfes verkommen, der viele Männer und besonders Frauen verbittert und erschöpft zurückgelassen hat.“ (S. 555f)

Happy Valentine!

Ach, ja. Über das ganze Männer-Frauen-Liebe-Dekonstruieren nicht vergessen:

tumblr_inline_novpbiE7bX1r8z07n_500.gif

(c) Miles Jai

 

Manche Freitage sind einfach Freitage

Wir haben ein Spiel. Sag‘ mir, wie du dich fühlst, heißt es. Dabei benennen das Kind und ich abwechselnd ein Gefühl. Wut. Trauer. Angst. Ärger. Traurigkeit. Freude. Die jeweils andere muss dieses Gefühl dann glaubwürdig nachahmen. Das ist nicht nur lustig, sondern eröffnet vieleviele schöne Gesprächsmöglichkeiten mit dem Kind. Ich liebe die Fragen und Erzählungen, die sich im Laufe des Spiels immer ergeben. Wann warst du das letzte Mal so glücklich? Was macht dich so wütend? Warst du schon einmal so traurig?

Portishead – Undenied

Immer diese Freitage.

Wir sind nicht Beyoncé. Über schwarze und weiße Mutterschaft

Wir. Damit meine ich „weiße Mütter“. Damit meine ich „weiße Feministinnen“. Beyoncé hat ihre neuerliche Schwangerschaft fotografisch in Szene gesetzt und ihre Verkündigung auf Instagram schlug alle Like-Rekorde.

Popkultur und Mutterschaft sind ja so eine Sache (ich habe darüber schon früher geschrieben: Popkulturelle Mütter-Gang). Weil aalglatt inszeniert. Weil Pop. Weil Kapitalismus. Weil Mainstream. Weil Vorbildwirkung. Weil. Weil Weil. Jedenfalls kritisiert nun Corinne vom makellosmag, deren Texte ich wirklich sehr schätze, die aktuelle „Fruchtbarkeitsperformance“ von Beyoncé scharf:

„Demi Moores nacktes Schwangernenportrait wollte die Sexyness dieser Lebensphase feiern. Von dieser Wertschätzung der weiblichen Sexualität ausgehend, sind wir nun bei einer Performance der Natürlichkeit und Fruchtbarkeit angekommen. Als Subtext schwingt bei dieser Bewertung eine gesellschaftliche Angst mit, die Angst vor der Selbstbestimmung. Vor Frauen, die irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen oder Kinder ganz ohne Männer bekommen, nur mithilfe von Petrischalen. (…) Der gesellschaftliche Diskurs macht diese Diskussion mit und stellt uns verschiedene Bilder vor, um sich dann klar für eines zu entscheiden. Es ist genau diese Art von Schwanger- und Mutterschaft, in die sich auch Beyoncé mit ihren Portraits einordnet. Es ist eine natürliche, äußerst konservative Fruchtbarkeitsperformance, die sie aufführt. Das Zitat von ihrer Webseite, von der Mutter als schützendem Kokon, als Bollwerk gegen die Welt, fügt sich ebenso ein, wie die Anlehnungen, die sie an Gemälden wie Botticellis Venus nimmt. Auch in diesem Renaissanceklassiker ist Fruchtbarkeit eine Tugend, mit einer moralischen Komponente. Die Frau ist idealisierte Lebensspenderin.“

An dieser Stelle möchte ich empfindlich einhaken. Denn wie schon bei Formation/Lemonade interpretiere ich auch diese Botschaft von Beyoncé (neben ihrer direkten Verwertbarkeit für die Medienfigur Beyoncé, aber das ist eben eine andere Ebene) als die einer schwarzen Frau – an andere schwarze Frauen.

