Abriss zur FPÖ-Ideologie Frau=Mutter

Dudu Kücükgöl hat über die neue Staatssekretärin Muna Duzdar und den rechtspopulistischen FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer geschrieben, der es schaffte, eine Kopftuch-Debatte zu konstruieren – über eine Frau, die sich selbst als nicht gläubige Muslimin beschreibt und auch kein Kopftuch trägt. In dem Beitrag im Magazin biber (Muna Duzdar und das Kopftuch oder: Die perverse Debatte) weist sie darüber hinaus auf einen interessanten Aspekt des FPÖ-Parteiprogrammes von 2011 hin: Dort kommen Frauen nämlich explizit nur sieben Mal vor und zwar immer in der Kombination Mann-Frau-Kind. Frauen existieren in der Ideologie der Freiheitlichen nur als Mütter. Die siebte frauenpolitische Aussage betrifft „ungerechte“ Frauenförderungsmaßnahmen.

Eigentlich wollte ich nicht über die FPÖ schreiben und auch nicht über Norbert Hofer. Aber das Frauenbild als alleinige Reduktion auf die Mutterrolle, das eine immer stärker werdende politische Richtung in Österreich vertritt, erschreckt mich angesichts möglicher künftiger Mehrheiten immer mehr.

Gegen Abtreibung, Ehe für alle und Frauenhäuser

Norbert Hofer spricht sich für ein Austreibungsverbot aus (profil), das im Wahlkampf als verpflichtende „Bedenkzeit“ vor Abtreibungen entschärft wurde. Im Handbuch freiheitlicher Politik, das er verfasst hat, wird laut Standard „die Gebärmutter als ‚Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in Österreich‘ beschrieben“. Dazu passend tritt Hofer gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ein.

Gendersensible Gesellschaftspolitik empfindet der Präsidentschaftskandidat als eine Strategie, die die Familie auflöst. Und seine Parteikolleg_innen in Amstetten sehen Frauenhäuser als Ehe zerstörende Institutionen. Für die FPÖ-Ideologie sind „Frauen das Fundament der Familie“.

Wenn sich Hofer in TV-Diskussionen regelmäßig als Fürsprecher für alleinerziehende Mütter aufspielt, dann ist das an Hohn kaum zu überbieten. Denn Frauenarmut und strukturell anstrengend gemachte Familienkonstellationen sind bekanntlich (auch) auf das traditionelle Familienbild zurückzuführen, das in Österreich nach wie vor herrscht.

Die FPÖ will Frauen bevormunden und ausschließlich in der Mutterrolle im Rahmen einer Vater-Mutter-Kind-Familie sehen. Das sagt das Parteiprogramm, das sagen die handelnden Personen. Schon seit Jahren. Immerzu.

Das war nie ein Geheimnis, ebenso wenig wie die Überschneidungen zur Neonazi-Szene keines ist. Und so wurde bei einem Sonnwendfeier der FPÖ 2008 NS-Liedgut („Wenn alle untreu werden“) gesungen, nachdem die blaue Landesrätin Barbara Rosenkranz, die 2010 für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert hat, Mutterschaft zur nationalen Angelegenheit hochstilisiert und kritisiert hat, dass „(…) jede Hure großes öffentliches Interesse (…) findet. Die mütterliche Frau dagegen, wenn sie überhaupt wahrgenommen wird, als Beispiel eines veraltenden (sic) Rollenbildes allenfalls belächelt wird.“ (Quelle: Rosenkranz-Rede (c) profil)

Deswegen. Genau auch deswegen muss Mutterschaft aus feministischer Perspektive betrachtet werden.

