Manche Freitage sind eigenartig

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Das Kind weigert sich am Morgen, das “Dance until you drop”-Leiberl anzuziehen: “Da ist kein Tier drauf, das ist fad.” Meinetwegen. Das begehrte Fuchs-Kleid ist unauffindbar, das Kind untröstlich. Im Gegenzug sind die Fuchs-Patschen heute zu “tierisch”: “Ich mag die nicht.” Veratmen. Wegatmen. Ungeduld hinein, Gelassenheit heraus. Funktioniert heute auch nur mittelmäßig, denkt sie. Während der Autofahrt übersieht sie ihn beinahe, als sie mit verklemmten Scheibenwischern gegen plötzlichen Regenschauer ankämpft, den toten Fuchs am Straßenrand. Eigenartig.

Zuletzt hatte sie einen Fuchs gut drei Jahre zuvor gesehen. Lebend. In einem städtischen Freibad. Das war auch eigenartig.

The Fox | Niki & The Dove

Aus der vernachlässigten Serie “Das Lied zum Freitag” ebenfalls erhältlich:

Let’s talk about gender, baby (The Knives | Full of Fire)

Manche Freitage sind besser als andere (Charlotte Gainsbourg | Paradisco)

Keine Sorge, mir geht’s gut (Sonic Youth | She’s in a bad mood)

Manche Freitage sind weniger gut als andere (Tango with Lions | In a bar)

Manche Freitage sind anders (Nasekomix | Inject me with love)

Codes am Spielplatz

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Pinke Kinderkleidung ist so eine Sache – ihre Abwertung auch (siehe Pink stinkt nicht, ihr Lauchs! und Das Pinkprivileg). Pinkstinks (TM) und je billiger desto rosa – daraus resultieren gleich zwei Problematiken: Ich sehe am Spielplatz im gentrifizierten Stadtteil, wie Eltern anerkennend bemerken, wenn ein Bub rosa Kleidung oder violette Schuhe trägt. Das wird ebenso wohlwollend hervorgestrichen wie besprochen wie die waghalsigen Kletterkünste des Mädchens. Ich sehe aber auch die abschätzigen Blicke, wenn ein Mädchen mit rosa Flausch eingehüllt ist. Cool, weil gendersensibel-offen-tolerant, ist ersteres – ein Etikett, mit dem sich gehobene Mittelstandseltern gerne schmücken. Das andere? Es werden maximal Augenbrauen gehoben: Abeiter_innenklassenkind eben. Die eigene Engstirnigkeit, die klassistische und anti-feministische Haltung, die dadurch zum Ausdruck gebracht wird, verhallt unreflektiert. Sagenhaft eigentlich, was von einer vermeintlich kritischen Position übrigbleibt. Leidtragende sind Mädchen, die gerne rosa tragen, und Mädchen, die vielleicht nicht so gerne rosa tragen, aber deren Eltern beim Kleidungseinkauf nicht die große Auswahl haben (sprich: es gibt eben nur “rosa” oder “Cars”).

Herbert List | Galerie Stephen Hoffman

Die klassistische Trennlinie am Spielplatz verläuft aber nicht nur entlang Kleidungscodes, sondern spiegelt sich auch bei den mitgebrachten Snacks. Die einen verteilen Reiswaffeln und Dinkel-Cracker, die anderen Bananen und Käsebrote und wieder andere Erdnussflips und Lutscher. Das könnte eigentlich herrlich nebeneinander existieren, wenn die Reiswaffel-Fraktion nicht dermaßen hyperventilieren würden, wenn ihr Kind auch nur in die Nähe eines Chips kommt.

Ich bin ebenso wenig ein Fan von pickig-süßen und salzigen Snacks (eigentlich bin ich generell kein Fan von Snacks am Spielplatz), aber – Allergien und Babys außen vor lassend – Kleinkinder überleben einen (! und um mehr geht’s meist ja nicht) Mund voll davon. Gegen klare Neins ist auch nichts zu sagen, wenn diese aber einhergehen mit klirrenden “Nicht!”-Schreien und Schnappatmen und Hechtsprüngen über die Sandkiste hinweg, bleiben am Ende im besten Fall irritierte, im schlimmsten Fall sich herabgesetzt fühlende Eltern und Kinder übrig.

