Erlesene Mutterschaft XL

„Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen –

Sophie: Damit der Rauch nach draußen zieht.

Daniel: Damit sie währenddessen weinen kann.

Sophie: –

Daniel: Wie heißt du?

Sophie: Sag ich nicht.

Daniel: Ich heiße Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen Männer in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen muss. Ich bin nämlich ausreichend.

Sophie: Marlboro rot bitte. Gleich zwei. Dann reicht es für morgen auch.

Daniel: Einmal winke ich ihr vom Küchenfenster aus zu, und meine Mutter sieht es, und haut mir eine solche Watschn runter, dass mir Hören und Sagen vergeht. Dabei schielt sie ja selber immer öfters rüber, seit sie sich mit dem Papa streitet, weil der Papa gegenüber, mit seinem großen, gemütlichen Bauch, der wird überhaupt nie grob, der baut sich eine Burg aus der Zeitung und Kaffee und einem Turm Croissants, und da gibt es keinen Zutritt. Sonst immer Frieden.

Sophie: Wer ist er, der jetzt eines meiner Leben führt? Hallo?

Daniel: Manchmal sehe ich, wie sie ihre Lippen bewegt und ich bilde mir ein, sie grüßt mich.

Sophie: Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bin nur noch ich da. (…)

Daniel: Die Mutter sackt wie ein Brett weg, knallt mir dem Kopf auf die Tischkante und das Knacken höre ich durch die geöffneten Fenster, und später sagen sie –

Sophie: Sie hat Glück gehabt, dass es so gekommen ist.

Daniel: Weil, wie wäre es sonst gekommen?“

Yael Inokai | Marlboro rot

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXIX

Jungs sind eben so? #MeToo und Erziehung

Was der Hashtag #MeToo ins Rollen gebracht hat, fühlt sich lange überfällig an. Mit Genugtuung – und immer auch mit ganz viel Traurigkeit und Schaudern – verfolge ich die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt dazu und die wachsende Liste der mächtigen Männer, die seit Harvey Weinstein endlich ins öffentliche Visier geraten. (Wie sooft brauchte es auch im Fall von #MeToo erst betroffene weiße Frauen, damit alleTM zuhören – worauf Zahara Hill in Bezug auf den Aktivismus von Tarana Burke kritisch verwiesen hat.)

Ich habe in den letzten Wochen und Tagen viel dazu gelesen. Fernsehdiskussionen zu dem Thema habe ich mir erspart – denn natürlich wurde dort denen viel Raum gegeben (Check your Einladungspolitik!), die das Problem sind, nicht zwangsläufig als Täter_innen, doch aber als Mittäter_innen in der Etablierung einer Kultur des Silencing von Opfern. Was ich von männlichen Kommentatoren häufig gehört habe, zuletzt in diesem „Ganz Offen Gesagt“-Podcast von Sebastian Krause, ist, dass sexuelle Belästigung im Alltag und von unterschiedlichen Machtpositionen aus, in Männer-/Kumpels-/Jungs-/Whatever-Runden vor #MeToo nienienie Thema gewesen sei. Das erstaunt mich bei Männern meiner Elterngeneration, die ich insgesamt als schweigsam empfinde, überhaupt nicht, bei Männern aus meiner Generation wundert mich das dann doch bis zu einem gewissen Grad. Ich meine: Nie? Echt jetzt?

Ich frage mich: Wie wird das bei den Männern der nächsten Generationen ausschauen? Es ist ja nicht so, dass Frauen mit #MeToo das erste Mal versuchen, den Fokus auf das massive Ausmaß von sexueller Belästigung zu richten.

In der feministischen Praxis ist es natürlich immer auch ein Kampf um Ressourcen, wenn es darum geht, ob (finanzielle/aktivistische/…) Zuwendung an Mädchen oder an Buben gerichtet werden soll. Über feministische Mädchen- und Kindererziehung wird insgesamt viel geschrieben worden. Über feministische Erziehung von Jungs in Zusammenschau mit einer kritischen Männlichkeitsperspektive sehr viel weniger (hier z.B. ein Interview mit Melanie Trommer von glücklichscheitern dazu). Wesentliche Aspekte davon sind die Themen Konsens und Einvernehmlichkeit. Dabei wäre die Perspektive darauf arg wichtig. Anders geht es nicht. Sonst ändert sich am leidigen „Boys will be Boys“ so schnell wohl nichts.