Erlesene Mutterschaft XXVII

Fließ-Weiland || „Vor Sophies Geburt hatten sie lang und breit darüber gesprochen, was für eine Sorte Eltern sie sein wollten. Jule hatte geschworen, niemals eine dieser hysterischen Mütter zu werden, die ihren Kindern auf Berliner Spielplätzen mit Feuchttüchern und Vollkornkeksen hinterherrannten. (…) Natürlich würde ein Kind manches ändern, aber das war kein Grund für permanenten Ausnahmezustand. Glückliche Eltern hatten glückliche Kinder, weshalb man bei allem Stress niemals vergessen durfte, auf sich selbst zu achten. Das nötige Babyzubehör bestellten sie im Internet; danach fühlten sie sich für alles gerüstet. Dann kam Sophie. Die ersten Tage nach der Geburt stellten einen surrealen Film dar, in dem es weder Sprache noch Tageszeiten gab, nur unklares Licht und klagende Laute. Sie irrten durch die Trümmer ihrer ausgiebigen Vorbereitung, zwei kopflose Erwachsene auf der Suche nach Schnullern, Windeln, Feuchttüchern, Söckchen. Hoben Gegenstände auf und ließen sie wieder fallen. Fingen alles halb an und vergaßen gleich wieder, was sie vorgehabt hatten. Im Bad stapelte sich die Schmutzwäsche, an der Haustür der Müll. Sophie schrie viel und war ziemlich hässlich. Ob man sie auf dem Arm trug oder ins Bettchen legte, sie streichelte, massierte, ihr etwas vorsang oder ein Kuscheltier vor ihrem Gesicht tanzen ließ – sie schien den Unterschied kaum zu bemerken. Von magischen Momenten oder überwältigenden Glücksgefühlen keine Spur.“

Gombrowski, geb. Niehaus || „Sie ertrug kein Geschrei und schon gar keine Gewalt. Jedes laute Wort erschütterte sie bis ins Mark, jede erhobene Faust fuhr ihr direkt in die Eingeweide. Im Laufe der Jahre hatte sich Elena in ein Auffangbecken für böse Worte und rüde Gesten verwandelt. Jede Form von Brutalität floss in ihre Richtung. Beschimpfungen, Drohungen, Schläge meinten immer sie. Als Püppi ins Trotzalter gekommen war und anfing, ihrem Papa Widerworte zu geben, hatte Elena gelernt, die gesamte zerstörerische Energie von Gombrowskis Wut auf sich selbst zu lenken. Fuhr eine Hand durch die Luft, stand Elena im Weg, um dem Streich eine Richtung zu geben. Es wurde zu ihrer Lebensaufgabe, Ursache und Ziel aller Gewalt zu sein, weil jeder Schlag, der sie traf, ihre Tochter verschonte.“

Kron-Hübschke || „Es war nie leicht gewesen, Krönchen zu durchschauen. Ihre Stimmungen wechselten schnell, und Kathrin hatte sie schon im Alter von drei Jahren dabei ertappt, wie sie mit einem Handspiegel im Badezimmer saß und Gesichtsausdrücke übte: schmollen, lächeln, flirten, Wut. Was, wenn Krönchen log, nicht aus bösem Willen, sondern so, wie Kinder eben manchmal die Wahrheit verdrehten, wenn die Phantasie mit ihnen durchging? Ein Abgrund öffnete sich vor Kathrins Füßen. Im nächsten Augenblick krampfte sich ihr Herz zusammen bei der Vorstellung, welche Ängste die Kleine in Hildes nächtlichem Haus ausgestanden haben mochte. Die Sehnsucht danach, ihrer Tochter zu glauben, war exakt gleich stark mit dem Wunsch, die schlimme Geschichte möge nur in Krönchens Einbildung passiert sein. Zwischen diesen beiden Fronten wurde Kathrin auf das Format einer Rabenmutter zusammengedrückt.“

Juli Zeh | Unterleuten


Weitere Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXVI

Muttersein. Nicht-Muttersein. Neu-Muttersein.

Zwei Monate nach der Geburt des Kindes war ich im Hamam. Nach den vielen mehr und weniger schmerzhaften körperlichen Erfahrungen im Wochenbett fand ich dort, zwischen zwischen den Marmorsteinen des Dampfbades, neu in meinen Körper zurück. Ich wurde mit Wasser übergossen, geschrubbt und eingeschäumt. Am Ende floss noch einmal erst warmes und dann eiskaltes Wasser über meinen Körper. Zum ersten Mal seit langem gehörte ich für kurze Zeit wieder mir alleine.