Chris-JL

(c) Chris JL on Flickr

Nabelschau: Ich hatte früher im Geiste kein gutes Wort für Eltern übrig, die gesunde und optisch ansprechende Häppchen in kleinen entzückenden Dosen feil boten. Ich fand es übertrieben, anderen ein schlechtes Gewissen machen wollend und las darin fast ein anti-feministisches Manifest, gegen das ich mich zur Wehr setzen wollte (“Ich bin eine gute Mutter, auch wenn ich Brei aus dem Glas und Brot beim Billa kaufe!”). Aber es waren Texte wie dieser, die mir die Augen öffneten, dass ich nur meine eigenen Vorurteile anderen in die Schuhe geschoben hatte. Sternbrot ist nicht gleich Sternbrot – und selbst wenn: I do not care! Und sonst: Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gefühl, das ein Kommentar eine Freundin in Teenager-Jahren bei mir ausgelöst hatte: “Was, deine Mama kauft bei Hofer [Aldi] ein? Also, meine Mama kauft nur Marken und Qualität.”

Wer hat Angst vor der Übermutter?

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Anscheinend immer noch eine ganze Menge. Jedenfalls wird “die” Übermutter in Alltagsgesprächen regelmäßig als Teufel an die Wand gemalt. Sie ist Schreckgespenst und mahnendes Negativbeispiel für Mutterschaft. Ein Pendant zur unsympathisch konstruierten Latte-Macchiato-Mutter.

Kopfschütteln und weitergehen, denke ich bei jeder entsprechenden Bemerkung. Und ärgere ich mich doch die ganze Zeit. Dieses ständige Schlechtmachen von bestimmter Art gelebter Mutterschaft. Und dann: Wenn es Übermütter gibt, existieren dann auch Untermütter? Oder sind das die Rabenmütter? In dem Fahrwasser der Mütter-Definitionen kann eine leicht ertrinken. Vor allem: Was wäre das männliche Gegenstück dazu: der Übervater. Ward nie gehört, nicht?

via vintagemagpie.blogspot.com

Nicht, dass ich nicht verstehe, was an einer Übermutter Angst machen könnte. Sie ist ein bisschen die Art von Mutter, die uns “die” Gesellschaft zum einen als Best-Practice-Modell vorhält, wenn es darum geht für Nicht-Mutter-Dinge ein schlechtes Gewissen zu provozieren. Das Paradoxe ist allerdings: Wer dem Bild entspricht, macht es natürlich auch nicht richtig. Denn das ist dann im besten Fall als Momentaufnahme nervig, auf Dauer gesehen aber jedenfalls schadhaft für alle Betroffene.

Und nicht, dass ich nicht ebenfalls verstehe, dass es auch ein feministischer Akt sein kann, sich von dem “Übermutter”-Ideal abzugrenzen, ja, befreien zu wollen. Im Gegenteil. Trotzdem. Es bleibt eine Gratwanderung. Die so genannte “Übermutter” gehört dekonstruiert. Unbedingt. Aber nicht auf Kosten von Lebensentwürfe von Frauen. Sprich: nicht andere Frauen als “Übermutter” beschimpfen, nur weil sie ihr Leben anders lebt als eine selber. Oder aus einer anderen Perspektive: Was ist so schwer daran, wenn ich mich über eine Frau ärgere, die mir ständig besserwisserische Ratschläge aus ihrem angeblichen superduper-friedefreudeeierkuchen Leben gibt, sie einfach nur “nervig” zu finden – ohne sie in die “Exemplar Übermutter”-Schublade zu stecken.

(c) Hominy Valley Photography

Dieses Be- und Abwerten von Mutterschaft und Elternschaft insgesamt ist dermaßen ermüdend. Ich wundere mich, warum es speziell von denen, die Mutterschaft – überdies feministisch – neu definieren wollen, kontinuierlich aufs Tableau gebracht wird. Auch vermeintlich emanzipierte Normen, wie Mutterschaft (nicht) gelebt werden soll, sind eben Normen.

Elternschaft ist kein Wettbewerb und Mütter-Bashing – auch dann, wenn es auf dieser abstrakten Ebene bleibt und damit gleichzeitig keine und alle zugleich trifft – immer problematisch. Just don’t do it!