Boys will be Boys

Die „Boys will be Boys“-Attitüde lässt sich auf jeden beliebigen Spielplatz beobachten. Zumindest hier im städtischen Umfeld habe ich das Gefühl, dass zwar Mädchen für „wildes“ Verhalten zunehmend gestärkt und bewundert werden, jedoch nicht in Bezug auf den sozialen Umgang mit anderen. Das heißt: Klettern, ja. Laut-sein, ja. Schmutzig-sein, ja. Aber: Frech-sein, nein. Raufen, nein. Anders bei den Buben. Denn, genau, „Boys will be Boys“. Doch diese unbedarft formulierte Einstellung verharmlost Aggressivität – und das setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort.

Bildschirmfoto 2017-11-14 um 10.41.49

Screenshot | „Boys will be Boys“ by Laurie Petrou

„Boys will be Boys“ naturalisiert und biologisiert männliches Verhalten – aber genauso wie die Dekonstruktion von Weiblichkeit ein wichtiger Grundpfeiler im FeminismusTM ist, so sollte es auch die Dekonstruktion von Männlichkeit sein. Natürlich ist es mittlerweile längst zum Gemeinplatz geworden, dass patriarchale Strukturen nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Buben und Männer – und darüber hinaus besonders Geschlechter außerhalb dieser binären Denkweise – schädigen. Der Schaden, den konstruierte Geschlechterrollen bei Buben und Männern anrichten, verdoppelt sich jedoch entsprechend für jene, die diese dann in weiterer Folge und darauf aufbauend verletzen. Jackson Katz hat das an dieser Stelle gut am Beispiel von sexualisierter Gewalt an Schulen zusammengefasst: The Price Women Pay for Boys Being Boys

Sonja hat darüber schon einmal aus Mädchen-Elternsicht gebloggt: „Ich glaub, der mag Dich! – Was wir unseren Töchtern nie sagen sollten, wenn sie geärgert werden.“ Generell möchte ich das erweitern: Kindern sollte man niemals geschlechterbezogene Erklärungen für Verhalten anbieten. Solange es Jungen erlaubt wird, grober und gemeiner zu sein, weil das eben „in ihrer Natur“ liege, lehren wir ihnen, dass sie nicht selbst für ihre Taten verantwortlich sind. Rachel Brandt schreibt auf everydayfeminism.com darüber, was diese als Konsequenz auf solche Erwachsenenreaktionen lernen:

We teach [boys] that they can be rapists and violent criminals, thinly veiled monsters always on the precipice of doing something awful, if the right catalyst were to occur. We deprive them of agency.“

Zurück zum #MeToo-Diskurs. Hier zeigt sich an den Reaktionen der spezifisch wie unspezifisch beschuldigten Männer, wie aus einem spielerischen „Boys will be Boys“ eine etablierte und gesellschaftlich anerkannte Entschuldigung für jegliche Form von misogynem Verhalten geworden ist. An den Konsequenzen für diese Männer wird sich zeigen, ob diese Entschuldigung nach wie vor Gültigkeit besitzt – oder ob sie durch die Aufmerksamkeit, die #MeToo gerade erfährt, nicht vielleicht doch für einen Moment ein Stück weit irritiert werden konnte.

„Boys will be Boys“ – A piece about the prescribed ideas around masculinity and what society often thinks it means to be „a real boy“ by Laurie Petrou

 

Seid wachsam! Wie das rückständige Familienbild von Schwarz-Blau Frauen schaden wird

Die Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP (31,5 %) und FPÖ (26 %) gingen heute hinter den Kulissen weiter. Um den Cluster „Soziales, Fairness und neue Gerechtigkeit“ kümmern sich dabei August Wöginger (ÖVP) und Dagmar Belakowitsch (FPÖ).

Generell hat Frauenpolitik im vergangenen Wahlkampf keine große Rolle gespielt und wurde maximal für rechte Agenden instrumentalisiert. Die beiden Parteien, die derzeit in Koalitionsverhandlungen stecken, stehen traditionell für das klassische heteronormative Ideal der Kleinfamilie – und fördern dieses in allen politischen Agenden, während andere Lebensmodelle dadurch diskriminiert werden.

Was kommt auf uns zu?