Mutter werden. Mutter sein. Als ich schwanger war, habe ich damit sehr gekämpft. Ich konnte es nicht in Worte fassen, aber mir war sehr klar: Ich wollte keine Mutter werden. Ein Kind haben, ja. Für ein Kind sorgen, ja. Verantwortung für ein Kind tragen, ja. Ein Kind lieben, ja. Elternsein, ja. Und selbst dieses Ja wackelte hin und wieder durchaus. Aber das Mutterkonstrukt, das ich auf mich zuschwappen ahnte, nein, ganz sicher, nein. Vor dieser Welle wollte ich davonlaufen. Ich schleppte die Vorahnung der Mutteridealisierung, der Mutterverantwortung und der Mutterzuschreibung wie eine Last in der Schwangerschaft mit. Fühlte mich erinnert an die Teenager-Zeit, in der es mir ähnlich mit dem Mainstream-Frauenbild ergangen ist. Ich wollte mich in diese Reihe der Normierungen nicht einsortieren lassen.

Hanna Putz

Bild via http://www.hannaputz.com (c) Hanna Putz

Dann habe ich feministische Mutterschaftsblogs entdeckt. Sie schafften Luft zwischen mir und der Last der Stereotypisierung, der Normativität, der Erwartungshaltungen. Ich hatte das Gefühl, wieder atmen zu können. Endlich gelang es mir, verschiedene Vorstellungen, was Elternsein für mich bedeuten kann, abseits bekannter Floskeln zu denken. Ich konnte eine andere Mutter sein, eine andere Mutterschaft existiert. Vor allem: Es gibt nicht  d a s  eine Muttersein. Beseelt von diesem neuen Selbstbewusstsein klickte ich mich durch die Beiträge von Fuckermothers, Glücklich scheitern, Bluemilk, Feministmum, Catzenkind, alsMenschverkleidet, Krähenmutter, unsichtbares, Babykram&Kinderkacke und ähnlich liebgewonnene Blogs. Ich mochte die unterschiedlichen Sichtweisen, die Denkanstöße und fühlte mich durch die Beiträge (feministisch) politisiert.

Als das Kind geboren war und ich nach dem ersten Chaos (und weiteren hundert Stunden am Smartphone Blogbeiträge lesend) durchatmen konnte, beschloss ich selbst über Mutterschaft und Feminismus zu schreiben. Zögerlich anfangs, aber kontinuierlich. Und schließlich auch im Kollektiv. Ich habe mich seitdem verändert, habe dazugelernt und sehe Vieles klarer. Was mir damals wie heute ein Anliegen ist: durch das (Be-)Schreiben den Muttermythos zu dekonstruieren. Mutterschaft neu zu denken. Muttersein hatte damit plötzlich etwas Kämpferisches. Ganz wesentlich für (politische) Forderungen ist die Erkenntnis, dass wir Mütter* viele Dinge teilen, aber viele auch nicht – sozioökonomischer Background, (Nicht-)Gesundheit, rassistische Diskriminierung, (un)sichtbare Begehren und (geschlechtliche) Identitäten, strukturelle (Nicht-)Ausschlüsse … Schon in der Schwangerschaft zeigt sich etwa, dass Selbstbestimmung auch eine Frage der finanziellen Mittel ist, wie Feminist Mum treffend festgehalten hat.

Die Blog-Landschaft hat sich in den vergangen fünf Jahren massiv verändert. Viele Eltern (vor allem Mütter) schreiben ihre Erfahrungen ins Netz, tauschen sich untereinander aus, bestärken sich. Sie machen Privates sichtbar und zeigen Schieflagen auf. Dazu kommt: die Eltern-Blogger*innen professionalisieren sich teilweise, wie ich es früher nur als us-amerikanisches Phänomen kannte wie Blue BirdA Cup of Jo und Girl’s Gone Child … und um den nächsten Absatz schleiche ich vorsichtig herum, denn ich will keinesfalls Mamablogs an sich (egal welcher Ausrichtung) kritisieren, die ich, wie schon vielfach gesagt (Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird), für sehr wertvoll halte. Es handelt sich eher um die resignierte Feststellung, dass Mutterschaftserfahrungen auch im Netz in letzter Zeit mehr und mehr auf einen bestimmten Nenner zusammengeschliffen werden. Und dass dieser bestimmte Nenner immer kleiner wird und immer weniger Mütter (be)trifft.

