Feministisch schwanger sein. Oder: Eine Titelzeile für Google.

Als ich Anfang 2011 schwanger wurde, waren Blogs, die sich aus feministischer Perspektive mit Schwanger-Sein und Mutterschaft/Elternschaft auseinandersetzten mein Rettungsanker. Ernsthaft. Ich habe das Internet nach immer neuen Beiträgen durchforstet und alle Seiten, die ich gefunden habe, bis tief zurück ins Archiv verschlungen. So bin ich halbwegs gut durch die Schwangerschaftswochen gekommen. Es war eine kleine, kleine Community, die im Laufe der vergangenen Jahre unglaublich gewachsen ist.

Dass Feminismus wichtige Aspekte von Schwangerschaft und Körper-Selbstbestimmtheit beleuchtet und in der „erlebenden Praxis“ des Schwanger-Seins wertvolle Nachdenkprozesse initiieren kann, steht heute außer Frage. Dachte ich zumindest.

Nun ist es nicht zum ersten Mal so, dass irgendwo breiten- und öffentlichkeitswirksam beklagt wird, dass es einen feministischen Blick auf Mutterschaft und speziell auf Schwangerschaft nicht oder zumindest kaum gibt und feministische Autor*innen von dem (kommerziellen) Medium, das diese Anklage verbreitet, indirekt zum Rapport gebeten werden. Allerdings muss man heute im Unterschied zu 2011 nicht sonderlich lang googlen [1], um auf eine Fülle interessanter Beiträge zu stoßen. Ich würde meinen, es ist der lautstark geforderten Vernetzung und gegenseitigen Stützung, um als ein Viele wahrgenommen zu werden, nicht recht dienlich, bestehende Bemühungen mit ein paar Sätzen vom Tisch zu wischen. Oder wie es @glcklchschtrn ausdrückte:

melanie

Es ist mir völlig klar, dass es unmöglich ist, die Vielzahl feministischer Blogs ständig unter Beobachtung zu haben – zumal eigene Interessensgebiete ja auch oft ganz woanders liegen. Gerade das Thema Schwangerschaft berührt die „Betroffenen“ immerhin auch nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg; und ist der vorbei, drängen sich ziemlich schnell andere Themen ins Blickfeld.

Meine Befürchtung ist aber, dass Clickbait-Journalismus – nicht nur auf feministischen Schlachtfeldern – jegliche aufeinander aufbauende Diskurse verhindert. „Obwohl sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, wird verbissen am ‚More of the Same‘-Prinzip festgehalten“, schreibt Ex-Onlinerin Groschenphilosophin in ihrem sehr lesenswerten Resümee allgemein über die Branche: Quick and dirty (thegap). Wenn sich jeder Beitrag marktschreierisch verbreiten will, dann muss im Teaser zumindest der Hauch von Neuigkeit sein. Leider werden dann aus persönlichen Erfahrungen – die von den Autor*innen vermutlich tatsächlich erstmalig gemacht werden –, schnell gesellschaftliche Wahrheiten, die laufende Diskussionen und Entwürfe überschreiben, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ist vielleicht die traurigste Ironie des Internets mit all seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Um zum eingangs erwähnten Quasi-Vorwurf zurückgekommen, dass feministische Blogs sich angeblich nicht mit Schwangerschaft und Schwanger-Sein auseinandersetzen: nachfolgende eine kleine Auswahl von Links zu teils langjährig bestehenden feministischen Blogs oder Blogkollektiven und Magazinen, auf und in denen sich einzelne oderer mehrere Autor*innen intensiv mit feministischen Blickwinkeln auf Schwangerschaft und Gebären beschäftigt haben – als eine Art persönliches Best-Of (bitte sehr gerne um Ergänzungen in den Kommentaren):

SPOILER: Ich habe die meisten Links mit einer „schwanger“-Stichwortsuche befüllt, damit die entsprechenden Texte sofort gefunden werden.

uterusprojekt – feministisches Blog über Schwangerschaft und das, was danach kommt

fuckermothers –  feministische Perspektiven auf Mutterschaft

glücklich scheitern – Familienblog mit Feminismus & Fernweh

umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft

feminist mum

an.schläge – das feministische Magazin

blue milk. thinking + motherhood = feminist

Mädchenmannschaft

Und ja, auch auf diesem Blog habe ich mich das eine oder andere Mal mit Schwangerschaft aus feministischer Perspektive auseinandergesetzt: et voilà (nach dem googlebaren Blogtitel reicht eine völlig un-SEO-mäßige Verlinkung – die beste Vernetzung machen wir uns nämlich immer noch selbst und gegenseitig, finde ich)


[1] Nachtrag: Diese Ergebnisse liefert die Suchmaschine, wenn eine „blog feminismus schwangerschaft“ eingibt: Give it a try!

