Popkulturelle Mütter-Gang

Ich bin kein Fan von Fergie Duhamel. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, zur Verteidigung ihres rundum kritisierten neuen Songs „M.I.L.F. $“ anschreiben zu müssen. Der us-amerikanischen The-Black-Eyed-Peas-Sängerin wird vorgeworfen, ihr neues Lied, sei ein feministischer Fehltritt, verlache „normale“ junge Mütter sowie deren wankendes Körperselbstbewusstsein und sie selbst gebe damit kein gutes (feministisches) Vorbild ab.

Aber es ist platter Pop. Pop in Reinform. Und in dieser heilen Popmusik-Welt wohnen neuerdings auch Mütter, die mit ihrem Selbstbewusstsein hausieren gehen. So what? Je mehr sich das mediale Mütterbild differenziert, umso besser. Und diese popkulturelle Mütter-Gang [1] trägt das ihre dazu bei. Mutterschaft, Stillen, sexuelles Begehren, Karriere – das alles wird im „M.I.L.F. $“-Video in eine glatte Barbie-Girl-Welt gegossen. Damit identifiziert sich vermutlich niemand – und entsprechend vermutlich auch keine Mutter. Aber warum sollte das auch plötzlich der Anspruch an Popmusik sein? (Oder hat sich tatsächlich irgendwer mit „Fergalicious“ identifiziert?)

Screenshot: Fergie "M.I.L.F. $"

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Die konstruierte Pop-Welt an sich (!) hat ungezählt viele Problematiken (Normschönheit, Sexyness-Muss, Sexualisierung und Objektivierung von Frauen*, Oberflächlichkeit, Geld-Fixiertheit usw.), aber dass in ihr jetzt auch Mütter vorkommen – und zwar als Akteurinnen –, tut dem Mütterbild gut. Die vielen Mütter in dem Video halten zusammen und setzen damit auch ein Zeichen gegen die medial herbeigeschriebenen Mommy Wars. Sie tragen ihre Mutterschaft nach außen, tanzen auf der Straße (ja, auch in der Milchdusche), verführen junge Männer (man muss der Herkunft des Akronyms schließlich auch gerecht werden) und treten beruflich wie privat auch kinderlos in Erscheinung. Außerdem mag ich die schiefe Milch-Metapher, die den gesellschaftlich gepflegten Ekel vor Muttermilch elegant umkehrt. [2]

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Popmusik folgt eigenen Regeln. Fergie zeigt mit ihrem Video: Ja, ich bin Mutter geworden, aber ich habe mich nicht verändert. Sie macht einfach das weiter, was sie immer gemacht hat: Hochglanz-Popmusik. Nur, dass jetzt sie jetzt eben auch noch ein Kind hat. Das ist eine starke und gute Botschaft. Eine feministische, wenn man so will.

Mutterschaft hat viele unsexy Momente, Phasen, Zeiten. Vielleicht wollen manche Mütter daran beim Konsum von Musik eben nicht erinnert werden? Vielleicht wollen sie sich in ihren Lieblingssongs auch als Mütter repräsentiert sehen? Jede Frau* hat ihre eigenen Ängste, was Mutterschaft aus einer macht. Die Angst, sich zu verändern und eine andere zu werden – werden zu müssen, ist eine von vielen. Deswegen finde ich es schön, wenn der Mainstream, in dem Mütter vor allem liebende Sorgewesen oder andernfalls zu verachtende Rabenmütter sind, um die Figuren, die Fergie in ihrem Video erschaffen hat, erweitert wird.

This whole mess doesn’t look anything like motherhood„, schreibt the Stir über das Video. Was soll man darauf auch erwidern, außer: Well, that’s the point, I guess.

Fergie M.I.L.F. $

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“


[1] Kim Kardashian West, Chrissy Teigen, Ciara, Devon Aoki, Alessandra Ambrosio, Natasha Poly, Angela Lindvall, Isabeli Fontana, Amber Valletta, Tara Lynn, and Gemma Ward

[2] Chrissy Teigen, die Stillende im Video, teilt passenderweise auf Snapchat immer wieder Stillfotos. Sie hat die harsche Verhaltensmaßregelung, die Mütter in der Öffentlichkeit erfahren, auch am eigenen Leib erfahren und erst kürzlich die unleidige Kritik fürs Ausgehen-trotz-Jungmutter erfahren (‚Shame me too!‘ John Legend lashes out at critics of Chrissy Teigen’s parenting skills after they left their three-week old daughter with a sitter).