... in dem (Nicht-)Zusamenhang muss ich übrigens an diesen Text über “bad feminism”: The crisis of “bad feminism” is worse than you think.

Erlesene Mutterschaft XVI

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“Er fehlte ihr sehr viel mehr, als sie erwartet hatte, doch ehe sie begriff, wie lange sie brauchen würde, über ihn hinwegzukommen, wie viele Wochen, Monate oder Jahre, ergab sich schon ein neues Problem. Ihre Tage blieben aus. Als sie Alice davon erzählte, schleppte ihre Freundin sie sofort zur nächsten Apotheke, wo sie einen Schwangerschaftstest kauften. Das Ergebnis war positiv, oder anders gesagt: negativ, verhängnisvoll und unwiderruflich negativ. Sie dachte, sie hätten sich sehr umsichtig verhalten, sich so in Acht genommen, um genau das zu verhindern, aber irgendwann musste ihnen ein Ausrutscher unterlaufen sein, und wie sollte es jetzt weitergehen? Wer der Vater war, konnte sie keinem erzählen. Nicht einmal Alice, die ihr deswegen immer wieder zusetzte, und erst recht nicht dem Vater selbst, diesem Jungen von 16 Jahren; wozu ihn mit dieser Neuigkeit quälen, wenn die Verantwortung für diese ganze schmutzige Angelegenheit doch bei ihr lag? Sie konnte nicht mit Alice reden, sie konnte nicht mit Ben reden, und sie konnte nicht mit ihren Eltern reden – weder darüber, wer der Vater war, noch darüber, wer sie selbst war. Eine Schwangere, ein dummes Collegemädchen mit einem Baby im Bauch. Ihre Eltern durften nie erfahren, was passiert war. Schon beim Gedanken daran, wie sie ihnen das erzählen könnte, wäre sie am liebsten tot umgefallen.

Wäre sie mutiger gewesen, hätte sie das Kind bekommen. Die Umwälzungen, die eine Schwangerschaft mit sich gebracht hätte, schreckten sie nicht, sie hätte das durchgezogen und das Kind zur Welt gebracht, aber sie fürchtete sich vor den Fragen, die man ihr stellen würde, schämte sich, ihrer Familie gegenüberzutreten, war zu schwach, ihren Willen geltend zu machen und die Schule zu verlassen, um sich den Reihen der ledigen Mütter anzuschließen. Alice fuhr sie in die Klinik. Man versprach ihr einen raschen, unkomplizierten Eingriff, und in medizinischer Hinsicht lief auch alles glatt, aber sie fand die Prozedur grausam und demütigend und verabscheute sich dafür, dass sie gegen ihre innersten Wünsche, ihre tiefsten Überzeugungen gehandelt hatte. Vier Tage danach schluckte sie zwanzig Schlaftabletten und trank eine halbe Flasche Wodka dazu.”

Paul Auster – Sunset Park

Mama, schau! Die Männer haben das Licht aufgedreht

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Wieso in Österreich (sprich: in den – auch den so genannten linken – Mainstream-Medien) feministische Diskurse immer nur anlässlich antifeministischer Proklamationen geführt werden, ist mir ein ärgerliches Rätsel. Glücklicherweise habe ich die eine Aufregung rund um Gabaliers Söhne-Hymnen-Schmafu urlaubsbedingt nur mehr halb mitbekommen und die andere Wir-sind-so-privilegiert-gebildet-und-super-Kampagne gegen das Binnen-I (als ob dieses abseits von Gesetzestexten irgendwo bislang Durchsetzung gefunden hätte!) nur mehr in ihren Nachwehen.

Sprachliche Praxis und soziale Wirklichkeit. Dazu wurde schon seit Jahrzehnten viel in Zusammenhang mit Feminismus und Macht und Rassismus und und und geschrieben, gesagt, veröffentlicht, diagnostiziert und natürlich auch pamphletiert. Aber wozu auf vorhandenes Wissen zurückgreifen? Warum die eigenen Lichtgestalten beim Wort nehmen (Wittgenstein wäre doch unverdächtig, oder Watzlawick oder Foucault nicht?)? Oder womöglich Sprachwissenschaftler_innen befragen?