Erlesene Mutterschaft XXXI

„Ein Geschlecht ohne Väter, ohne Männer.

So könnte Calixe ihre Familie beschreiben. Wenn sie zurückblickte, gab es dort weit und breit keinen Mann. Dennoch handelte es sich nicht um eine unbefleckte Empfängnis. Sie hatten existiert, ganz zu Anfang, doch sie verschwanden, sobald ihr Samen sich behaglich in der Wärme eingenistet hatte.

Und die Töchter, die danach kamen, waren eine lebenslange schmerzhafte Erinnerung an die Abwesenheit, die wie ein Schatten über ihnen schwebte und sie daran hinderte, Anschluss an ein Leben zu finden, wie es hätte sein sollen. Es hatte die Töchter scheu gemacht.

Ihre Mutter hatte sie eines abends geküsst und ins Bett gebracht, danach hatte sie sich selbst hingelegt, mit einer Handvoll Pillen und einem Glas Leitungswasser. Am nächsten Morgen hatte Calixe zunächst gewartet und danach vergeblich versucht, sie zu wecken. Es hatte Jahre gedauert, bis sie nicht mehr glaubte, es habe an ihr gelegen, dass ihre Mutter nicht mehr hatte aufwachen wollen.“

Rachida Lamrabet | Über die Liebe und den Hass


Alle Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXX

Bastel-Anleitung zur Politisierung

Oh, wow. Gestern starrte ich voll Erstaunen (Entsetzen?) in Kommentar- und Timeline-Spalten. Tatsächlich fanden und finden dort ideologische Grabenkämpfe um das Basteln von Adventkalendern statt. Was es darüber zu diskutieren gibt? Wer wem mit der Perfektion an sich, dem Basteln von Kinderfreuden und dem Präsentieren der DIY-Ergebnisse im Netz Druck macht, auf die Nerven oder sonstwo vorbei geht.

Was sagt es über mich als Mutter aus, wenn ich gestehe, dass ich durch die Diskussionen, ob DIY-Kalender andere Eltern in Bedrängnis bringen oder nicht, erst an das Thema erinnert wurde („Huch, der 1. Dezember naht und da war ja was …!“) ? Unter welcher Kategorie werden im Rahmen dieses Diskurses Mütter geführt, die schlichtweg vergessen, ihrem Kind einen Adventkalender zu unterbreiten?

Erst Stillen, dann Bio-Essen, dann Selbernähen und jetzt fucking Adventkalender-Basteln? Die Naturalisierung von Mutterschaft schreitet munter voran. Alles schön verziert mit ein bisschen als Konsumkritik getarntem Klassismus und einem Hauch Elitarismus, könnte man böse behaupten.

Es ist mir völlig klar, das hinter all der Aufregung ein Haufen ideologischer Mutterschaftsmythosmüll und jede Menge gesellschaftlicher Druck zur Perfektion steckt. Bei mir ist es eben nicht der Adventkalender, aber ich habe meine anderen wunden Stellen, die mich an den Qualitäten meiner Elternschaft zweifeln lassen. I feel you. Und ja, ja, ja! Das Private ist politisch. Aber Adventkalender? Ernsthaft? Das lässt jeglichen Versuch Erziehungs- und Care-Arbeit oder geschlechterspezifische Schieflagen in größere gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu betten wirklich kläglich scheitern.