Erlesene Mutterschaft XXVIII

„Iris‘ Augen hatten getränt vor Müdigkeit, als sie früher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof müde ausgesehen, müde und alt, das waren meine ersten beiden Eindrücke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken müssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemäß gealtert zu sein, ihr Gesicht war schmaler geworden, alle Linien klarer.

Jockel stand schon auf dem Bahnsteig neben ihr. Es war Iris‘ Vorschlag gewesen, ihn zu unserem Treffen einzuladen, und ich hatte es nicht geschafft zu sagen, dass es mir gar nicht um irgendwelche Zusammenhänge von früher ging, sondern darum, Iris in ihrem Leben zu besuchen. Sie hatte ohnehin deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte.

‚Ich will eigentlich nicht, dass das Kind da ist, wenn wir uns wiedersehen‘, hatte sie gesagt. Von Jockel wusste ich, dass sie immer über ‚das Kind‘ sprach, so, wie sie früher über ihre Fotografien immer als ‚die Kunst‘ gesprochen hatte, als wollte sie mit einer Art ironischen Überhöhung verbergen, wie wichtig es ihr eigentlich war.“

Hanna Lemke | Gesichertes


Weitere Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXVII

Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?

Die kleine Welt der Väterrechtler

In den so genannten sozialen Medien habe ich neulich auf Zahlen zu säumigen Unterhaltszahlungen hingewiesen. Bislang fordert Österreich 1,1 Milliarden Euro von nicht zahlenden Elternteilen ein. Allein im Jahr 2014 zahlte der Bund 134,87 Mio. Euro an Unterhaltsvorschüssen an 51.839 Minderjährige aus (Quelle: SN: Väter schulden Staat mehr als eine Milliarde). Mit Hinweis auf den Vatertag zeigte ich mit diesen Zahlen in Richtung Väter und verwies als Reaktion auf Kommentare mit verdrehten Fakten auf zwei analytische umstandslos-Beiträge zu Männerrechtsbewegungen [1].

Das hatte schlafende Hunde geweckt und Maskus wie Väterrechtler ließen sich zum Teil recht ausfällig über Feminist*innen und ihr (bzw. mich und mein) Verhältnis zu Männern aus. Fazit: Es gäbe ein schlechte Beziehung zum eigenen Vater, aufgrund des Männerhasses seien wir alle alleinerziehend oder hätten eine in jedem Fall mies laufende Beziehung. Außerdem seien wir nur als Resultat der Scheidung unserer Eltern Radikalfeminist*innen geworden.

via kaysbestintentions.blogspot.co.at

 

Das war ziemlich erhellend: Dem gemeinen Väterrechtler dürfte in seinem Sumpf aus Egoismus und Jammerei rund um den armen weißen Mann Solidarität ein Fremdwort sein. Die Möglichkeit, Missstände und Diskriminierungen aufzeigen und sich dagegen stark machen zu können und zu wollen, egal, ob eine selbst nicht davon betroffen ist oder nicht, existiert in ihrem verbohrtem Weltbild nicht.

Aus Fadesse klickte ich mich ein bisschen durch die Accounts besagter Maskulinisten [2]. Das Gesellschaftsbild und die Ideologie ist zum Gruseln, verbinden sich dort wie sooft Misogynie mit Rassismus, Homofeindlichkeit und generell Gedankengut der extremen Rechten. Generell fühlen sich Maskulinisten als Männer und Väter nicht gesehen. Beispiel gefällig? Die etablierten Parteien hätten bei den Landtagswahlen in Wien Männer als Wählerzielgruppe nicht umworben. Ähm … ja, genau. Männer sind entsprechend der Väterrechtler- und Männerbewegungsideologien die neuen (?!) Benachteiligten unserer Gesellschaft. Entsprechend werden bestimmte Fakten über Obsorge, Unterhalt und Besuchsrecht aussortiert und in einen luftleeren Raum gestellt.

Via Twitter erhielt ich u.a. solche Argumente für die Benachteiligung der Väter nach Trennungen:

>90 % bekommt der Vater 14-tägig 1-2 Tage Kontakt, obwohl rund 40 % der Frauen ganztägig berufstätig waren vor Trennung.

die Hälfte der Väter verliert nach rund 3 Jahren nach der Trennung den Kontakt zum Kind vollständig.

