Mama, schau! Die Männer haben das Licht aufgedreht

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Wieso in Österreich (sprich: in den – auch den so genannten linken – Mainstream-Medien) feministische Diskurse immer nur anlässlich antifeministischer Proklamationen geführt werden, ist mir ein ärgerliches Rätsel. Glücklicherweise habe ich die eine Aufregung rund um Gabaliers Söhne-Hymnen-Schmafu urlaubsbedingt nur mehr halb mitbekommen und die andere Wir-sind-so-privilegiert-gebildet-und-super-Kampagne gegen das Binnen-I (als ob dieses abseits von Gesetzestexten irgendwo bislang Durchsetzung gefunden hätte!) nur mehr in ihren Nachwehen.

Sprachliche Praxis und soziale Wirklichkeit. Dazu wurde schon seit Jahrzehnten viel in Zusammenhang mit Feminismus und Macht und Rassismus und und und geschrieben, gesagt, veröffentlicht, diagnostiziert und natürlich auch pamphletiert. Aber wozu auf vorhandenes Wissen zurückgreifen? Warum die eigenen Lichtgestalten beim Wort nehmen (Wittgenstein wäre doch unverdächtig, oder Watzlawick oder Foucault nicht?)? Oder womöglich Sprachwissenschaftler_innen befragen?

Nun, egal. Forbes tut ja auch so, als hätte noch nie zuvor irgendwer Filme auf ihren Erfolg in Zusammenhang mit weiblichen Hauptcharakteren analysiert.

Ich kann jedenfalls die Sager von “Es gibt wichtigere Probleme in Sachen Geschlechterdiskriminierung” nicht mehr hören und will derlei Diskussionen nicht mehr führen. Wer Interesse hätte, Zusammenhänge zu verstehen oder/und Veränderungen tatsächlich herbeizuführen, der würde nicht auf dieses mau-laue Argument zurückgreifen. Punkt.

Punkt. Das habe ich tatsächlich zu Beendigung unendlicher Ich-will-nicht-ins-Bett-ich-will-noch-einen-Pudding-Diskussionen im Urlaub zweidreimal gegenüber dem Kind verwendet. Sehr unsympathisch, wie ich finde und es ist mir gelungen, diese Argumentationsstrategie mit etwas Achtsamkeit aus meinem Sprachalltag zu verbannen. Es hat ausgereicht. Das Kind beendet unsere Diskussionen nun mit einem “Punkt”. So schnell geht Nachahmung, also (ob seiner Wirksamslosigkeit bald ebenfalls zu Seite gelegt, hoffe ich). So schnell erobert uns Sprache – und mit ihr unser Verhalten. Denn “Punkt” war (und ist es für das Kind immer noch) Wort und Handlung gleichermaßen.

Weniger amüsant finde ich allerdings eine andere sprachliche Eigenart, die sich bei der Fast-3-Jährigen eingeschlichen hat: “die Männer”. Das sind diejenigen, die bestimmte Dinge erledigen, während das Kind abwesend ist. “Die Männer” (Momo-Déjà-vu) haben die Mülltonnen entleert, die Straßenbeleuchtung aufgedreht, die Autos umgeparkt und die Bäume geschnitten.

Ich gebe mir wirklich große Mühe, das generische Maskulinum zu vermeiden, sooft es geht. Berufsgruppen sind im Gesprächsalltag zwischen mir und dem Kind abwechselnd Frau oder Mann oder beides, bei “Klischee-Berufen” oftmals extra das jeweils andere Geschlecht. Beim Bilderbuch-Vorlesen sind die abgebildeten Männer auch manchmal Frauen und umgekehrt. Vergebene Liebesmühe, frage ich mich momentan. Zwei Bezugspersonen können dem Umfeld offenbar nicht standhalten. Und auch, wenn das Kind sich (immerhin) manchmal selbst korrigiert, dann waren gefühlt doch mehrheitlich “die Männer” am Werk.

Aber ich werde weiterhin “oder/und die Frauen” nachschieben. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder?