Es gibt viele (!) unterschiedliche Gründe, warum Eltern mit und für ihre Kinder basteln, nähen oder kochen. Das hat mit unterschiedlichen Interessen zu tun, mit Routinen und selbstverständlich auch mit Zwängen. Manche versuchen dem Kind etwas zu bieten, was es im eigenen Zuhause nicht gab. Andere basteln einfach gerne. Und für wieder andere ist es eine gute Gelegenheit, dem Kind eine Freude zu bereiten. Soll sein. Freilich, es gibt die Instagram-Bastelidyllen und DIY-Heile-Welten. Aber das sind konstruierte Werbewelten, die sich des Narrativs der perfekten Mutter bedienen! Sie müssen abstrahiert von den Lebenswirklichkeiten betrachtet werden: Da ist möglicherweise die alleinerziehende Mutter, die ihrem Kind keinen Urlaub und kein schickes nicht-gegendertes Winter-Outfit bieten kann, aber die Abende im November gerne nutzt bei einem Glas Rotwein, vielleicht Klopapierrollen grün anzumalen, zu einem Christbaum zu drappieren und mit netten Zettelbotschaften zu befüllen. Oder die dreifache Mutter, die ein schlechtes Gewissen plagt, weil die letzten Wochen so stressig waren und sie ihren Kindern mit ein paar aufgehängten Schoko-befüllten Söckchen eine schöne Freude machen will. Oder was ist mir der ungewollt kinderlosen Frau, die für das Kind der Freundin einen bezaubernden Adventkalender aus gestrickten Säckchen zum Überm-Bett-Aufhängen bastelt – einfach weil sie eben gerne Dinge für Kinder macht? Können wir bitte aufhören, das zu kritisieren? Und können wir bitte damit aufhören, Eltern und andere soziale Bezugspersonen von Kindern für ihre individuellen Entscheidungen zu bemängeln, wenn sie ohnehin in Kinder-Angelegenheiten auf weiten Strecken von Politik und Gesellschaft zwar mit Argusaugen beobachtet und wertend verfolgt, aber schlussendlich allein gelassen werden?

Bitte bleiben wir nicht auf der Adventkalender-Ebene stecken! Es sollte doch um die vielen Hundert Mosaiksteinchen gehen, die von Gesellschaft, Medien und konservativen Diskursen zu Mutter-Qualitäten gemacht werden. Um die Anforderungen die Müttern zusätzlich zur Verantwortung und strukturellen Diskriminierung umgehängt werden. Eine Person kann dem allein nicht gerecht werden. Unmöglich. Und erst an dieser Stelle sollte das Diktum vom Privaten, das Politisch ist, bemüht werden – dann nämlich, wenn die eigene Lebenswirklichkeit verbunden wird mit gesellschaftlich wirksamen Schieflagen und Ungleichheiten. Ja, das bedeutet vielleicht durchaus, aufzuzeigen, dass mittlerweile das (Nicht-)Basteln von Adventkalender sinnbildlich für die Überforderung von Müttern steht. Wenn wir aber bestehende Verhältnisse kritisieren wollen, dann sollten wir das auch tun, indem wir diese beim Namen nennen, anstatt wieder nur alleine in den Ring zu steigen, uns gegenseitig mit Häme zu bewerfen und andere im gleichen Boot zu Sündenböcken hochzustilisieren. Was wir dabei nämlich übersehen, ist das Patriarchat, das sich währenddessen die besten Plätzen auf der Zuschauertribüne gesichert hat. Und sich heimlich ins Fäustchen lacht.

PS: Ich selbst mag Adventkalender übrigens, weil ich Periodika aller Art schätze. Und weil ich mir gerne Bilder anschaue und Sätze schreibe, habe ich im letzten Jahr sogar selbst einen gebastelt. Für Erwachsene. Aus Zeitgründen bleibt es heuer beim Rotwein. Cheers!

Manche Freitage machen nachdenklich

„kinderlose freundin“ „kinderlose freunde“ „kinderlose freundinnen“ „freunde ohne kinder“ „freundinnen mit kindern“ „veränderung freundschaft baby“ „eltern kinderlose freundschaft“ „freundschaften nach der geburt“ „freunde verloren durch kind“ „freundschaft eltern kinderlose“ „kinderlose freundin nervt“ „freundinnen mütter“ „mutter freundschaften“ „freundschaft eltern ohne kinder“ „alle freundinnen bekommen kinder“ „freundinnen ohne kinder“ „freundschaften mutter“ „freundschaft kinderlose“ „freundschaften trotz kind“ „freundschaften als mutter“ „baby bekommen freundin verloren“ „freundschaften baby“ „freundinnen eine mama eine kinderlos“ „freundinnen bekommen kinder“ „freundinnen kinder“ „freundschaft mit und ohne kinder“ „freundin interessiert sich nicht für mein kind“ „seit ich kinder habe kontakt zu freundinnen verloren“ „schwanger wie sag ich es meiner kinderlosen freundin“ „kinderlos freundin schwanger“ „freundschaften zwischen eltern und kinderlose“ „junge mutter alte freundschaften kinderlose“ „meine freundinnen reden nur noch über babys“ „freunde trotz baby“

Es gibt Suchanfragen, die machen mich nachdenklich. Nein, traurig. Besonders solche, die zu Hunderten wieder und wieder und wieder hierher führen.

Krista Papista | Bad F


Noch mehr Freitagsgedanken.

lebensarbeitsalltag.

Wäsche einschalten. Geburtstagsgeschenk kaufen. Interview vorbereiten. Schreiben. Wäsche aufhängen. Einkaufen. Lesen. In der Warteschleife beim Kinderarzt hängen. Trösten. Gynäkologe. Schreiben. Seminar-Vorbereitung. Formulare unterzeichnen. Viennale-Termine einquetschen. Kochen. Honorarnoten schreiben. Kindergeburtstag vorbereiten. Augenärztin. Telefonate von unterwegs. Lachen. Skype-Termin wahrnehmen. E-Mails lesen. Deadlines ausreizen. Mittagessen absagen. Schreiben. Laternenbasteln. Im Stehen essen. Autorisierungen abschicken. Nachtapotheke suchen. Abends eine gemeinsame To-do-Liste aufteilen. Zugtickets kaufen. Pünktlich sein. Handwerker halbherzig instruieren. Babysitterin koordinieren. Schreiben. Aufräumen. Kinderschwimmen anmelden. Yogamatte ausrollen. Ausgehen absagen. Eine Karte schreiben. Über Sommerkleider im Herbst diskutieren. Weinen. Kastanien sammeln. Migräne wegatmen. Uni-Fristen einhalten. Ärgern. Haareschneiden verschieben. Pakete abholen vergessen. Schreiben. Museumsbesuch ausmachen. Torte backen. Schreiben. Ein Glas Wein trinken. Zwei. Recherche-Termin wahrnehmen. Schreiben. Die letzte Mutter-Kind-Pass-Untersuchung im Kalender eintragen. Immerhin.

Guda Koster – Supper 20014

(c) Guda Koster „Supper“ (2014) via http://gudakoster.nl

 

Erlesene Mutterschaft XXX

„Mit Frauen war es auch alles nicht so einfach, aber deutlich besser. Eva gestand Chrystyna, dass sie bisher noch mit keiner Frau zusammengewesen sei, von der sie den Eindruck hatte, sie sei ihr ebenbürtig, wie Chrystyna es war. Meist hatte sie sich Partnerinnen gesucht, die emotional von ihr abhängig und deutlich schwächer waren als sie. Meist waren sie fast übertrieben weiblich und sehr hübsch, aber nicht übermäßig intelligent und oft hysterisch. Ihre Therapeutin erklärte das mit einer erstarrten Gestalt aus Evas Kindheit: Als typische ‚Papatochter‘ würde sie für ihre Beziehungen stets nicht weniger typische ‚Mamatöchter‘ wählen, Frauen, die keine Beziehung zu ihrem Vater aufbauen konnten, entweder aufgrund dessen Abwesenheit oder Gleichgültigkeit oder im Gegenteil aufgrund übertriebener Aufmerksamkeit. Wie die Therapeutin erklärte, würden Väter, die in ihrer Ehe keine Erfüllung finden, versuchen, dies in der Beziehung zu ihrer Tochter zu kompensieren und ihr dadurch eine fast vollwertige Erwachsenenbeziehung vortäuschen, und wenn sie dann von ihrer Tochter zu einer wirklich erwachsenen Frau gehen, würde das Kind das als Verrat auffassen und das Gefühl haben, für eine andere Frau verlassen worden zu sein.“

Natalka Sniadanko | Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen


Weitere Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXIX

Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series