Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Manche Freitage machen sprachlos

Gut gelungen. Sagt die Frau in die Stille einer vertrockneten Konversation. Sie nickt anerkennend in Richtung Kind. Ich versuche, mich nicht am Wein zu verschlucken, und zeitgleich mit meinen Blicken herauszufinden, ob meine Gesprächspartnerin einen Overall oder doch einen Zweiteiler trägt. Verziehe schließlich den Mund und nicke zurück. Gut gelungen. Wie ein erfolgreich umgesetztes Schnittmuster. Ein raffiniertes Gericht. Oder eine überraschend pointierte Kurzgeschichte. Gemacht jedenfalls. Von wem? Bleibt unbeantwortet. Schwingt freilich mit. Genau wie in den tausend anders erlebten Fällen. So ein sympathisches Kind also. Ich bemühe mich, einen hantigen Gesichtsausdruck zu formen. Trotzdem freue ich mich. Fast zu sehr.

Lay Low | Our Conversations


Ungefilterte Freitagsgefühle.

Wovon die Kinderlosigkeit von Politikerinnen (nicht) erzählt

Die Sunday Times hat eine Foto-Grafik mit kinderlosen Politikerinnen veröffentlicht. Genau. Innen. Es waren nämlich tatsächlich nur Frauen abgebildet. Die Liste nennt unter dem Titel „Childless politicians“ Theresa May, Angela Merkel, Angela Eagle, Ruth Davidson, Natalie Bennett und Justine Greening. Die Freude darüber war bei so manch Betroffener enden wollend:

twitter.com/RuthDavidsonMSP

Screenshot via twitter.com/RuthDavidsonMSP

Ausgangspunkt der mittlerweile breit diskutierten Grafik war die Erzählung der schottischen Politikerin Nicola Sturgeon. Sie berichtete über ihre ungewollte Kinderlosigkeit und eine Fehlgeburt vor ein paar Jahren. „Nicola Sturgeon was detailing a personal story, which she herself states is to overcome the taboo of talking about miscarriage, yet the paper reinforced every taboo with the panel they used to highlight it“, bringt die Gründerin von Women 50:50, Talat Yaqoob, die Kritik gegenüber theguardian.com schön auf den Punkt.

Abgesehen davon, dass männliche und weibliche Politiker*innen immer noch unterschiedlich behandelt werden (wie viele Politiker haben wohl keine Kinder?), wenn es um (Nicht-)Elternschaft geht, hat die Veröffentlichung auch gezeigt, wie biologistisch und ignorant Boulevard und Mainstream immer noch sind. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel zum Beispiel hat zwei Söhne, die ihr Mann aus einer früheren Partnerschaft mit in die Ehe brachte.

Keine Kinder zu haben, gerade dann wenn es sich um eine Frau* handelt, die in der Öffentlichkeit steht, wird unterm Strich häufig als Statement gehandelt. Immer noch müssen sich Politikerinnen den Vorwurf gefallen lassen, der Karriere den Vorzug gegenüber einer Familie zu geben. Dies wird ihnen als egoistischer und empathielos machender Charakterzug ausgelegt.

Dabei gibt es bekanntlich viele Gründe, warum Frauen* kinderlos sind. Sie alle gehen niemanden, schon gar nicht eine breitere Öffentlichkeit etwas an.

Dass Mutterschaft und Politik für viele kaum vereinbar sind, ist ein offenes Geheimnis – und das beginnt vielfach schon auf unterster Ebene. Die Orte, die Zeiten, die Rahmenbedingungen machen es gerade für junge Müttern schwer, daran teilzunehmen (… und ja, verrauchte Buden in linken Kreisen zähle ich auch zu kinderfeindlichen Orten, von wegen „einfach mitnehmen“). Elternschaft und die viele unbezahlte Arbeit, die daran geknüpft ist, ohne die eine kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren kann, lastet auf den Schultern von hauptsächlich Frauen*.