Ich fühle mich angesichts der aktuellen Vorwürfe einer „nervigen“ Fruchtbarkeitsinszenierung zurückerinnert an die Kritik von weißen Feministinnen als sich Michelle Obama zu ihrer Rolle als Mutter äußerte und diese als wichtigste in ihrem Leben benannte („You see, at the end of the day, my most important title is still ‚mom-in-chief'“). Denn schwarze Frauen haben andere Stereotype, mit denen sie konfrontiert sind, als weiße Frauen. Schwarze Mütter auch. Oder wie Tami Winfrey Harris in A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama schreibt: „While white women have historically been thought, by default, to be possessed of ideal femininity, (sexistly) defined as demure, sacrificing, quietly strong, beautiful and maternal. Black women have not.“

Damit geht Hand in Hand, dass schwarze Frauen im öffentlichen Diskurs um Elternschaft und Mutterschaft empfindlich fehlen (Ain’t I a Mommy?):

„Low-income and working-class women, black women, and other women of color don’t see their mothering experiences and concerns reflected in the mommy media machine, and we get the cultural message loud and clear: Affluent white women are the only mothers who really matter. Further, media overexposure of these women bolsters the perception of them as self-absorbed brewers of tempests in teapots.“ (Deesha Philyaw)

Ja, sie dürfen die „Black Mammy“ sein. Wir kennen den Archetypen der schwarzen Nanny und Haushälterin als eine Variante einer Bediensteten in weißem Hause aus dem Mainstream-Fernsehen. Dafür liebt das weiße Fernsehen sie. Hattie McDaniel hat sogar einen Oscar für ihre Mammy-Rolle in „Von Winde verweht“ bekommen. Die Black Mammy ist asexuell inszeniert und steht im direkten Gegensatz zu den Stereotypen von Sapphire, der wütenden schwarzen Frau, und Jezebel, der promiskuitiven und unmoralischen Verführerin (eine kurze Einführung zu diesen Stereotypen mit vielen verlinkten Texten gibt es auf Wikipedia).

All diese vielen Schichten können nicht von Beyoncé gelöst werden. Diese Lesarten fließen in ihre Rezeption mitein. Möglicherweise nicht für weiße Feministinnen. Nicht für weiße Mütter. Aber um uns(TM) geht es dabei in diesem Moment schlichtweg nicht. Wir leben eben in keiner postrassistischen Gesellschaft und Feminismus braucht Reflexion aller Diskriminierungsformen, wenn wir das mit der Intersektionalität irgendwie hinbekommen wollen.

Beyoncé gelingt es, mit ihren Schwangerschaftsbildern ein starkes Gegenbild zu den vorherrschenden Stereotypen zu schaffen. Und das finde ich großartig.

Bildschirmfoto 2017-02-05 um 09.36.01.png

Bild via instagram @beylite


Nachtrag: Nachdem ich gerade für den Kommentar von Katja ein paar Sachen zu Black Motherhood rausgesucht habe, verlinke ich die lesenswerte Texte dazu sinnigerweise gleich hier oben:

• Einen Beitrag zu einem negativen Diskurs über schwarze Mutterschaft in den USA brachte der Moynihan-Report „The Negro Family“: USA, from the 1960s: Moynihan’s Anti-Feminism – “The Negro Family” report, naturalized patriarchy, rationalized racial and class inequalities (Daniel Geary)

• Is Black Motherhood A Marker of Oppression or Empowerment? Hip-Hop and R&B Lessons about “Mama”: Black Motherhood (Journal of Hip Hop Studies/Cassandra Chaney and Arielle Brown)

• The Power of Motherhood. Black and white activists redefine the „Political“: The Power of Motherhood :Black and White Activist Women Redefine the “ Political“ (Eileen Boris)

• Beitrag über die Zusammenhänge und das Ineinandergreifen von Rassismus und Patriarchat (Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood/Dorothy E. Roberts)

• In diesem Buch von Patricia Hill Collins gibt’s auch ein Kapitel (Part 2/Kapitel 8): Black Feminist Thought

• Via Twitter auch noch auf einen aktuellen Text zur weißen Kritik an Beyoncé hingewiesen worden (thx!): White Women: This Is Why Your Critiques Of Beyoncé Are Racist (Lara Witt):

Postpartum Poems 1-3

Gundi, 58, Nurhausfrau (und Mutter)

Schafft den Spagat zwischen Müssen und Sollen
schon jahrelang. Nicht mehr. Getrieben
von den Begehrlichkeiten des Hauses
und den Langeweilen der Anderen auf der Hut.
Dauerwelle. Herbstlaub. Kastanie. Stolzes Grau.
Immerselbes Parfum. Weinerlich. Geschickte Hände.

Und dieser erstaunliche Stolz auf deine Kinder. Zwei.
Berühren das Herz. Von Zeit zu Zeit
mit ihren sporadischen Besuchen in dem Haus,
in dem du ihnen Heimat warst. Erwachsene heute
tätscheln deine Wangen. Sie liebkosen das geduldige Gemüt,

„Keine Butterkeks heute, Mutti. Nimm noch eine Sachertorte“,

lachen sie überzeugend mit ungelogener Süße
die rheumatischen Beschwerden zur Balkontür hinaus.

Die Erinnerung daran bleibt das Messer
im Rücken der Stille.

Giulia, 32, Lektorin (und Mutter)

Engagiert sich im eigenen Grätzl für mehr
Fahradabstellplätze und die Kinder der 2A Darwingasse.
Einnehmendes Aussehen. Ernährt sich
seit drei, vier Jahren vegetarisch. (Meistens.)
French Nails. Pink. Klarlack. Hellblau.
Sommersprossen. Kopfrechnerin. Krimisüchtig.

Und immer den Namen des verlorenen
Kindes in dem goldenen Herz am Hals baumeln.
Ein Bild der toten Großmutter, hebt sie abwehrend
die Schultern, wenn wir fragen. Nur das andere,
das am Leben gebliebene Kind weiß Bescheid. Eifersüchtig

„Ich weiß, du liebst uns beide, Mama. Kuschel mich ganz fest“,

streicht es manchmal über den Anhänger, wenn
du ihn am Badewannenrand vergessen hast.

Es hätte so viel lieber im wahren Leben
und nicht in bloßen Gedanken rivalisiert.

Sabine, 39, Pflegerin (und Mutter)

Ärgert sich jeden Morgen genau
einen Blick in den Spiegel lang über
ihre dunklen Augenringe, aber diese
Pigmentcreme (18,90 €!) deckt wirklich
tadellos. Wie von der jungen Apothekerin versprochen.
Schöne Zehen. Erfolglose Millionenshow-Kandidatin.

An freien Sonnentagen fährt sie mit ihrer Freundin
unermüdlich auf den Kahlenberg. Sich die Füße vertreten,
hat das die Mutter genannt. Der Sohnemann hängt,
neuerdings, lieber am Computer. Auch gut. Besser? Sie freut
sich auf die monotonen Dialoge. Hoch über der dreckigen Stadt

„Erzähl‘ mir von deiner Woche, Sabi. Routine beruhigt mich“

mit ihren kranken Alten. Samt ihren grantigen Blicken und
dem beißenden Gestank im heruntergekommenen Altbau.

Aber Mutters siebensüße Stimme echot jeden Rückweg
ein bisschen leiser von der Fassade der Seniorenresidenz.


postpartum ist immer.
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Manche Freitage sind magisch

Wieder lese ich Texte über das böse Rosa, das Mädchen zu passiven Hinnehmerinnen von patriarchalen Rollenverteilungen machen soll. Und von bösen Eltern, die dies durch den Kauf von pinken Produkten unterstützen. Manchmal möchte ich resignieren, ob der Debatte, die sich scheinbar im Fünf-Jahres-Rhythmus im Kreis dreht. Ich möchte auf den Klassismus an dieser Kritik verweisen und darauf, dass man mit Konsumverhalten in einer kapitalistischen Welt doch recht wenig verändern kann. Ich möchte der Abwertung von Mädchen zugeschriebenen Vorlieben entschieden entgegenschreien und leise die Bitte um mehr Differenzierung anmerken. Inmitten all dieser Gedanken, durch die ich streife, ohne sie zu Papier oder wohinauchimmer zu bringen, weil sie ja doch sinnlos im Nichts zu verhallen scheinen, schlüpft das Kind eines Morgens zu mir ins Bett. Es ist gehüllt in ein rosa Tüllröckchen, hat ein hölzernes Pfeil-und-Bogen-Set umgehängt und fordert das Smartphone ein, um sich Videos von diesen roboterartigen Maschinen anzuschauen, die Autos zusammenbauen. Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Clara Luzia feat. Kimyan Law | Magic

Andere Freitagsgedanken an anderen Freitagen.

Befüllt die Rabenmutter nicht mit Sinn!

Bei uns gibt’s heute wieder einmal nur Nudeln mit Gulaschsaft, ganz ‚bad mum‘!“ oder „Auf einen Absacker mit Freundinnen – so viel Rabenmutter muss sein.“ Das ironische Augenzwinkern der Sprechenden entlockt mir eher ein Augenzucken. Denn, ja, mir geht dieses Bad-Mom-Getue auf die Nerven. So, jetzt steht der Satz erst einmal da. Ich schiebe diesen Beitrag schon längere Zeit vor mich her, weil es mir schwer fällt, meine Gedanken zu präzisieren und sie jede Menge Raum für Missverständnisse aufreißen. In Wirklichkeit geht mir das Bad-Mom-Getue nicht einfach auf die Nerven, ich halte es für kontraproduktiv im Sinne einer feministisch verstandenen Begriffsaneignung; und nicht nur deswegen, weil Väter-Verantwortung wieder einmal ausgeklammert wird. Denn so sehr ich die Idee dahinter verstehe und selber bestimmt hundertmal ähnlich agiere, misslingt die Reklamierung des Rabenmutter-Begriffs meiner Meinung eben genau durch dessen Konkretisierung bitter – und zwar auf Kosten von Müttern, die nicht in der Position sind, damit hausieren zu gehen.

Es ist en vogue geworden, mit dem Rabenmutter-Begriff zu schäkern. Spätestens seit der tendenziell schief gelaufenen und dadurch verpassten #regrettingmotherhood-Debatte im deutschsprachigen Raum kokettieren Elternratgeber*innen und Best-Practice-Modelle mit dem Stereotyp der (eben nur vermeintlich) schlechten Mutter. Heuer wurde dieses auch noch wenig amüsant verfilmt (“Bad Moms” Is Even Less Funny Than You Could Possibly Imagine).

Radikale (reaktionäre oder esoterisch-alternative) Positionen in Bezug auf Kinderbetreuungspflichten von Müttern tun mir persönlich nicht weh. Jeder das ihre, denke ich. Wenn eine sagt, nur vollgestillte Kinder sind bestens versorgt – geschenkt. Oder wenn ein anderer behauptet, der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung schadet Kindern unter drei Jahren – LOL nope. Über die kann ich leichten Schrittes hinwegsteigen. Es sind die vorgeblich verständnisvollen Meinungen jener, die großzügig Selbstbestimmung, Bedürfnisorientiertheit und Aller-Wohl mitdenken und dabei trotzdem scharfe Bewertungsmaßstäbe setzen. Dann nämlich, wenn sie klare Grenzen des „Erlaubten“ ziehen. Denn sie sagen nicht einfach: „Natürlich schadet Fernsehen nicht.“ PUNKT. Sondern: Natürlich schadet Fernsehen nicht, im Gegenteil, wir sind doch eine medialisierte Welt, eine halbe Stunde am Tag kann jedes Kindergartenkind gut verarbeiten.“ Oder nicht nur: „Wieso sollen stillende Mütter nicht auch ausgehen können?„, sondern „Natürlich können stillende Mütter auch ausgehen, ob sie das schon das erste Mal nach drei Monaten oder eben erst nach einem Jahr tun, macht weder eine Rabenmutter noch eine Glucke aus ihnen.“ Und in der „Bad-Mom-Variante“ klingt das dann eben Social-Media-konform wie eingangs (fiktiv) zitiert. Natürlich kommen dann oft extra „Rabenmutter“-Gefühle hoch, wenn einer die selbstironischen Lacher indirekt erklären, was gerade noch geht – à la „Argh! Heute hab ich die Kinder eine Stunde Computerspielen lassen, damit ich durchatmen kann. Rabenmutter, ich!“ – und man selbst ganz andere Maßstäbe setzt.

Ich will mich und mein Handeln nicht einordnen lassen auf einem Kontinuum von gerade noch OK und perfekt (das immer gleichzeitig ein schlecht oder falsch miterzeugt). Gleichzeitig vestehe ich das Bedürfnis, den überzogenen Erwartungen an Mütter auf diese Art und Weise spöttisch zu begegnen. Allein, ich fürchte, wir reproduzieren sie durch die ständige Betonung, was erlaubt und grenzwertig ist, ebenso wie durch ihre kontinuierliche Konkretisierung.

Das Hauptproblem, das ich dabei sehe: Aus diesem sehr engmaschigen Kontinuum des Erlaubten fallen sehr viele Familien heraus, bei denen es über individuelle Befindlichkeiten weit hinausgeht. An dieser Stelle wird es unschön, elitär und produziert Klassismen: Nudeln mit Gulaschsaft (oder Ketchup) sind nämlich nicht zwangsläufig ein Zeichen für „Ich hatte eben keine Lust zu kochen„, sondern können auch Lebensrealität in ökonomisch armen Familien sein. Und sein Kind einen ganzen Nachmittag lang am Tablet Filme schauen lassen, kann der Bewältigungsversuch von Kinderbetreuung angesichts einer schweren chronischen Krankheit sein. Undundund.

Wie können wir (politisch wirksam) über tatsächlich problematische oder grenzwertige Lebenssituationen sprechen, wenn wir ihre Existenz ständig verniedlichen und ironisieren?

Die unperfekte Familie, zu der ein bisschen Chaos und Rabenmutter-Dasein dazugehören, ist das neue Ideal. Das macht es wie schon der #regrettingmotherhood-Diskurs (auf einer anderen Ebene, aber genauso wirksam) fast unmöglich oder zumindest sehr schwierig, sich über tatsächliche Familienrealitäten auszutauschen. Die Grenzen des so genannten Erlaubten und Pädagogisch-Wertvollen sind nur vorgeblich gelockert worden. Sie sind nach wie vor eng und fordern finanzielle, zeitliche und andere Ressourcen ein, die in vielen Familien ein rares Gut sind. Diese Diskrepanz muss abseits von Rabenmütter-Geplänkel sichtbar werden können – und zwar nicht, indem sich die einen von dem leidigen Etikett befreien und es indirekt den anderen aufdrücken.

Denn, nein, Nudeln mit Ketchup haben nichts mit Rabenmutterschaft zu tun – sie können ein Zeichen von (unproblematischer) Faulheit sein oder aber eines von Armut. Und Armut mit Rabenmutterschaft zu verknüpfen ist mehr als zynisch.

Feministisch schwanger sein. Oder: Eine Titelzeile für Google.

Als ich Anfang 2011 schwanger wurde, waren Blogs, die sich aus feministischer Perspektive mit Schwanger-Sein und Mutterschaft/Elternschaft auseinandersetzten mein Rettungsanker. Ernsthaft. Ich habe das Internet nach immer neuen Beiträgen durchforstet und alle Seiten, die ich gefunden habe, bis tief zurück ins Archiv verschlungen. So bin ich halbwegs gut durch die Schwangerschaftswochen gekommen. Es war eine kleine, kleine Community, die im Laufe der vergangenen Jahre unglaublich gewachsen ist.

Dass Feminismus wichtige Aspekte von Schwangerschaft und Körper-Selbstbestimmtheit beleuchtet und in der „erlebenden Praxis“ des Schwanger-Seins wertvolle Nachdenkprozesse initiieren kann, steht heute außer Frage. Dachte ich zumindest.