(c) privat

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Erlesene Mutterschaft XV

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“Dann sah ich Giles. Er lag auf dem Boden am Rand der Klippe, als wäre er gerade aus großer Höhe heruntergestürzt. Ich hatte sein Handy nicht mitgenommen, würde ihn dort liegen lassen und mit den Kindern zum Haus zurücklaufen müssen, und wenn Raph ihn erst sah, würde er nicht weggehen wollen. Wir hätten unser Testament machen sollen. Die Insel Raph zu treuen Händen, das Haus in Oxford mir, zurück zu Kindergarten, Schlaf – das Ende des Krieges, ich die letzte verbliebene Erwachsene. Ein Leben als Alleinerziehende lockte, mit ruhigen Abenden und heißer Schokolade. Wir könnten Fischstäbchen und Pfirsiche aus der Dose essen, ohne zu sündigen. Wie sollte ich jemals wieder heiraten, nachdem Körper und Geist von kleinen Kindern zerstört worden waren? – ‘Papa!’ (…) Giles rollte sich herum und stand auf. ‘Was?'”

Sarah Moss – Schlaflos

 

Gesprächsfetzen an der Jausentheke. (Ziemlich) Postpartum.

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Während mir die Frau den Fruchtsaft über die bestrichenen Vollkornbrote hinweg reicht, spricht sie weiter in Richtung anderer Kundin: “Ich war ja jahrelang Filialleiterin von dem ganzen Laden – da gab’s das Jauseneck’ noch gar nicht. Aber dann sind die Kinder gekommen. Zehn Jahre war ich daheim. Wenn man Kinder hat, will man ihnen ja auch etwas bieten. Früher war das zumindest so. Und jetzt? Nichts mit Filialleitung. Jetzt steh’ ich fast schon wieder zehn Jahre hier im Jauseneck’.”

Die beiden nicken sich ein Seufzen zu. Ich schlucke.

Zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen postpartum

Liebes Profil, liebe Angelika Hager!

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Manchmal, in eigenwiligen Momenten, bin ich versucht zu glauben, wir Feminist*innen halten Muttermythen um Rabenmütter aufrecht, indem wir sie durch die Kritik daran reproduzieren. Danke, liebes Profil, dass du mich daran erinnert hast, wie absurd dieser Gedanke ist.

profil“Nicht alle Mütter haben das Talent für bedingungslose Liebe. Manche verwechseln ihre Kinder mit einem Kampfauftrag. Sie geben ihnen ein gewaltiges Konfliktpotenzial – Aggressionen, psychische Defekte, Bindungsstörungen – mit auf den Weg. Experten erklären, welche Muttertypen es gibt und welche Langzeitschäden sie anrichten können”, schreibt Angelika Hager.

Was für eine Einleitung. So provokativ, so polarisierend! Ich sehe das Entzücken der Herausgeberschaft bildlich vor mir. Damit auch niemand auf die Idee kommt, es könnte sich hierbei um ein misogynes Glanzstück handeln, wirft Hager vorbildlich den Satz ein: “‘Bei 80 Prozent meiner Klienten ist die Ursache in den frühen Bindungen zu ihren Eltern zu finden’, so der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Artner. Dass dabei die Mütter den Löwenanteil an Verantwortung tragen, ist keine antifeministisches Polemik, sondern statistisch nachvollziehbar.”

Hm … wie soll ich nun erklären, dass die durch Titelbild und Titelzeile vorgegebene Stoßrichtung allein schon ausreichend sind, um die aktuelle Titelgeschichte zur “antifeministischen Polemik” zu machen? Irgendwo unter ferner liefen Élisabeth Badinter zu befragen ist halt ein bisschen wenig. Oder wieder einmal Siegmund Freud und seine teils überholten oder zumindest radikal veränderten Theorieteile zu bemühen – wo doch dieselbe Autorin den Psychoanalytiker im selben Magazin vor ein paar Jahren für tot erklärt hat. Oder die Macchiato-Mütter aufs Tableau zu bringen, die “mit verklärtem Blick den Nachwuchs in einem todschicken Bugaboo-Flitzer spazierenführen” und ihren “Mutter-Chauvinismus” ausleben. Das ist wirklich ekelhaftes Mütter-Bashing at its best [eine schöne Replik dazu: hier (Meine Frau. Das Arschloch)].