Nun, egal. Forbes tut ja auch so, als hätte noch nie zuvor irgendwer Filme auf ihren Erfolg in Zusammenhang mit weiblichen Hauptcharakteren analysiert.

Ich kann jedenfalls die Sager von “Es gibt wichtigere Probleme in Sachen Geschlechterdiskriminierung” nicht mehr hören und will derlei Diskussionen nicht mehr führen. Wer Interesse hätte, Zusammenhänge zu verstehen oder/und Veränderungen tatsächlich herbeizuführen, der würde nicht auf dieses mau-laue Argument zurückgreifen. Punkt.

Punkt. Das habe ich tatsächlich zu Beendigung unendlicher Ich-will-nicht-ins-Bett-ich-will-noch-einen-Pudding-Diskussionen im Urlaub zweidreimal gegenüber dem Kind verwendet. Sehr unsympathisch, wie ich finde und es ist mir gelungen, diese Argumentationsstrategie mit etwas Achtsamkeit aus meinem Sprachalltag zu verbannen. Es hat ausgereicht. Das Kind beendet unsere Diskussionen nun mit einem “Punkt”. So schnell geht Nachahmung, also (ob seiner Wirksamslosigkeit bald ebenfalls zu Seite gelegt, hoffe ich). So schnell erobert uns Sprache – und mit ihr unser Verhalten. Denn “Punkt” war (und ist es für das Kind immer noch) Wort und Handlung gleichermaßen.

Weniger amüsant finde ich allerdings eine andere sprachliche Eigenart, die sich bei der Fast-3-Jährigen eingeschlichen hat: “die Männer”. Das sind diejenigen, die bestimmte Dinge erledigen, während das Kind abwesend ist. “Die Männer” (Momo-Déjà-vu) haben die Mülltonnen entleert, die Straßenbeleuchtung aufgedreht, die Autos umgeparkt und die Bäume geschnitten.

Ich gebe mir wirklich große Mühe, das generische Maskulinum zu vermeiden, sooft es geht. Berufsgruppen sind im Gesprächsalltag zwischen mir und dem Kind abwechselnd Frau oder Mann oder beides, bei “Klischee-Berufen” oftmals extra das jeweils andere Geschlecht. Beim Bilderbuch-Vorlesen sind die abgebildeten Männer auch manchmal Frauen und umgekehrt. Vergebene Liebesmühe, frage ich mich momentan. Zwei Bezugspersonen können dem Umfeld offenbar nicht standhalten. Und auch, wenn das Kind sich (immerhin) manchmal selbst korrigiert, dann waren gefühlt doch mehrheitlich “die Männer” am Werk.

Aber ich werde weiterhin “oder/und die Frauen” nachschieben. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder?

(c) privat

(c) privat

Erlesene Mutterschaft XV

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“Dann sah ich Giles. Er lag auf dem Boden am Rand der Klippe, als wäre er gerade aus großer Höhe heruntergestürzt. Ich hatte sein Handy nicht mitgenommen, würde ihn dort liegen lassen und mit den Kindern zum Haus zurücklaufen müssen, und wenn Raph ihn erst sah, würde er nicht weggehen wollen. Wir hätten unser Testament machen sollen. Die Insel Raph zu treuen Händen, das Haus in Oxford mir, zurück zu Kindergarten, Schlaf – das Ende des Krieges, ich die letzte verbliebene Erwachsene. Ein Leben als Alleinerziehende lockte, mit ruhigen Abenden und heißer Schokolade. Wir könnten Fischstäbchen und Pfirsiche aus der Dose essen, ohne zu sündigen. Wie sollte ich jemals wieder heiraten, nachdem Körper und Geist von kleinen Kindern zerstört worden waren? – ‘Papa!’ (…) Giles rollte sich herum und stand auf. ‘Was?'”

Sarah Moss – Schlaflos

 

Gesprächsfetzen an der Jausentheke. (Ziemlich) Postpartum.

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Während mir die Frau den Fruchtsaft über die bestrichenen Vollkornbrote hinweg reicht, spricht sie weiter in Richtung anderer Kundin: “Ich war ja jahrelang Filialleiterin von dem ganzen Laden – da gab’s das Jauseneck’ noch gar nicht. Aber dann sind die Kinder gekommen. Zehn Jahre war ich daheim. Wenn man Kinder hat, will man ihnen ja auch etwas bieten. Früher war das zumindest so. Und jetzt? Nichts mit Filialleitung. Jetzt steh’ ich fast schon wieder zehn Jahre hier im Jauseneck’.”