Jenny Lewis

„Laure and Tyrick“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

Denn die Masse und die neue starke Präsenz von Mamablogs erzeugt eine gewisse Normativität. Schon früher habe ich mir dazu anlässlich der Brigitte-Mom-Blog-Aktion Gedanken über das Schubladisieren von Mamablogs gemacht (Die Mutter, das private Wesen). Relevanz bekommt dieser sichtbare Nenner von Mutterschaft deshalb, weil er zur vermeintlich einzigen Stimme verwischt, die öffentlich gehört wird. Auch wenn Mamablogger*innen nach wie vor häufig belächelt und die Nasen über ihre Berichte gerümpft werden: Sie locken durch ihre Leser*innenschar das Interesse der Medien. Und so schreibt das Feuilleton heute tatsächlich (gefühlt?) massig über Mutterschaft. In den letzten Jahren gab es #regrettingmotherhood, Kritik an der Kritik der Latte-Macchiatto-Mütter, Pamphlete über Helicopter-Parenting und deren Widerlegung, Abhandlungen über den Mythos Mutterliebe, Alleinerziehende im Fokus, Bashing und Gegen-Bashing von Pinkifizierung, Mütter-Kinder-Armut undundund. Ich wage zu behaupten, der Fokus liegt dabei beim simplen Clickbaiting.

Mutterschaft durchläuft heute einen neuen Bewertungsspießroutenlauf. Das Private ist zwar sichtbarer geworden, aber die Trennlinie zum Politischen steht mauerhoch. Denn Schuld an Problemen und Miseren tragen die Mütter zuletzt doch selbst, so der Tenor. Bestens ersichtlich an den schönen Coverstorys im Nachrichtenmagazin Profil – wie aktuell, als eine Aussendung zum Aktionstag „Maternal Mental Health“ (diese bescheinigt, dass jede 5. Frau während Schwangerschaft bzw. im ersten Jahr nach der Geburt an einer psychischen Krankheit leidet) zum Anlass genommen wird, Müttern vorzuwerfen, sie machen sich durch ihren Perfektionismus selbst krank und schaden dadurch ihrem Nachwuchs, oder auch hier als erklärt wurde, welche Muttertypen welche Langzeitschäden bei ihren Kindern anrichten. Das Thema destruktive Mutterschaft kann auch ohne Misogynie und Ignoranz gesellschaftlicher Strukturen diskutiert werden!

Jenny Lewis

„Helen and Hudson“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

Deshalb lässt mich das Gefühl nicht los, dass sich trotz der Sichtbarkeit von Mutterschaft im Netz gesellschaftlich rein gar nichts bewegt. Nichts. Das Elternblog-Universum spiegelt in seiner Gesamtheit plötzlich wieder nur einzelne Aspekte von Mutterschaft eines bestimmten Milieus wider. Wichtige Aspekte, aber eben nur kleine Mosaiksteinchen. Es bestätigt sich beständig, dass auch Bloggen ein Privileg ist. Erst kürzlich hat Muttermensch festgestellt, dass die „Bloggerwelt eine Figuration etablierter weißer Akademikereltern“ sei. Die Schilderungen dieser „Figuration“ (die übrigens bestens repräsentiert wird durch das im Standard-Familiensachen-Blog fiktive Eltern-Wir – wo schnell klar wird, wen dieses Wir umfasst und vor allem wen nicht) färbt eine Sicht auf Elternschaft im Netz, die eben wiederum sehr einseitig ist. Wichtige Stimmen über Mutterschaft und die damit verbundenen Diskriminierungen, Schieflagen, Herausforderungen und Kämpfe werden marginalisiert und bleiben ungehört – entweder weil sie nicht ausformuliert sind oder weil sie von der Masse überschattet werden.

Nun frage ich mich, was das für (mein) feministisches Muttersein bedeutet, was aus dem Ziel geworden ist, (auch) übers Bloggen das patriarchale, das normative, das strukturell produzierte Mutterbildnis zu zerschlagen. Was nun? Oder besser. Wie sonst? Wie anders?

Heute war ich wieder im Hamam. Ich habe die Fragen über feministische Kämpfe um Mutterschaft mit in den heißen Dunst genommen. Antworten hat das keine gebracht. Aber vielleicht die Erkenntnis, dass der feministische Slogan „Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine“ dringend erweitert werden müsste. Reime sind nicht so mein Ding – aber ergänzt gehört, dass Kinder zu betreuen, erziehen und versorgen im Gegensatz dazu eben nicht alleine die Angelegenheit der Mutter sein darf. Und diese Forderung geht sowohl in Richtung soziale Familie, als auch in Richtung Feminismus und Politik (passend und sehr begrüßenswert dazu ist die heutige Forderung des Österreichischen Frauenrings nach Unterstützung für Alleinerziehende in Form einer Novelle des Unterhaltsvorschussgesetzes für ein wirksames Kindesunterhaltssicherungssystem).