ÖVP und FPÖ propagieren ein konservatives und teils rückständiges Frauen- und Familienbild mit scharfen Unterscheidungen zwischen Menschen mit und ohne österreichischem Pass. So forderten etwa beide Parteien eine Senkung der Familienbeihilfen für Kinder, die im Ausland leben, auf das Niveau des Aufenthaltsortes. Das hätte fatale Folgen für die Pflegesituation und die geschätzt 70.000 betroffenen Pflegerinnen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe.

Der ÖVP-Verhandler Wöginger sprach sich einst parteikonform gegen eine „Ehe für alle“ aus: „Aus Sicht der ÖVP sind die maßgebenden rechtlichen Eckpfeiler für ein funktionierendes und rechtlich abgesichertes Zusammenleben und das wechselseitige Übernehmen von Verantwortung im Rahmen einer eingetragenen Partnerschaft gegeben.“ Auch wenn in Bezug auf Familiengründung mittlerweile gleiche Rechte für alle Paare durchgesetzt sind, bleiben die Kinder aus eingetragenen Partnerschaften diskriminiert – sie sind gezwungenermaßen unehelich. Darüber hinaus bleibt das laufende Zwangsouting der Partner_innen. Derzeit – unbeeindruckt von den Regierungsverhandlungen – prüft der VfGH.

Mehr finanzielle Abhängigkeit vom Kindsvater für Alleinerzieherinnen

Bestätigung zu medial kolportierten Einigungen zwischen ÖVP und FPÖ in einzelnen Bereichen gibt es bislang laut APA keine. Die Hauptverhandler hatten von einer Zwischeneinigung in Bezug auf die Steuer- und Abgabenquote von derzeit 43,2 % in Richtung 40 % berichtet. Wöginger selbst erwähnte in einem Interview mit dem “Neuen Volksblatt” den “Familienbonus” von 1.500 Euro pro Jahr und Kind.

Der Familienbonus hat im Wahlkampf für Aufregung und Kritik gesorgt, da Geringverdiener_innen kaum und Alleinerzieherinnen gar nicht profitieren würden. Daraufhin hat ÖVP-Chef Sebstian Kurz kurzerhand eine Änderung angekündigt: Über den Umweg der Väter sollen seiner Meinung nach auch Alleinerzieherinnen davon profitieren: „90 Prozent der Alleinerzieherinnen haben Kinder, die einen Vater haben, der bekannt ist. Wenn der den Steuerbonus bekommt, muss er ihn weitergeben.“ Angesichts der säumigen Unterhaltszahlungen – Väter schulden Österreich mehr als eine Milliarde Euro – ein zynisches Zugeständnis. Aktuell bekommen 50.000 Minderjährige keine Alimente! Von den nicht zahlenden Elternteilen leben übrigens 3.100 im Ausland, die meisten befinden sich in Deutschland.

Meldungspflicht für Schwangerschaftsabbrüche

Das Thema Abtreibung ist im Parteiprogramm der ÖVP zur Gänze ausgespart (wie übrigens auch in jenem von SPÖ und Grüne). Die beiden aktuellen Koalitionsverhandler sprechen sich jedoch beide für Einschränkungen beim Schwangerschaftsabbruch (etwa in Bezug auf die Einführung von anonymen Statistiken), wie sie der „Aktion Leben“ mitgeteilt haben.

Die FPÖ-Verhandlerin Belakowitsch ist 2011 als Gesundheitssprecherin mit einem Sager aufgefallen, als sie in einer OTS-Aussendung betonte, es gebe „nicht im Geringsten ein Recht auf Abtreibung“ [1]. Sie zeigte sich erfreut, dass eine Initiative im Europarat zur verpflichtenden Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Ärzt_innen und Kliniken gescheitert sei und betonte, dass „man die ethischen Bedenken von Ärzten und Krankenauspersonal achten“ müsse und „niemanden zur Abtreibung zwingen“ dürfe.

Die FPÖ ist bekannte Kritikerin einer angeblich hohen Zahl an Abtreibungen und fordert eine bessere Unterstützung für junge Schwangere, damit diese sich „eher für das Kind entscheiden„, wie es im Wahlprogramm formuliert ist.

Förderung der heteronormativen Kleinfamilie

Im ÖVP-Wahlprogramm ist Frauenpolitik Nebenschauplatz – die eigene Familienpolitik sei ohnehin „stark im Sinne der Frauen„, meint dazu ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger – man wolle das Kinderbetreuungsangebot ausbauen und einheitliche Qualitätskriterien. Immer wieder fällt die „Wahlfreiheit des eigenen Lebensentwurfes“.