Die beiden nicken sich ein Seufzen zu. Ich schlucke.

Zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen postpartum

Liebes Profil, liebe Angelika Hager!

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Manchmal, in eigenwiligen Momenten, bin ich versucht zu glauben, wir Feminist*innen halten Muttermythen um Rabenmütter aufrecht, indem wir sie durch die Kritik daran reproduzieren. Danke, liebes Profil, dass du mich daran erinnert hast, wie absurd dieser Gedanke ist.

profil“Nicht alle Mütter haben das Talent für bedingungslose Liebe. Manche verwechseln ihre Kinder mit einem Kampfauftrag. Sie geben ihnen ein gewaltiges Konfliktpotenzial – Aggressionen, psychische Defekte, Bindungsstörungen – mit auf den Weg. Experten erklären, welche Muttertypen es gibt und welche Langzeitschäden sie anrichten können”, schreibt Angelika Hager.

Was für eine Einleitung. So provokativ, so polarisierend! Ich sehe das Entzücken der Herausgeberschaft bildlich vor mir. Damit auch niemand auf die Idee kommt, es könnte sich hierbei um ein misogynes Glanzstück handeln, wirft Hager vorbildlich den Satz ein: “‘Bei 80 Prozent meiner Klienten ist die Ursache in den frühen Bindungen zu ihren Eltern zu finden’, so der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Artner. Dass dabei die Mütter den Löwenanteil an Verantwortung tragen, ist keine antifeministisches Polemik, sondern statistisch nachvollziehbar.”

Hm … wie soll ich nun erklären, dass die durch Titelbild und Titelzeile vorgegebene Stoßrichtung allein schon ausreichend sind, um die aktuelle Titelgeschichte zur “antifeministischen Polemik” zu machen? Irgendwo unter ferner liefen Élisabeth Badinter zu befragen ist halt ein bisschen wenig. Oder wieder einmal Siegmund Freud und seine teils überholten oder zumindest radikal veränderten Theorieteile zu bemühen – wo doch dieselbe Autorin den Psychoanalytiker im selben Magazin vor ein paar Jahren für tot erklärt hat. Oder die Macchiato-Mütter aufs Tableau zu bringen, die “mit verklärtem Blick den Nachwuchs in einem todschicken Bugaboo-Flitzer spazierenführen” und ihren “Mutter-Chauvinismus” ausleben. Das ist wirklich ekelhaftes Mütter-Bashing at its best [eine schöne Replik dazu: hier (Meine Frau. Das Arschloch)].

“Wir haben eine nicht sehr positive Muttertagsgeschichte geschrieben, weil wir uns einfach gedacht haben, was können denn Mütter auch mit uns anrichten”, sagt die Autorin Hager im Videoblog zu der Titelgeschichte. Ich darf also kurz zusammenfassen: Es gibt das steigende Phänomen der psychischen Störungen und daran sind, wie praktisch, die Mütter schuld. Der Grund ist rasch gefunden – in jüngster Zeit gibt es nämlich ein paar neue Formen von Müttern, die dem Profil Unbehagen bereiten: Da wäre die Helikopter-Mutter, deren Kind in einer Gummizelle an Zuwendung lebt, die Eislauf-Mutter, die ihr Kind generalstabsmäßig mit Freizeitaktivitäten verplant, die depressive Mutter, die das Kind im leeren emotionalen Raum lässt, die späte Mutter, die später als in der Evolutionsbiologie vorgesehen Mutter wird (ähm?), und die Über-Mutter, die den Boden für Größenwahnsinn bereitet.

So weit so schlicht. Es lebe die ignorante Kausallogik!