Die geringe Zahl der hochrangigen Politikerinnen, die auch Mütter sind, zeigt indes auch, dass es eine (wenn man so will) demokratische Schieflage gibt, wenn es um Repräsentation geht. Politikerinnen können, nachdem sie keine Arbeitnehmerinnen sind, in Österreich nicht einmal in Mutterschutz geschweige denn in Karenz gehen.

Und so ist diese Tatsache ein weiterer Mosaikstein im Erklärungspuzzle, warum die Politik – abseits von per se konservativen und patriarchalen Bestrebungen – auch weiterhin Forderungen nach mehr Kinder-Betreuungsplätzen, reduzierter Vollarbeitszeit oder besserer Unterstützung von Alleinerziehenden meilenweit hinterher hinken wird. Denn jene, die mit diesen Realitäten tatsächlich kämpfen, haben schlichtweg kaum adäquate politische Vertretungen.

Erlesene Mutterschaft XXIX

„Wie zum Teufel bist du an den Alk rangekommen?“ Er schob sich an ihr vorbei und schüttete sich Cornflakes in die Schale. Dreizehn. Er war größer als sie.

„Kann ich mein Portemonnaie und die Schlüssel haben?“ fragte sie.

„Du kannst das Portemonnaie haben. Die Schlüssel kriegst du, wenn ich weiß, dass es dir gut geht.“

„Mir geht’s gut. Ich gehe morgen wieder zur Arbeit.“

„Du kannst nicht mehr aufhören, wenn du nicht ins Krankenhaus gehst, Mama.“

„Ich komm schon klar. mach dir bitte keine Sorgen. Ich habe den ganzen Tag, um mich zu erholen.“ Sie ging hinaus, um nach den Sachen im Trockner zu sehen.

„Die Hemden sind trocken“, sagte sie zu Joel. „Die Socken brauchen noch etwa zehn Minuten.“

„Keine Zeit. Ich zieh sie nass an.“ Ihre Söhne nahmen ihre Bücher und Rucksäcke, küssten sie zum Abschied und verließen die Wohnung. Sie stand am Fenster und sah ihnen nach, wie sie die Straße hinunter zur Bushaltestelle liefen. Sie wartete, bis der Bus sie eingesammelt hatte und die Telegraph Avenue ansteuerte. Dann ging sie hinaus zum Spirituosenladen an der Ecke. Er hatte jetzt geöffnet.

Lucia Berlin | Was ich sonst noch verpasst habe


Weitere Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXVIII

Popkulturelle Mütter-Gang

Ich bin kein Fan von Fergie Duhamel. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, zur Verteidigung ihres rundum kritisierten neuen Songs „M.I.L.F. $“ anschreiben zu müssen. Der us-amerikanischen The-Black-Eyed-Peas-Sängerin wird vorgeworfen, ihr neues Lied, sei ein feministischer Fehltritt, verlache „normale“ junge Mütter sowie deren wankendes Körperselbstbewusstsein und sie selbst gebe damit kein gutes (feministisches) Vorbild ab.

Aber es ist platter Pop. Pop in Reinform. Und in dieser heilen Popmusik-Welt wohnen neuerdings auch Mütter, die mit ihrem Selbstbewusstsein hausieren gehen. So what? Je mehr sich das mediale Mütterbild differenziert, umso besser. Und diese popkulturelle Mütter-Gang [1] trägt das ihre dazu bei. Mutterschaft, Stillen, sexuelles Begehren, Karriere – das alles wird im „M.I.L.F. $“-Video in eine glatte Barbie-Girl-Welt gegossen. Damit identifiziert sich vermutlich niemand – und entsprechend vermutlich auch keine Mutter. Aber warum sollte das auch plötzlich der Anspruch an Popmusik sein? (Oder hat sich tatsächlich irgendwer mit „Fergalicious“ identifiziert?)