Diese Art der Familienbetonung ist ganz im Sinne der FPÖ-Ideologie. Die Familie ist hier die Keimzelle der Gesellschaft – so schreiben die Freiheitlichen, die durch das Wahlergebnis zu einem starken Verhandler für eine Regierungsbildung wurden, es auch in ihrem Wahlprogramm. Bebildert ist das mit dem Bild einer lachenden Vierergruppe: der Mann in der Mitte hält diese zusammen, neben ihm sitzt eine blonde, langhaarige Fraue, links und rechts von ihnen zwei Kinder. Das Foto entspricht dem Verständnis der FPÖ von Familie „als Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern“, die „gemeinsam mit der Solidarität der Generationen unsere Zukunftsfähigkeit“ garantiere. Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen wird direkt in Verbindung gesetzt zur Geburtsrate, die „in einheimischen Familien“ zurückgegangen sei.

Unter diesen Prämissen lesen sich die vier FPÖ-Forderungen fast als Drohung für Frauen generell und für Alleinerzieherinnen bzw. alle Menschen, die Familie anders definieren, im Speziellen. Auch im Kapitel „Frauen“ schwenken die FPÖ-Forderungen von Gleichberechtigung in nur einem Absatz zur Mutterschaft: Echte Wahlfreiheit wird entsprechend definiert als eine Entscheidung frei von finanziellem Druck, bei seinen Kindern zu Hause bleiben zu können oder wieder arbeiten zu gehen. Es folgt ein Hoch auf „qualitätsvolle Teilzeitarbeitsplätze“, was auch immer damit gemeint ist – immer Hand in Hand mit den reaktionären familienpolitischen Zielen: Die FPÖ spricht sich explizit gegen „Gleichmacherei von Mann und Frau“ und „scheinheilige Alibiaktionen in der Frauenförderung“ aus. Man befindet, dass das „Binnen-I und die Nennung von Töchtern in der Bundeshymne von den wirklichen Problemen der Frauen ablenke“.

Harte Zeiten brechen an

Wenn diese Regierung zustandekommt – und danach schaut es derzeit aus –, brechen harte (feministische) Zeiten an. Viele Errungenschaften, die lange als erkämpfter Standard galten, müssen in Zukunft mit Vehemenz und Aktivismus [2] verteidigt werden. Bleiben wir wachsam und seien wir gewappnet!

(c) Christopher DOMBRES

[1] Im selben Jahr argumentierte Belakowitsch gegen die Förderung von schwulen/lesbischen-Initiativen und machte diese Verantwortlich für Finanzprobleme des AKHs. Die FPÖ-Politikerin äußerte sich wiederholt gegen künstliche Befruchtung bei homosexuellen Paaren, denn diese tauge nichts als „gesellschaftspolitisches Experimentierfeld zur Schaffung atypischer Familienverhältnisse“. 2015 trat das Fortpflanzungsgesetz in Kraft – in der Nationalratsdebatte dazu sprach Belakowitsch-Jenewein von einem „sehr schwarze[n] Tag für diese Republik Österreich“.

[2] Die Initiative 20.000 Frauen ruft für 2018 unter dem Motto „Don’t panic, sisters – organize!“ zur feministischen Vernetzung im Kampf gegen Homofeindlichkeit, radikale Abtreibungsgegnerschaft, Rassismus in der Regierung/Nationalrat auf: „Unter der Neuauflage von Schwarz-Blau wird uns ein eisiger Wind entgegenwehen: Es ist nicht nur mit weiteren Verschärfungen im Fremdenrecht zur rechnen, sondern auch mit einer Aushöhlung des Sozialsystems, mit massiven Angriffen auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen – und auf feministische Organisationen und NGOs, die sich für Menschenrechte stark machen.“ Mehr dazu hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/wp-content/uploads/2014/02/Aufruf2018_A5.pdf

 

 

Manche Freitage sind überfällig

Der nachgeschobene Nebensatz. Er hätte nicht sein müssen, aber jetzt hat er ein Ausrufezeichen in die Luft gerammt, das sie nicht mehr übersehen können. Eine Hand voll Worte. Gemeinsam schreiten sie die Grenzen ihres Tuns ab. Balanzieren. Vorsichtig. Unnachgiebig halten sie sich am gemeinsamen Faden fest, den sie sorgfältig mit ihren Leben verwoben haben. Noch einmal gut gegangen.

