… und im Herbst diskutieren wir dann über Abtreibung?

Ein Schlag folgt dem anderen. Die schwarzblaue Regierung in Österreich bzw. ihre Verlängerung (oder Vorhut, je nachdem) in den Ländern fährt ihren Anti-Frauen-Kurs unbeeindruckt weiter. Sie ruiniert derzeit mühsam erkämpfte Infrastrukturen für Frauen und Familien im Vorbeigehen.

Die Liste der (geplanten) Veränderungen wird gefühlt wöchentlich länger: Die Indexierung der Familienbeihilfe, die vor allem Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa trifft, die Einführung des 12-Stunden-Tages bei gleichzeitiger Budgetkürzung des Kinderbetreuungsausbaus – der perfiderweise gleich mit einem Kopftuchverbot verknüpft werden soll (wäre ja gelacht, wenn Frauen- und Islamfeindlichkeit nicht auch hier vereint werden könnten!)-, das Aus für ein Projekt gegen Gewalt in Familien und viele andere Initiativen, die sich für die Rechte von Frauen stark machen, Beratungen anbieten oder Sensibilisierungsarbeit leisten. Es gibt weniger Mittel für Frauenhäuser und Einsparungen im Bildungsbereich. Während nur Gutverdienende vom neuen Familienbonus profitieren, schauen benachteiligte Familien und Familien, die nicht einem konservativem Bild entsprechen, durch die Finger. Die Kürzung der Mindestsicherung trifft wiederum vor allem von Armut betroffene Menschen und ihre Kinder.

Jede neue Schlagzeile ist ein Schlag. Jede Schlagzeile tut weh. Ich bin fassungslos, wie in so relativ kurzer Zeit so viel politisch gewollte Misogynie strukturell ihren Niederschlag finden kann. In Österreich wird die Zeit momentan in Dekadenschritten zurückgedreht.

Die Frage ist also naheliegend: Was kommt als nächstes?

„Wenn das so weitergeht, diskutieren wir in einem Jahr über die Fristenlösung“, habe ich letzten Herbst zu einer Freundin gesagt, während wir durch buntes Laub im Prater spaziert sind. Ich erinnere mich noch genau, wie übertrieben sich diese Aussage damals angefühlt hat. Es ist beängstigend, wie real die Angst davor geworden ist. Die Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß trägt jedenfalls nichts zu ihrer Zerstreuung bei. Im Gegenteil. Nicht zuletzt gibt es deutlich vernehmbare Stimmen aus dem rechten und konservativen Lager, die sich für eine Einschränkung der Fristenlösung stark machen.

„Eine rechtskonservative Kampagne könnten dann auf fruchtbaren Boden fallen“, befürchtet an.schläge-Redakteurin Brigitte Theissl. Sie verweist auf die derzeitige gesetzliche Situation. „Dass Abtreibung in Österreich noch immer im Strafgesetzbuch verankert ist und viele Ärzt*innen aus Angst keine Abbrüche durchführen, wissen viele Menschen gar nicht.“ Der entsprechende Paragraph 96 ist unmissverständlich formuliert: „Eine Frau, die den Abbruch ihrer Schwangerschaft selbst vornimmt oder durch einen anderen zuläßt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.“ Die Fristenlösung, die Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft nach vorangehender ärztlicher Beratung straffrei ermöglicht, hat den Paragraphen nach außen hin zwar zu einer Art totem Gesetz gemacht, doch hinter den Kulissen hat er immer noch massive Auswirkungen – sowohl in Bezug auf die Versorgungssituation als auch auf die medizinische Ausbildung. Zudem verschlimmert die fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Situation vieler.