Screenshot: Fergie "M.I.L.F. $"

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Die konstruierte Pop-Welt an sich (!) hat ungezählt viele Problematiken (Normschönheit, Sexyness-Muss, Sexualisierung und Objektivierung von Frauen*, Oberflächlichkeit, Geld-Fixiertheit usw.), aber dass in ihr jetzt auch Mütter vorkommen – und zwar als Akteurinnen –, tut dem Mütterbild gut. Die vielen Mütter in dem Video halten zusammen und setzen damit auch ein Zeichen gegen die medial herbeigeschriebenen Mommy Wars. Sie tragen ihre Mutterschaft nach außen, tanzen auf der Straße (ja, auch in der Milchdusche), verführen junge Männer (man muss der Herkunft des Akronyms schließlich auch gerecht werden) und treten beruflich wie privat auch kinderlos in Erscheinung. Außerdem mag ich die schiefe Milch-Metapher, die den gesellschaftlich gepflegten Ekel vor Muttermilch elegant umkehrt. [2]

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Popmusik folgt eigenen Regeln. Fergie zeigt mit ihrem Video: Ja, ich bin Mutter geworden, aber ich habe mich nicht verändert. Sie macht einfach das weiter, was sie immer gemacht hat: Hochglanz-Popmusik. Nur, dass jetzt sie jetzt eben auch noch ein Kind hat. Das ist eine starke und gute Botschaft. Eine feministische, wenn man so will.

Mutterschaft hat viele unsexy Momente, Phasen, Zeiten. Vielleicht wollen manche Mütter daran beim Konsum von Musik eben nicht erinnert werden? Vielleicht wollen sie sich in ihren Lieblingssongs auch als Mütter repräsentiert sehen? Jede Frau* hat ihre eigenen Ängste, was Mutterschaft aus einer macht. Die Angst, sich zu verändern und eine andere zu werden – werden zu müssen, ist eine von vielen. Deswegen finde ich es schön, wenn der Mainstream, in dem Mütter vor allem liebende Sorgewesen oder andernfalls zu verachtende Rabenmütter sind, um die Figuren, die Fergie in ihrem Video erschaffen hat, erweitert wird.

This whole mess doesn’t look anything like motherhood„, schreibt the Stir über das Video. Was soll man darauf auch erwidern, außer: Well, that’s the point, I guess.

Fergie M.I.L.F. $

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“


[1] Kim Kardashian West, Chrissy Teigen, Ciara, Devon Aoki, Alessandra Ambrosio, Natasha Poly, Angela Lindvall, Isabeli Fontana, Amber Valletta, Tara Lynn, and Gemma Ward

[2] Chrissy Teigen, die Stillende im Video, teilt passenderweise auf Snapchat immer wieder Stillfotos. Sie hat die harsche Verhaltensmaßregelung, die Mütter in der Öffentlichkeit erfahren, auch am eigenen Leib erfahren und erst kürzlich die unleidige Kritik fürs Ausgehen-trotz-Jungmutter erfahren (‚Shame me too!‘ John Legend lashes out at critics of Chrissy Teigen’s parenting skills after they left their three-week old daughter with a sitter).

Erlesene Mutterschaft XXVIII

„Iris‘ Augen hatten getränt vor Müdigkeit, als sie früher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof müde ausgesehen, müde und alt, das waren meine ersten beiden Eindrücke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken müssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemäß gealtert zu sein, ihr Gesicht war schmaler geworden, alle Linien klarer.

Jockel stand schon auf dem Bahnsteig neben ihr. Es war Iris‘ Vorschlag gewesen, ihn zu unserem Treffen einzuladen, und ich hatte es nicht geschafft zu sagen, dass es mir gar nicht um irgendwelche Zusammenhänge von früher ging, sondern darum, Iris in ihrem Leben zu besuchen. Sie hatte ohnehin deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte.

‚Ich will eigentlich nicht, dass das Kind da ist, wenn wir uns wiedersehen‘, hatte sie gesagt. Von Jockel wusste ich, dass sie immer über ‚das Kind‘ sprach, so, wie sie früher über ihre Fotografien immer als ‚die Kunst‘ gesprochen hatte, als wollte sie mit einer Art ironischen Überhöhung verbergen, wie wichtig es ihr eigentlich war.“

Hanna Lemke | Gesichertes


Weitere Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXVII

Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?