Jenny Lewis

„Xanthe and Louie“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

303.000

Im letzten Jahr sind 303.000 Frauen* bei der Geburt gestorben. In den vergangenen 25 Jahren verlief die Geburt für insgesamt 10,7 Millionen Frauen* tödlich. 99 Prozent von ihnen kommen aus den Ländern des globalen Südens. Nach wie vor bekommt dort nur die Hälfte aller Frauen* während der Geburt die notwendige Gesundheitsvorsorge. Von allen Entwicklungszielen der UN ist die Reduzierung der Müttersterblichkeit das am weitest verfehlte.

An diesem Muttertag (morgen, ja) möchte ich den Gedanken der Solidarität mit allen Müttern und gebärenden Menschen hochhalten.

Es gibt unzählige Projekte, die Geld für sichere Geburten und Schwangerschaften sammeln. Charity hat seine Berechtigung, ja. Aber darüber darf nicht vergessen werden, dass nicht Gelder, sondern patriarchale Strukturen das Hauptproblem sind. Das beweist auch, das schleppende Vorankommen des besagten UN-Entwicklungsziels – das nach Expert*inneneinschätzung am kostengünstigsten aller Entwicklungsziele gelöst werden könnte.

If you have come here to help me, then you are wasting your time … But if you have come because your liberation is bound up with mine, then let us work together.“ (Lilla Watson)

Die Reduzierung von Müttersterblichkeit geht Hand in Hand mit der Stärkung von Frauen*rechten.

Die Initiative Mutternacht hat diese Woche in Wien zu einem Filmabend zum Thema Müttersterblichkeit und Solidarität geladen. Die gezeigte Dokumentation „Sister“ von Brenda Davis kann via iTunes und amazon-instant-video gekauft, geliehen oder gestreamt werden (kostenpflichtig).

Happy Mother’s Day.

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

Erlesene Mutterschaft XXVI

„Der Mittag in der Siedlung ist still. Die Häuser liegen verlassen, die Leute kommen erst zum Feierabend zurück. Stella ist gerne alleine. Sie kann sich gut mit sich selber beschäftigen, mit dem Garten, den Büchern, dem Haushalt, der Wäsche, den langen Telefonaten mit Clara, der Zeitung, dem Nichtstun. Früher hat sie zusammen mit Clara in der Stadt in einem Mietshaus gewohnt, in einer Straße mit vielen Cafés, Bars und Clubs; die Leute saßen direkt vor der Haustür an Tischen unter Sonnenschirmen und Markisen, und ihre Stimmen und Gespräche, ihre Sorgen, Vermutungen, Versprechungen, exzessiven Ausführungen über Glück und Unglück klangen in der Nacht bis hoch in Stellas und Claras Zimmer hinein. Niemals. Für immer. Je wieder, nie mehr, bis morgen, auf Wiedersehen. Das ist nicht lange her. Stella kann nicht sagen, dass sie dieses Leben vermissen würde. Sie ist heute gerne alleine, früher war sie nicht gerne alleine, so einfach ist das, sie weiß nur nicht mehr genau, wann diese Veränderung eigentlich eingetreten ist. (…)

Das liegt an diesen Kindern, sagt Clara. Sie fressen dich auf. Stella denkt daran, wenn sie morgens mit Ava am Küchentisch sitzt und ihr zusieht, wie sie eine Banane isst, Tee mit Honig trinkt.

Clara sagt, ihr fresst uns auf. Stimmt das, Ava?

Avas Lachen klingt erstaunt. Empört und ein wenig ertappt.“

Judith Hermann | Aller Liebe Anfang

Manche Freitage pulsieren

Das Kind hat mir gemalte Herzen im Recherche-Block versteckt. In den Notizen schwärmt eine Ärztin von der Eleganz menschlicher Herzen. Ich kann damit wenig anfangen und schweife in Gedanken ab. Male mit meiner Erinnerung Las Dos Fridas auf die weiße Wand. Herzblut.

Josephine Foster | My Wandering Heart

Freitagsmusik. Für Herzen.