Am unglaublichsten finde ich allerdings die Erklärung, warum die Mütter und nicht etwa die Väter oder Eltern generell Schuld an allem sind: “Nur vier bis sieben Prozent aller Väter nehmen eine Kurzzeitkarenz überhaupt in Anspruch. Schätzungsweise 150.000 Mütter in Österreich ziehen ihre Kinder im Alleingang auf. Dem gegenüber stehen 19.000 statistisch erfasste Solo-Väter.” Ach so! Da gäbe es möglicherweise noch weitere mit-verantwortliche Personen für Kindererziehung. Die nehmen diese Aufgabe aber nicht wahr. Egal, Schuld an allem sind die, die die Aufgabe wahrnehmen müssen. Außerdem: Rahmenbedingungen? Who cares? Wie einfach Gesellschaftspolitik und Gesellschaftskritik doch sein können!

Aber, liebe Autorin, lassen Sie mich Ihnen mit einem kleinen Beispiel helfen: Sie haben einen Tag Zeit, die nächste Titelgeschichte für das Profil zu schreiben. Leider sind alle Handys kaputt, Sie wurden vom Büro ausgesperrt, wo es zumindest noch Festnetztelefone gibt, Sie haben Ihr Geld und damit die Möglichkeit von Telefonzellen verloren (von denen es übrigens viel zu wenige gibt) und auch in Internetcafés dürfen Sie deswegen nicht. Die einzige Recherchemöglichkeit die bleibt: Sie müssen zu jeder zu befragenden Person persönlich fahren. Mit etwas Glück werden Sie nicht ohne gültigen Fahrausweis gefasst und treffen einzelne Informant_innen an, um zumindest ein paar Inhalte und Zitate für die Geschichte zu bekommen. Die Zeit läuft Ihnen davon, denn Sie müssen den Beitrag noch mühsam auf Ihrer alten Schreibmaschine tippen und ihn dann persönlich ihm Briefkasten der Redaktion abliefern.

Nach Profil-Logik müsste ich nun Ihre Leser_innen fragen: Wie schlecht ist diese Journalistin? Aber keine Angst, ich bin Kontext-besessen. Es stellt sich mir also die Frage: Wie schlecht ist Ihr Chefredakteur? Wie schlecht ist Ihr Herausgeber?

Mother. Daughter. Individual.

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Ein Kleinkind schreit durch den Wagon. Es ist jene Zeit, in der die Büromenschen bereits vor ihren Bildschirmen und an ihren Besprechungstischen sitzen. Kinderwägen, ältere Menschen, Radfahrer_innen, Studierende und Tourist_innen teilen sich das Abteil in einer stillen Übereinkunft. Wir sind eine Parallelgesellschaft, nicken sie sich zu. Kein Nine-to-five. 24/7. Keine Laptoptaschen. Nur ein Bruchteil starrt ins Smartphone. Die U-Bahn zischt und pfaust heute. Sie ruckelt und zuckt wie ein altes Arbeitstier. Das Kind schreit unbeirrt weiter. Übergangslos wechseln die beiden alten Frauen gegenüber vom Gespräch über das Klavierspielen zu den Erzählungen über ihre Enkel_innen, um schließlich bei den eigenen Kindern anzulangen. Ach, die Marie. Beim Umwickeln hat sie sich ständig nackig gemacht. Und geschlafen. Geschlafen hat sie schlecht. Und mein Robert: Immer eine halbe Stunde vorm Einschlagen geschrien, genau so. Ein Nicken in Richtung Kinderlärm. Nur noch lauter. So? Da waren meine ja Engel dagegen. Der U-Bahn-Musikant drängt sich zur Gesellschaft. Er schickt ein spanisches Liebeslied los. Beim Refrain zupft er ausdauernd, fast forsch. Das grüne Eimerchen, das am Wirbel baumelt, wackelt abenteuerlich hin und her. Keine Münze klingt darin. Die Anrufung in der fremd-vertrauten Sprache vermischt sich mit dem aufgeregten Besserwisserinnen-Schlagabtausch einer deutschen Touristinnengruppe. So eine U-Bahn-Fahrt ist für ein Kind einfach zu lang, darum weint es. I wo, es hat einfach Angst. Stell’ dir doch diese Geräusche aus der Perspektive eines Kindes vor – da hättest du auch Angst. Die junge Frau neben ihnen lächelt und wiegt den Kopf zur Musik. Sie ist viel zu warm für einen Maitag gekleidet: dicke Jacke und gestricktes Stirnband. Aber sie trägt eine schöne grüne Hose und eine Stofftasche, auf der sich die Worte in der zusammengeknüllten Position zu einer Buchstabenchiffre anordnen. Ihre schwarzen Haare sind von weißen Fäden durchzogen. Wie alt ist sie wirklich? Sie lächelt so beharrlich, wie das Kind weint.