Und 10.000e Väter dürfen ihre Kinder am Vatertag nicht sehen, wegen Umgangsboykott, oft sogar gar nicht.

Kleine Interpretation mit Kontextbezug gefällig?

Berufstätige Mütter in Hetero-Paarbeziehungen leisten im Schnitt viel mehr Sorgearbeit als berufstätige Väter – auch wenn beide Vollzeit arbeiten. Das zeigen Forschungen und Studien in Österreich („Viel Erleichterung, aber auch viel Streiterei“. Die Soziologin Gerlinde Mauerer im Interview über Karenzväter) und in Deutschland (Ungleiche Rollenverteilung. Karrierefrauen schmeißen auch den Haushalt), das betrifft die Kinderbetreuung genauso wie den Haushalt: „Berufstätige Frauen übernehmen deutlich mehr Hausarbeit als ihre erwerbstätigen Männer. Noch immer erledigten Frauen drei Viertel der Hausarbeit.“ (Quelle: Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung).

Hint: Vater-Sein und seinen Anteil übernehmen ginge nämlich auch schon vor einer Trennung, liebe Väterrechtler. Da lernt man, was es heißt, Verantwortung für ein Kind zu tragen – mit allen geliebten und weniger geliebten Aufgaben.

Mit dem Thema Kontakabbruch zwischen Vater und Kind nach einer Trennung der Eltern hat sich die Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve auseinandergesetzt und dazu das Buch „Väter im Abseits“ veröffentlicht. In einem Interview mit dem Standard („Mütter haben überhaupt keine Lobby“) geht sie genauer auf die Hintergründe dieser sehr häufigen Kontaktabbrüchen ein:

Eine frühere Studie zeigte, dass etwa die Hälfte der Väter ein Jahr nach einer Scheidung keinen Kontakt mehr zu den Kindern hat. Die Frage nach dem Warum war unser Ausgangspunkt. Unser interdisziplinäres Team konnte in der Arbeit zu dem Buch vor allem vier Erklärungen herausfiltern. Ein Teil der Väter hat einfach kein Interesse und bleibt weg. Viele Väter vergessen zum Beispiel bei Befragungen, die korrekte Zahl ihrer Kinder anzugeben. Auch Männerberatungsstellen haben berichtet, dass das Ende einer Beziehung häufig auch das Ende des Kontaktes zum Kind bedeutet. Ein weiterer Grund ist, wenn die Mutter die Vermittlung zwischen Kind und Vater nicht übernimmt und sich Väter eigenständig um den Kontakt kümmern müssen – das schaffen viele nicht. Beispielsweise wenn Kinder im Teenager-Alter sind und an einem Wochenende dieses und am nächsten jenes vorhaben, da geben Väter mitunter schnell auf. Mütter sind da hartnäckiger. Väter glauben oft, die Kinder brauchen sie nicht so sehr wie die Mutter. Das heißt, die väterliche Identität ist relativ schwach ausgeprägt. Dann gibt es auch die Situation, dass die Mutter den Kontakt unterbindet. Hier ist das Problem die Unfähigkeit, zwischen Paar- und Elternebene zu unterscheiden. Und schließlich ist auch Gewalt des Ex-Partners ein Grund, warum kein Kontakt mehr besteht.

Aber man kann sich natürlich auch wie ihr als Fürsprecher der ach so unterdrückten Väter pauschal in die Opferrolle zwängen und Mütter als böse Gatekeeper*innen anklagen, anstatt für Kinder da zu sein. Zu undifferenziert?

oh well

via soletstalkabout.com


[1] aus: umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft: Zwischen Geschlechterdemokratie und Männerrechtsbewegung und Antifeministisch? Väterbewegung in Deutschland

[2] SWR2 Wissen: Maskulinisten. Krieger im Geschlechterkampf (von Nina Bust-Bartels)

Manche Freitage erstaunen

Am Land. Es gibt Marillenpalatschinken im Gasthaus. Bevor wir uns wieder willig von der Großstadt verschlucken lassen, stolpern wir in den verwachsenen Garten einer verfallenen Volksschule. 1914. Das Baujahr steht auf der Fassade wie der Titel eines Buches. Eine Sonnenuhr schwadroniert im Schatten von Fleiß und Lohn. Wir starren durch verstaubte Fensterscheiben ins Dunkel. Mit dem Kind an der Hand wagen wir uns nicht in das reizvolle Innen. Das wird abgerissen, ruft uns der alte Mann mit dem kleinen Hündchen an der Leine vom Schmiedetor aus zu. Hier werden Startwohnungen gebaut. Ich weiß nicht, ob sein Lachen unseren enttäuschten Blicken oder der Absurdität eines Neubaus im ländlichen Niemandsland gilt.

Warpaint | Shadows

Frühe Freitagsmusik.

Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.

Abriss zur FPÖ-Ideologie Frau=Mutter

Dudu Kücükgöl hat über die neue Staatssekretärin Muna Duzdar und den rechtspopulistischen FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer geschrieben, der es schaffte, eine Kopftuch-Debatte zu konstruieren – über eine Frau, die sich selbst als nicht gläubige Muslimin beschreibt und auch kein Kopftuch trägt. In dem Beitrag im Magazin biber (Muna Duzdar und das Kopftuch oder: Die perverse Debatte) weist sie darüber hinaus auf einen interessanten Aspekt des FPÖ-Parteiprogrammes von 2011 hin: Dort kommen Frauen nämlich explizit nur sieben Mal vor und zwar immer in der Kombination Mann-Frau-Kind. Frauen existieren in der Ideologie der Freiheitlichen nur als Mütter. Die siebte frauenpolitische Aussage betrifft „ungerechte“ Frauenförderungsmaßnahmen.

Eigentlich wollte ich nicht über die FPÖ schreiben und auch nicht über Norbert Hofer. Aber das Frauenbild als alleinige Reduktion auf die Mutterrolle, das eine immer stärker werdende politische Richtung in Österreich vertritt, erschreckt mich angesichts möglicher künftiger Mehrheiten immer mehr.

Gegen Abtreibung, Ehe für alle und Frauenhäuser

Norbert Hofer spricht sich für ein Austreibungsverbot aus (profil), das im Wahlkampf als verpflichtende „Bedenkzeit“ vor Abtreibungen entschärft wurde. Im Handbuch freiheitlicher Politik, das er verfasst hat, wird laut Standard „die Gebärmutter als ‚Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in Österreich‘ beschrieben“. Dazu passend tritt Hofer gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ein.

Gendersensible Gesellschaftspolitik empfindet der Präsidentschaftskandidat als eine Strategie, die die Familie auflöst. Und seine Parteikolleg_innen in Amstetten sehen Frauenhäuser als Ehe zerstörende Institutionen. Für die FPÖ-Ideologie sind „Frauen das Fundament der Familie“.

Wenn sich Hofer in TV-Diskussionen regelmäßig als Fürsprecher für alleinerziehende Mütter aufspielt, dann ist das an Hohn kaum zu überbieten. Denn Frauenarmut und strukturell anstrengend gemachte Familienkonstellationen sind bekanntlich (auch) auf das traditionelle Familienbild zurückzuführen, das in Österreich nach wie vor herrscht.

Die FPÖ will Frauen bevormunden und ausschließlich in der Mutterrolle im Rahmen einer Vater-Mutter-Kind-Familie sehen. Das sagt das Parteiprogramm, das sagen die handelnden Personen. Schon seit Jahren. Immerzu.

Das war nie ein Geheimnis, ebenso wenig wie die Überschneidungen zur Neonazi-Szene keines ist. Und so wurde bei einem Sonnwendfeier der FPÖ 2008 NS-Liedgut („Wenn alle untreu werden“) gesungen, nachdem die blaue Landesrätin Barbara Rosenkranz, die 2010 für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert hat, Mutterschaft zur nationalen Angelegenheit hochstilisiert und kritisiert hat, dass „(…) jede Hure großes öffentliches Interesse (…) findet. Die mütterliche Frau dagegen, wenn sie überhaupt wahrgenommen wird, als Beispiel eines veraltenden (sic) Rollenbildes allenfalls belächelt wird.“ (Quelle: Rosenkranz-Rede (c) profil)

Deswegen. Genau auch deswegen muss Mutterschaft aus feministischer Perspektive betrachtet werden.