Haley Heynderickx | Sane

Freitag. Freitag!

Mädchen gegen Jungs

Tag der offenen Tür in den Volksschulen der Stadt. Wir hören minutenweise Unterricht. Schauen durch offene Klassentüren, bleiben ein bisschen. Weiter. In der vierten Klasse lesen die Kinder ein romantisches Gedicht. „Wir machen Mädchen gegen Jungs“, fordert die Lehrerin alle auf, um am Ende festzustellen, dass die Mädchen es toll gemacht, aber die Jungs zu viel gelacht hätten. Das Kind macht große Augen.

„Wie hat es dir gefallen?“, frage ich später. „Gut. Dir?“ Ich verziehe das Gesicht. Das Kind lacht: „Hat dich ‚Mädchen gegen Jungs‘ geärgert?“ „Ja.“ „Ich mag ‚Mädchen gegen Jungs‘.“ „Ich weiß.“ „Warum magst du es nicht?“ „Weil ich nicht mag, dass Kinder in zwei Gruppen eingeteilt werden.“ „Warum ist das schlecht?“ „Weil es dann wieder heißt, die eine Gruppe ist nur so und die andere ist nur so. Das ist für alle schlecht. Außerdem wird oft auf eine Gruppe vergessen.“ Das Kind nickt. „So wie in den Filmen früher?“ Ich bin mir unsicher, worauf es hinaus will. „Was meinst du?“ „Na, weil früher alle Hauptfiguren nur Buben waren.“ Ich denke an die Filme, die das Kind kennt. An unsere Auswahlkriterien. „So ungefähr, ja.“

Am Abend. Wir schauen „Dragons“. Plötzlich drückt das Kind unvermittelt auf Pause und schaut mich ernst an: „Dieser Film ist vermutlich auch früher gemacht worden, weil es hier nur drei Mädchen gibt und der Rest sind Jungs, oder?“ Ach, Kind, gut, dass du noch nicht weißt … Ich nicke undefiniert.

Happy International Girls‘ Day! #freedomforgirls

Mehr als ein Epilog. Auch am Tag der offenen Tür. Eine andere Schule. Wir entdecken P. in der Klasse. Sesselkreis. Gefühle beschreiben. Wir warten, bis er an der Reihe ist. Die Lehrerin ruft ihn auf. Es durchfährt mich kalt. Sie nennt P. bei seinem Geburtsnamen. S., sagt sie. Und „sie“. P. zieht eine Karte mit einem aufgemalten Gesicht. „Welches Gefühl siehst du?“, fragt die Lehrerin. „Traurigkeit“, antwortet er.

#freedomfortranskids

Erlesene Mutterschaft XXXIX

„Damals gab es für mich zwei Arten von Müttern: Mütter, die sich schminkten, und Mütter, die sich nicht schminkten. Mütter, die immer kochten und sich für Kinder nicht weiter interessierten, und Mütter, die nicht kochten und Kindern immer alles sehr, sehr genau erklärten. Maman-Bozorg und Maman gehörten in die erste Kategorie, Frau Steffens in die zweite, ebenso wie Swantje, die Freundin meines Vaters. Swantje, hatte mein Vater einmal gesagt, sei Genossin. Daher tippte ich darauf, dass Frau Steffens auch Genossin sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese zwei Arten von Frauen miteinander in Kontakt treten konnten. Es war, als lebten sie in unterschiedlichen Galaxien. Meine Mutter und Swantje habe ich nie gemeinsam in einem Raum gesehen.“

Sechzehn Wörter | Nava Ebrahimi

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVIII

Erlesene Mutterschaft XXXVIII

„Damals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhängen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhängt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wünscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich ähneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hätte es gerne genauso gehalten, aber ich fürchte, es gibt bei mir nichts zu verknüpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fünfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede über Musik wie andere über Essen.

‚Scheiße, Mama‘, brüllt Helli.

Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem Bürgersteig, und Helli schreit mich an:

‚Was machst du denn? Wir hätten tot sein können.‘

Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben müssen.“

Sieh mich an | Mareike Krügel

Weitere bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVII