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Ein Gespräch mit einer Freundin. Warum Frauen keine Feministinnen sein wollen, frage ich sie (eine Parallele zum warum nicht alle Mütter Feministinnen sind?). Kein Opfer sein wollen, nicht gegen Männer sein wollen, von Radikalität abgeschreckt worden sein. Sie findet noch mehr Gründe, als ich mir hätte ausmalen wollen. Auch wenn sie auf der Hand liegen. Zu viele hören “Feministin” und denken “Männerhasserin” oder “Prinzipienreiterin” oder stellen sich jemanden vor, der Weiblichkeit abschaffen will. Ich denke darüber nach, welchen Teil dazu prominente Personen wie Alice Schwarzer (ein guter Text zum Gedankensammeln für mich war dieser auf “stop! talking.”) oder die medial recht präsenten Aktivistinnen von Femen beitragen. Vermutlich einen nicht zu unterschätzenden, wenn man sich Feministinnen als homogene Gruppe denkt und sich selbst in keinem der beiden Konzepte wiederfinden kann. Wo werden intersektionelle Wirkmechanismen breitenwirksam mitgedacht? Was heißt es, wenn in der Öffentlichkeit stehende Frauen wie Carla Bruni oder Katy Perry (Is feminism too cool?) “bekennen”, keine Feministinnen zu sein? Die Gedanken drehen sich ins Unendliche. Und dachte ich lange Zeit, alle Feministinnen verfolgen dasselbe Ziel, nur die Mittel dahin zu gelangen unterscheiden sich, so zweifle ich mittlerweile daran.

Und was ist mit den Frauen, die die Differenz zwischen den Geschlechtern in einer Art und Weise weiterproduzieren wie Hanna Rosin, die vom “End of Men” fantasiert (Review auf guardian.co.uk), oder mit Artikeln wie jener von Birgit Schmid in der gestrigen Presse am Sonntag, in denen “Schluss mit dem Gequengel!” gefordert wird und in dem von Feminismus, der in einer satten Gesellschaft nur mehr ein Lifestyle-Phänomen sei, und von Luxusproblemen (wie dem als Frau bei einer Beförderung übergangen worden zu sein) die Rede ist und von Taliban in Pakistan und von Männern, die ihren Frauen, Jacken um die Schultern hängen.  Am meisten hat mich darin vermutlich der Satz geärgert: “Was für ein Luxus, das gute Leben zu einem noch perfekteren zu trimmen.” Es verwundert nicht, wenn Schmid ihre Thesen auf teils problematischen Konzepten (Erste Welt vs. Dritte Welt) aufbaut. Nicht der als “Lifestyle” betitelte Feminismus ist das Problem, sondern wenn Feminismus auf eine Ausprägung reduziert und ins Lächerliche gezogen wird. Es ist arrogant und zynisch, die Augen vor Missständen in Österreich bzw. Europa wie z. B. vor Frauenarmut zu verschließen und dies dann auch noch mithilfe von rassistisch-eurozentristischer Worthülsen zu rechtfertigen (Schmid: “Oder wie in afrikanischen Ländern noch immer Kindsbräute verkauft werden. Daran soll man auch denken, wenn wir Frauen der Ersten Welt wieder einmal das Gefühl haben, bei einer Beförderung übergangen worden zu sein, für die wir unser Interesse nie offen zeigten”). Zugleich ist es ebenso arrogant und ebenso zynisch den Frauen gegenüber, die die Autorin im Text zu dem Gegenbild macht, das sie für ihre These von der Irrelevanz von westlichem Feminismus braucht. Was Schmid als offenbar(t)e Nicht-Feministin (aber an diesem Punkt durchaus in der Tradition einer Alice Schwarzer) macht, ist die westliche emanzipierte Frau auf dem Rücken der so genannten unterdrückten Frauen in der so genannten Dritten Welt zu produzieren.

(Bild (c) Abenaa Pokuaa via blogs.stockton.edu)

Erst jetzt im Schreiben merke ich, wie sehr mich dieser Artikel wirklich geärgert hat (und wie viel Raum er dadurch einnimmt). Und je mehr ich darüber nachdenke, ist es auch die Einfältigkeit der Autorin, die mich beinahe fassungslos zurücklässt. Die Gründe, mit denen sie nämlich Feminismus hierzulande relativiert, müssten dann für nahezu jedes gesellschaftspolitische Thema gelten. Lobbying und Korruption rund um den Eurofighterkauf? Geschenkt. Immerhin passiert dort das und das (an dieser Stelle bitte beliebige Negativnachricht eines beliebigen nicht-westlichen Landes einsetzen). Der Pflegebedarf wächst, aber den Kommunen als Betreiber von Pflegeheimen fehlt Geld. Irrelevant. Immerhin passiert dort das und das (an dieser Stelle bitte beliebige Negativnachricht eines beliebigen nicht-westlichen Landes einsetzen). Ärzt_innen befürchten Leistungskürzungen durch Gesundheitsreform. Aber geh! Wen interessiert’s? Immerhin passiert dort das und das (an dieser Stelle bitte beliebige Negativnachricht eines beliebigen nicht-westlichen Landes einsetzen). Also, Schluss mit dem Gequengel?

Nein, Schluss mit dem Gerede vom unnötigen, weil (zu?) coolen Lifestyle-Feminismus. Schluss mit dem Zerreden einer Bewegung, weil nicht jede Verfechterin zutiefst politisch motiviert handelt. Schluss damit, Motive, sich Feministin zu nennen, abzuwerten. Schluss mit dem Unsichtbarmachen und Relativieren von Fakten. Schluss damit, Forderungen zu unterwandern, nur weil man selbst in der privilegierten Lage ist, fordern zu können, doch bitte von Persönlichkeiten und nicht von Frauen und Männern zu reden.

Birgit Schmid schreibt in der Sonntagspresse auch das: “Frauenförderung nötig zu haben klingt Ende 2012 immer ein wenig nach Entwicklungshilfe. Das nenne ich dekadent: die exzessive Beschäftigung mit einer als stark ungerecht empfundenen Situation aus einer privilegierten Lage heraus.” Ich empfehle der Autorin, sich bevor sie sich das nächste Mal so exzessiv mit einem Thema beschäftigt, ihre privilegierte Lage zu nutzen, um dessen Inhalte zur Gänze erfassen zu können – und nicht, um beliebige Momentaufnahmen und Gedanken zu einem Konstrukt namens Lifestyle-Feminismus zu verbinden. Feminismus geht in die Tiefe. Er hebt Problembereiche aus dem Dunkel, die zu oft negiert, totgeschwiegen und ignoriert werden.

Warum Frauen keine Feministinnen sein wollen? Artikel wie dieser tragen ihr Schäufelchen dazu bei. Aber um es mit den Worten von Clem Bastow zu sagen: See, the thing is, it’s okay not to be a feminist. In dem Fall jedoch ist es hilfreich, im Zuge der Recherche zu einem “Feminismus heute”-Artikel deklarierte Feministinnen über ihre tatsächlichen Forderungen und Belange zu befragen.