Daughter | Youth

Geburtsschmerz, my ass

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Seit meiner Jugend leide ich unter Migräne, phasenweise sind die Schmerzen chronisch. Chronische Schmerzen haben häufig eine Erniedrigung der Schmerzschwelle zur Folge. Unnötig anzumerken: Ich hasse Schmerzen. Ich hasse, wie sie mich stundentagelang in ihren Dunst hüllen und meine Wahrnehmung trüben. Jahrelang habe ich auf meine Schmerzen “gehört” – ich habe meine Muskeln entspannt, Blut verdünnende Medikamente genommen, homöopathische Ansätze verfolgt, ich war massieren, habe meinen Kopf durchleuchten und meine Hirnströme messen lassen, ich habe meinem Nacken leichte Stromstöße versetzen lassen, ich habe Tee getrunken, Yoga gemacht, mich anders ernährt, ich habe ein Gesprächsseminar besucht und eine Heilpraktikerin, ich habe meinen Bauch durchkneten lassen und mir angehört, dass ich Ängste aufarbeiten muss und Stress reduzieren. Ich habe den Schmerz ernst genommen und wurde belächelt und ich habe den Schmerz nicht ernst genommen und wurde belehrt.

Ich hasse es, wenn andere Menschen über Schmerzen “Bescheid wissen”, die nicht ihre eigenen sind.

Ganz besonders hasse ich es, wenn Schwangeren erklärt wird, wie es zu sein hat, mit dem Geburtsschmerz. Der Idealisierung dieser Schmerzen haftet etwas (gar nicht so) subtil Misogynes an. Es lässt den Wunsch nach Linderung fast unmoralisch erscheinen. In diese Kerbe schlägt zum Beispiel dieses Standard-Interview mit der Hebamme Heidi Achter. Sie meint darin: Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt: Bei der Geburt, so glauben viele, braucht es keinen Schmerz mehr. Dabei ist er ein wesentlicher Faktor, um gewisse Hormone auszuschütten und sozusagen alles zu mobilisieren. Diese angebliche Schmerzfreiheit wird von den Ärzten total propagiert. (…) Wenn man den Sinn des Geburtsschmerzes verstehen lernt, dann kann man damit auch umgehen. Wer eine Geburt ohne schmerzstillende Mittel erleben kann, hat danach so etwas wie ein Glücksgefühl. Da ist dann eine Kraft vorhanden, die später immer wieder benötigt wird, wenn man ein Kind hat.”

Eigentlich sagt sie etwas recht Wesentliches und Wertvolles: “Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt.” Genau das! Aber die Zusammenhänge, in die die Hebamme diesen Gedanken stellt, ignorieren individuelle Entscheidungen. Ich denke auch, dass die Aufklärung von Schwangeren über die Vorgänge während der Geburt extrem vernachlässigt wird. Die erst heuer in Österreich geschaffene Möglichkeit, im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen eine kostenlose einstündige Hebammen-Beratung in Anspruch zu nehmen, zeigt den geringen Stellenwert dieser Geburtshilfe (2014! einstündig! innerhalb der 18. und 22. Schwangerschaftswoche = spät!). Aber: Krankenhäuser sind nicht verwerflich, die moderne Schulmedizin auch nicht und der Wunsch, davon zu profitieren, schon gar nicht. Ich empfinde es – nicht nur angesichts der gesunkenen Müttersterblichkeit – eine arrogant-verachtende Geste, diese Rhetorik immer wieder zum Besten zu geben.

Schmerzen sind etwas Individuelles! Nein, mir geben Schmerzen keine Kraft und nein, der Geburtsschmerz war da keine Ausnahme (trotz PDA gibt es während einer Vaginalgeburt übrigens genug Zeit, Schmerzen zu empfinden – warum das immer wieder ignoriert wird, ist mir ein Rätsel). Es gibt klare Kriterien, wann eine Periduralanästhesie sinnvoll ist und wann nicht. Es gibt die Möglichkeit, die PDA zur Pressphase hin auslaufen zu lassen. Wer sollen die Geburtshelfenden sein, die routinemäßig eine PDA setzen? “Es gibt Frauen, die nehmen die PDA wie Pfefferminzbonbons”, lese ich auf einem Hebammenblog*. Beratung, anyone? Respekt vor der Angst vor Schmerzen schaut anders aus. 

Miss Bean

(Bild via missbeanbean.net (c) Miss Bean)

Schmerzen können traumatisierend sein – etwa wenn sie die psychischen Belastungsgrenzen eines Individuums übersteigen. Über die Geburt als Trauma habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Es gibt eine Studie, die darauf hinweist, dass es einen Zusammenhang zwischen der erlebten Hilflosigkeit und Angst während einer Geburt und posttraumatischen Belastungsstörungen gibt. Die Studienautor_innen verweisen darauf, dass eine adäquate Aufklärung über schmerzlindernde Mittel dem entgegenwirken kann.

Problematisch bei Aussagen wie jener in oben zitiertem Interview ist aber nicht nur, dass die Individualität von Schmerzen und Schmerzempfinden völlig außer Acht gelassen wird, sondern auch, dass das Geburtserlebnis und bestimmte Qualitäten von Elternschaft vermischt werden. Von wegen: die Geburt (bezeichnenderweise greift die Hebamme auf das Vokabular “normale Geburt” zurück) gibt jene Kraft, die eine auch später benötigt, wenn das Kind da ist. Diese Logik übt nicht nur einen enormen Druck auf Mütter aus, die nicht “unter Schmerzen” TM geboren haben, sondern diskriminiert gleichzeitig auch Väter und nicht-gebärende Elternteile generell. Es ist eine Rhetorik, die konservative Familienvorstellungen auf Kosten aller anderen stärkt.

Aber die Mütter heutzutage seien einfach zu “verkopft”, kritisiert die Hebamme im Interview weiter. Rational denkende Menschen – das widerspricht natürlich dem Diktum vom “Naturwesen Frau” (siehe: Natur, du bist nicht meine Mutter). Verkopft sein bedeutet für mich: Schwangere wollen sich dem Vorgang der Geburt einfach nicht mehr unwissend aussetzen, sie wollen informiert werden – und zwar in alle Richtungen. Nur wenn ich das Gefühl habe, Bescheid zu wissen, habe ich das Gefühl, gute Entscheidungen für mich und (!) mein Kind treffen zu können. Geburtshelfer_innen, die Geburtsverläufe ihren eigenen Vorstellungen anpassen wollen (oder in ihren Aussagen diesen Eindruck entstehen lassen), können abschreckend wirken – und verhindern damit vielleicht genau das, was sie stärken wollen.

Ja, ich bin für die Stärkung des Selbstbewusstseins des eigenen/gebärenden Körpers. Und ja, ich bin dafür, dass dies von außen unterstützt wird – im Sinne von: Schwangere können gebären und es gibt Konstellationen, wo dafür keine Schulmedizin vonnöten sein muss. Ich bin aber auch dafür, dass Ängste und Schmerzen in ihrer Individualität ernst genommen werden – und dass dieses Ernstnehmen in jedem Fall über einer esoterisch-spirituellen “Geburt als Mütter-machenden-Kollektiverfahrung” steht.

(c) Miss Bean

(Bild via ignant.de (c) Miss Bean)

Für meine Migräne habe ich übrigens nach jahrelanger Suche Tabletten gefunden, die wirklich helfen und mir damit ungeahnte Lebensqualität zurückgegeben haben. Bei aller angebrachten Skepsis, in diesem Fall: Danke, Schulmedizin!

* Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Hebammen und die Stärkung ihrer Rolle bei Schwangerschaft und Geburt ist wichtig – und sollte keine finanzielle Frage sein. Aber vielleicht muss auch in diesem Beruf ein Umdenken stattfinden, das den unterschiedlichen Wünschen von Gebärenden gerecht wird. Ich hatte das Privileg, mir eine selbst gewählte Hebamme leisten zu können, die meine Geburt im Krankenhaus begleitet hat und mich vorher und nachher betreut hat. Sie war die Beste! (vielleicht braucht es eine Liste mit aus feministischer Sicht empfehlenswerten Hebammen?)

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