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Street Harassment. Sozusagen ein Dauerbrenner im Leben einer Frau.

Normal ist das nicht“, schreibt Maike von Kleinerdrei.org: “Wir haben uns so an sexuelle Übergriffe jeglicher Art im Alltag gewöhnt, dass wir manchmal vergessen, uns dagegen zu wehren.” Der Beitrag erinnert mich daran, dass ich das Thema Street Harassment hier schon längst noch einmal aufgreifen wollte.

Wenn ich allein unterwegs bin, das ist das eine. Ja, da habe ich mich daran gewöhnt. An den verkrampften Nacken, wenn nachts ein Mann hinter mir geht. Oder an das innig-innerliche Bitten, doch an dieser oder jener Männergruppe vorbeigehen zu können, ohne dass blöde Sprüche fallen. Oder an den Ekel, wenn mir aus einem fahrenden Auto Luftküsse zugeworfen werden. Und auch an dieses Gefühl, das mich ständig warnt vor einem unbekannten “Was, wenn …”. An das routinierte “Welchen-Weg-soll-ich-heimgehen?” Und auch an das Herzklopfen, wenn plötzlich alle aus der U-Bahn ausgestiegen sind; alle bis auf mich und diesen Mann.

(Bild via flickr.com/luchicapurro)

Woran ich mich aber noch nicht gewöhnt habe, sind Situationen, in denen ich nicht allein, sondern mit meiner Tochter unterwegs bin. Angefangen hat es mit einer großen Irritation während der Schwangerschaft.

Es war Sommer, es war heiß, ich trug eindeutig ein Baby in mir. Ich näherte mich nicht unweit meiner Wohnung einer Baustelle. Arbeiter lungerten am Gehsteig und an der Fassade herum. Normalerweise eine recht unangenehme Situation. Die Sekunden, wenn man gewahr wird, jetzt dann gleich … Und sich im Kopf schon überlegt, was oder ob man überhaupt etwas sagen will. Nun, in besagtem Moment, durchfuhr mich nur ein wohliges Gefühl. Glück gehabt, dachte ich noch und tätschelte in Gedanken den runden Bauch. Als Schwangere fühlte ich mich (irrsinnigerweise) sicher vor sexueller Straßenbelästigung. Ha ha ha. Genau. Es interessierte die Arbeiter nämlich überhaupt nicht, in welchem Zustand ich mich befand. Unantastbar? Von wegen. In den folgenden Wochen wurde wie eh und je fleißig weitergepfiffen und -kommentiert.

Und heute? Heute ist meistens ein Kleinkind bei mir. Ein Grund für Zurückhaltung? Aber woher denn! Da kommt doch eine Frau! Es gilt in Interaktion zu treten. Hallo, schöne Mama – heißt es jetzt manchmal. Hallo, du Arschloch, sage ich natürlich nie zurück. Mit dem Kind fühle ich mich verletzlicher als sonst. Nur keine Aggressionen provozieren. Ignorieren heißt die (neue) Devise. Aber wie geht es ab jetzt weiter? Ich frage mich, wie ich reagieren soll, wenn K. älter ist und solche Situationen aktiver miterlebt. Ich will nicht das passive Opfer geben. Ich will nicht, dass sie mein Unbehagen spürt und sich selbst womöglich ebenfalls schlecht fühlt. Ich will aber auch kein schlechtes Vorbild sein. Schlecht in dem Sinn, dass Passivität meiner Meinung nach trotzdem noch am sichersten für die Betroffene ist. Oder nicht? Aber was wenn ich zurückmaule und K. sich dies als Strategie merkt. Was, wenn sie dadurch später einmal in Gefahr gerät?

Hier habe ich übrigens eine Antwort auf viele denkbare Belästigungssituationen gefunden: “Not interested.” Weitere Handlungsanleitungen gibt’s hier.

Nachtrag

Ach, alles nicht so schlimm? Lappalien? Oder: Die Opferrolle steht uns Frauen nicht? Danke, aber darum geht’s hier nicht! Sondern…?

“Es geht um die ganze sexistische Kackscheiße, die wir jeden Tag ertragen, jeden Tag aushalten müssen und die nicht zu relativieren ist. Es geht um Sexismus. Es geht darum, dass uns gesagt wird, es sei nur nett gemeint, wir sollten uns darüber freuen und uns geschmeichelt fühlen. Es geht um den Blick auf meine Brüste, einen Kachelmann, der ein Buch veröffentlichen kann und von Opfer-Abos spricht, um Grenzüberschreitungen, um Relativierungen und um eine ganze Gesellschaft, die sich dieser Debatte stellen muss. Und es geht ganz sicher nicht um Mitleid. Was hilft es, wenn ihr euch jetzt hinstellt und so tut, als hättet ihr von nichts gewusst? Als wenn Sexismus etwas ganz Neues wäre und euch jetzt erst bewusst würde, dass das irgendwie ein Problem ist? Was bringt mir euer Mitleid? Verändert euer Verhalten. Hört auf, mich zu einem Objekt zu machen, hört auf, über mich zu reden, hört auf, mich in Frage zu stellen. Das wäre zumindest ein Anfang”, schreibt Merle Stöver.

Dem ist nichts hinzuzufügen.