Was der von rechts verzerrte Diskurs beim Thema Abtreibung oftmals verdeckt: Die meisten Frauen, die abtreiben, haben bereits ein oder mehrere Kinder. Wissen also recht genau, was es bedeutet, ein Kind auszutragen, zu gebären und zu versorgen. Eine vollständige Entkriminalisierung führt zudem zu einer rückläufigen Zahl der Abbrüche, wie etwa Erfahrungen in Kanada, wo der Schwangerschaftsabbruch seit 1988 durch kein Gesetz geregelt ist, zeigen. „Die absoluten Zahlen sind heute niedriger als davor und das, obwohl die Bevölkerung gewachsen ist. Auch die Zahl der Spätabbrüche ist gesunken. Aufgrund der Rechtssicherheit suchen Frauen früher Rat. Dieser Effekt ist in letzter Zeit leicht rückläufig und der Abbruchzeitpunkt geht etwas nach hinten. Das ist vermutlich deswegen so, weil Ärzte und Krankenhäuser den Abbruch weniger anbieten“, sagte etwa die kanadische Strafrechtsprofessorin Jula Hughes bei einer Diskussion anlässlich 40 Jahre Fristenlösung 2015 in Wien.

Aber es ist die falsche Zeit für rationale Argumente. Der Staat will die Macht über Frauen und Reproduktion nicht aus der Hand geben. Die Strategie von Rot und Grün, das Thema Fristenlösung in den letzten Jahren lieber nicht aufs Tableau zu bringen – um genau jene Diskussion, die uns jetzt möglicherweise unter massiv verschärften Vorzeichen bevorsteht, zu verhindern -, rächt sich nun.

Noch ist nicht Herbst. Allzu viel Zeit bis dahin bleibt aber nicht mehr.

 


 

ZUM NACHLESEN:

Der Backlash ist da

Seid wachsam! Wie das rückständige Familienbild von Schwarz-Blau Frauen schaden wird

 

Erlesene Mutterschaft XLVII

„Wenn sie pünktlich um acht Uhr fünfundzwanzig zur Arbeit erschien, hatte sie schon zwei Stunden in Gesellschaft ihrer Kinder verbracht. Sie weckte die drei jeden Morgen um sechs und kutschierte sie dann zu drei verschiedenen Schulen, erinnerte unterwegs jedes an eine spezielle Aufgabe. Ihren Sohn in der Grundschule warnte sie, er solle sich von der Brutalität im Internet nicht hinreißen lassen. Ihren Sohn in der letzten Klasse Mittelstufe warnte sie vor langfristigen Folgeschäden aller möglichen Drogen. Ihrer Tochter in der Oberstufe malte sie in allen Einzelheiten die Qualen des Kreißsaals aus. Stiegen die Kinder, bis in die zarten Seelen erschüttert, aus dem Wagen, mussten sie sich natürlich erst einmal beruhigen. Der Kleine, indem er schwächere Kinder auf dem Schulhof bedrohte, der Zweite, indem er am Zaun etwas süß Riechendes rauchte, und die Tochter traf sich auf einen hastigen Liebesakt mit einem Jungen, der gegenüber der Schule wohnte.“

Ayelet Gundar-Goshen | Lügnerin

Alle gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLVI

Erlesene Mutterschaft XLVI

„Die für alle gedachte Erzählweise lautet, das Mädchen hat Fenster geputzt, ist von der Leiter gefallen und übers Geländer gestürzt. Ja, auch das wäre möglich, Márta. Denken wir uns einfach, es wäre möglich. Dass ein vierzehnjähriges Mädchen Fenster putzt und ausrutscht. Könnte sein. Aber mein Kopf denkt etwas anderes. Denkt und denkt. Kann nicht aufhören. Schreit in alle Abzweigungen seines weitläufig-undurchsichtig verästelten Hirns. Es ist nicht wahr! Ihr lügt! Ihr alle lügt!

Das Mädchen ist still und höflich. Als Schülerin fleißig, hilfsbereit. Mager, mit diesen Giraffenbeinen, die knapp unter dem Kinn aufhören. Ja, das passt natürlich. Zu meiner Vermutung, hinter verschlossenen Türen geschehen Dinge, von denen niemand wissen darf. Auch wenn die Mutter immer aufgeräumt freundlich wirkt. Vielleicht zu freundlich. In allen Gesprächen über die Maßen interessiert. Sie schreibt das Protokoll an den Elternabenden. Bastelt die Lose fürs Sommerfest. Sammelt über Wochen Preise für die Tombola. Bereitet die Skifreizeit vor. Ist für jede Spendenaktion zu haben. Für jedes Wändestreichen. Tischeaufstellen. Kuchenbacken.

Dennoch hat es mich nicht überrascht, Márti. Weil ich ja weiß, alles ist möglich, jeder trägt alles mit sich. Also auch die Möglichkeit, als Furie über ein Boot zu stapfen und die eigenen Kinder ins offene Meer zu werfen. Nur weil eines auf die Sitze gespuckt hat. Als sollten sie ertrinken. Als wäre es gleich, ob sie auftauchen. Warum sollte man sein Kind dann nicht auch zu einem Vorsprung vor einem Fenster drängen, von dem es sich hinabstürzt? In kleinen zählbaren Schritten? Über Monate, Jahre? Dafür muss ich nicht selbst Mutter sein. Um mir das vorstellen zu können. Muss ich das auch bei Dir befürchten?“

Zsuzsa Bánk | Schlafen werden wir später

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLV

Erlesene Mutterschaft XLV

„Sollte ihren beiden Söhnen etwas zustoßen, wäre ihr Leben vorbei. Dann wäre sie am Ende, nichts ginge mehr. Trotzdem wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen verbringen. Kam einer von ihnen ins Zimmer, stieg ihr Puls, als wäre sie eine Angestellte, die sich vor der Arbeit drückte, und als wären Jonas mit seinen zwanzig Jahren sowie Martin mit seinen achtzehn ihre autoritären Chefs. Ingrid wusste immer, wann sie Geld haben wollten: Dann waren ihre Gesichter offen und freundlich, fast so wie früher. Anfangs war sie darüber traurig gewesen. Wie bei einem Liebesverhältnis, das zu Ende war, dachte sie, wenn die beiden durchs Haus trampelten und nur lächelten oder ihr in die Augen sahen, sobald sie Geld brauchten.

Kommst du heute zum Essen?, fragte sie manchmal per SMS, und wenn die Antwort, falls eine Antwort kam, nein lautete, ohne großen Anfangsbuchstaben, Erklärung oder Entschuldigung, schrieb sie zurück: Okay. Dann hebe ich dir eine Portion auf :–) An mir soll es nicht liegen, dachte Ingrid, während sie auf Senden drückte.“

Nina Lykke | Aufruhr in mittleren Jahren

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLIV

Erlesene Mutterschaft XLIV

„Nachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren Kinderrücken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daß sie nun dem Verheißenen Land der Erwachsenen nähergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie müßte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (…).

Das arme Kind kauerte eine Stunde im Badezimmer, auf den kalten Kacheln der Wanne, hörte nebenan die Mutter im Wäscheschrank kramen und Schubladen rücken, horchte auf das Klirren von Kristallfläschchen und die Seufzer einer alternden Frau, und jetzt endlich ahnte es, daß es mehr als den Augenblick peinlicher Verlegenheit ein gewisses Lächeln fürchtete, ein Aufblitzen von Triumph in den Matronenaugen … Sie haben mich, dachte Frankziska, von panischer Angst erfaßt. Sie fühlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang jeden Morgen den tückischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiße Spülwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Übelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren Säften, ihrem Blut ernährte, und in einem Kreißsaal zu brüllen – und sie starrte, betäubt von der Vorstellung eines barbarischen Prozesses, auf ihren kleinen olivfarbenen Bauch, der ihr schon gewölbter erschien als gestern, sie stöhnte. Ein Gefäß, dachte sie, ich bin ein Gefäß geworden.“

Brigitte Reimann | Franziska Linkerhand

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLIII

Erlesene Mutterschaft XLIII

„Hättest du später gerne mal Kinder?“, fragt Anna.
„Wenn ich nur auf mich höre, wenn ich die Augen vor allem anderen verschließe, ja, dann kann ich nicht behaupten, ich würde mir das nicht wünschen. Auch wenn ich wahrscheinlich nie welche bekommen werde. Und du?“
„Ich bin lesbisch. So eine Frage stellt sich mir erst gar nicht.“
„Und warum?“
„Ich weiß nicht, so bin ich eben veranlagt. Außerdem glaube ich nicht, dass Familie so wirklich mein Ding ist.“
„Es zwingt einen ja keiner, Mama-Papa-Kind zu spielen, oder?“
„Da haben wir keine Wahl … Um es anders zu machen, fehlt uns die Fantasie.“
„Wir sind nicht alle dafür gemacht, was Besonderes zu werden, und mit Kindern hat das gar nichts zu tun. Sieh dir Patti Smith an oder Chrissie Hynde, die haben Kinder, sogar mehrere, und das hat sie nicht daran gehindert, zu werden, was sie sind, viel avantgardistischer als die meisten Lesben, die für Kinderwunsch nur Verachtung übrig haben.“

Négar Djavadi | Desorientale

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLII

Manche Freitage sind abwartend

Ich sitze auf der schmalen grauen Holzbank. Den Oberkörper etwas zur Seite geneigt, um einer störrischen Daunenjacke, die schräg neben mir hängt und sich in meine Richtung plustert, auszuweichen. Beantworte Arbeitsmails. In der Luft, alter Schweiß und Käsebrot. Mir gegenüber lehnt eine ältere Frau vertieft in ein Buch an der Wand. „Die Farbe von“, dann verdecken ihre Finger den Titel. Vor der Türe diskutiert eine andere Frau mit einem Kind. Ich verstehe ihre Sprache nicht und so klingen die schärfer intonierten Worte, die sie in fast rhythmischen Abständen an die halb geflüsterten Sätze hängt, wie das Klackern vom Wind gelöster Fensterbalken.

Immer wieder finde ich mich an solchen Orten, in denen ich mich aus der Zeit gefallen fühle. Ich sitze die Minuten und Stunden ab, während das Kind im Kindergarten eingewöhnt wird, schwimmen lernt, auf dem Klettergerüst turnt oder tanzt.

Diese Warte-Orte von Eltern empfinde ich nicht immer, aber doch meistens als unangenehmes Vakuum. Als Nicht-Raum im Sinne Marc Augés: „Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte. (…) Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie; er existiert, und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft.“ Flughäfen, Supermärkte, Hotelketten und Flüchtlingslager sind solche typischen monokausal genutzten Nicht-Orte, an denen man nicht heimisch ist. Diese Orte haben keine gemeinsame Geschichte und bilden keine individuelle Identität aus – sie sind Zeichen kollektiven Identitätsverlustes und Vereinsamung. Charakterisiert werden Nicht-Orte nach Augé von einer kommunikativen Verwahrlosung.

Die Nicht-Orte der Elternschaft

Ich muss in dem Zusammenhang an das Stereotyp der „Soccer Mom“ denken – es zeichnet das Bild der (weißen Mittelklasse-) Mutter, die sehr viel Zeit damit verbringt, ihre Kinder zu diversen Freizeitaktivitäten zu kutschieren (unabhängig davon, dass es gerade in den USA, wo der Begriff geprägt wurde, angeblich ungleich mehr Väter als in Deutschland oder Österreich gibt, die diese Aufgabe wahrnehmen). Sachen zusammenpacken, Kinder einsammeln, losfahren. Das Stereotyp evoziert stressig-unangenehme Hektik und konzentrierte Aktivität.

Auch abseits dieser Imagination wird – zumindest in meiner Wahrnehmung – die von außen aufgezwungene Zeit des Wartens ausgeblendet. Dieses Warten in Räumen, die in vielen Fällen nicht dafür konzipiert sind, dass sich Menschen länger darin aufhalten. Obwohl doch völlig klar ist, dass genau das der Fall sein wird. Umkleidekabinen. Gänge. Vorräume. Kassenhallen. Die Wartezeit ist zu kurz, um wirklich Großes damit anfangen zu können, aber gleichzeitig zu lang, um lediglich eine wohltuende Pause oder Zäsur im Alltag zu sein.

Wintergedanken. Vielleicht. Ohne Schneeregen ist wieder mehr Spazieren.

Sky-Pony | Waiting Room

Anderes Freitagsnachdenken.