Nun ist es nicht zum ersten Mal so, dass irgendwo breiten- und öffentlichkeitswirksam beklagt wird, dass es einen feministischen Blick auf Mutterschaft und speziell auf Schwangerschaft nicht oder zumindest kaum gibt und feministische Autor*innen von dem (kommerziellen) Medium, das diese Anklage verbreitet, indirekt zum Rapport gebeten werden. Allerdings muss man heute im Unterschied zu 2011 nicht sonderlich lang googlen [1], um auf eine Fülle interessanter Beiträge zu stoßen. Ich würde meinen, es ist der lautstark geforderten Vernetzung und gegenseitigen Stützung, um als ein Viele wahrgenommen zu werden, nicht recht dienlich, bestehende Bemühungen mit ein paar Sätzen vom Tisch zu wischen. Oder wie es @glcklchschtrn ausdrückte:

melanie

Es ist mir völlig klar, dass es unmöglich ist, die Vielzahl feministischer Blogs ständig unter Beobachtung zu haben – zumal eigene Interessensgebiete ja auch oft ganz woanders liegen. Gerade das Thema Schwangerschaft berührt die „Betroffenen“ immerhin auch nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg; und ist der vorbei, drängen sich ziemlich schnell andere Themen ins Blickfeld.

Meine Befürchtung ist aber, dass Clickbait-Journalismus – nicht nur auf feministischen Schlachtfeldern – jegliche aufeinander aufbauende Diskurse verhindert. „Obwohl sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, wird verbissen am ‚More of the Same‘-Prinzip festgehalten“, schreibt Ex-Onlinerin Groschenphilosophin in ihrem sehr lesenswerten Resümee allgemein über die Branche: Quick and dirty (thegap). Wenn sich jeder Beitrag marktschreierisch verbreiten will, dann muss im Teaser zumindest der Hauch von Neuigkeit sein. Leider werden dann aus persönlichen Erfahrungen – die von den Autor*innen vermutlich tatsächlich erstmalig gemacht werden –, schnell gesellschaftliche Wahrheiten, die laufende Diskussionen und Entwürfe überschreiben, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ist vielleicht die traurigste Ironie des Internets mit all seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Um zum eingangs erwähnten Quasi-Vorwurf zurückgekommen, dass feministische Blogs sich angeblich nicht mit Schwangerschaft und Schwanger-Sein auseinandersetzen: nachfolgende eine kleine Auswahl von Links zu teils langjährig bestehenden feministischen Blogs oder Blogkollektiven und Magazinen, auf und in denen sich einzelne oderer mehrere Autor*innen intensiv mit feministischen Blickwinkeln auf Schwangerschaft und Gebären beschäftigt haben – als eine Art persönliches Best-Of (bitte sehr gerne um Ergänzungen in den Kommentaren):

SPOILER: Ich habe die meisten Links mit einer „schwanger“-Stichwortsuche befüllt, damit die entsprechenden Texte sofort gefunden werden.

uterusprojekt – feministisches Blog über Schwangerschaft und das, was danach kommt

fuckermothers –  feministische Perspektiven auf Mutterschaft

glücklich scheitern – Familienblog mit Feminismus & Fernweh

umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft

feminist mum

an.schläge – das feministische Magazin

blue milk. thinking + motherhood = feminist

Mädchenmannschaft

Und ja, auch auf diesem Blog habe ich mich das eine oder andere Mal mit Schwangerschaft aus feministischer Perspektive auseinandergesetzt: et voilà (nach dem googlebaren Blogtitel reicht eine völlig un-SEO-mäßige Verlinkung – die beste Vernetzung machen wir uns nämlich immer noch selbst und gegenseitig, finde ich)


[1] Nachtrag: Diese Ergebnisse liefert die Suchmaschine, wenn eine „blog feminismus schwangerschaft“ eingibt: Give it a try!