“Wir haben eine nicht sehr positive Muttertagsgeschichte geschrieben, weil wir uns einfach gedacht haben, was können denn Mütter auch mit uns anrichten”, sagt die Autorin Hager im Videoblog zu der Titelgeschichte. Ich darf also kurz zusammenfassen: Es gibt das steigende Phänomen der psychischen Störungen und daran sind, wie praktisch, die Mütter schuld. Der Grund ist rasch gefunden – in jüngster Zeit gibt es nämlich ein paar neue Formen von Müttern, die dem Profil Unbehagen bereiten: Da wäre die Helikopter-Mutter, deren Kind in einer Gummizelle an Zuwendung lebt, die Eislauf-Mutter, die ihr Kind generalstabsmäßig mit Freizeitaktivitäten verplant, die depressive Mutter, die das Kind im leeren emotionalen Raum lässt, die späte Mutter, die später als in der Evolutionsbiologie vorgesehen Mutter wird (ähm?), und die Über-Mutter, die den Boden für Größenwahnsinn bereitet.

So weit so schlicht. Es lebe die ignorante Kausallogik!

Am unglaublichsten finde ich allerdings die Erklärung, warum die Mütter und nicht etwa die Väter oder Eltern generell Schuld an allem sind: “Nur vier bis sieben Prozent aller Väter nehmen eine Kurzzeitkarenz überhaupt in Anspruch. Schätzungsweise 150.000 Mütter in Österreich ziehen ihre Kinder im Alleingang auf. Dem gegenüber stehen 19.000 statistisch erfasste Solo-Väter.” Ach so! Da gäbe es möglicherweise noch weitere mit-verantwortliche Personen für Kindererziehung. Die nehmen diese Aufgabe aber nicht wahr. Egal, Schuld an allem sind die, die die Aufgabe wahrnehmen müssen. Außerdem: Rahmenbedingungen? Who cares? Wie einfach Gesellschaftspolitik und Gesellschaftskritik doch sein können!

Aber, liebe Autorin, lassen Sie mich Ihnen mit einem kleinen Beispiel helfen: Sie haben einen Tag Zeit, die nächste Titelgeschichte für das Profil zu schreiben. Leider sind alle Handys kaputt, Sie wurden vom Büro ausgesperrt, wo es zumindest noch Festnetztelefone gibt, Sie haben Ihr Geld und damit die Möglichkeit von Telefonzellen verloren (von denen es übrigens viel zu wenige gibt) und auch in Internetcafés dürfen Sie deswegen nicht. Die einzige Recherchemöglichkeit die bleibt: Sie müssen zu jeder zu befragenden Person persönlich fahren. Mit etwas Glück werden Sie nicht ohne gültigen Fahrausweis gefasst und treffen einzelne Informant_innen an, um zumindest ein paar Inhalte und Zitate für die Geschichte zu bekommen. Die Zeit läuft Ihnen davon, denn Sie müssen den Beitrag noch mühsam auf Ihrer alten Schreibmaschine tippen und ihn dann persönlich ihm Briefkasten der Redaktion abliefern.

Nach Profil-Logik müsste ich nun Ihre Leser_innen fragen: Wie schlecht ist diese Journalistin? Aber keine Angst, ich bin Kontext-besessen. Es stellt sich mir also die Frage: Wie schlecht ist Ihr Chefredakteur? Wie schlecht ist Ihr Herausgeber?

Mother. Daughter. Individual.

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Ein Kleinkind schreit durch den Wagon. Es ist jene Zeit, in der die Büromenschen bereits vor ihren Bildschirmen und an ihren Besprechungstischen sitzen. Kinderwägen, ältere Menschen, Radfahrer_innen, Studierende und Tourist_innen teilen sich das Abteil in einer stillen Übereinkunft. Wir sind eine Parallelgesellschaft, nicken sie sich zu. Kein Nine-to-five. 24/7. Keine Laptoptaschen. Nur ein Bruchteil starrt ins Smartphone. Die U-Bahn zischt und pfaust heute. Sie ruckelt und zuckt wie ein altes Arbeitstier. Das Kind schreit unbeirrt weiter. Übergangslos wechseln die beiden alten Frauen gegenüber vom Gespräch über das Klavierspielen zu den Erzählungen über ihre Enkel_innen, um schließlich bei den eigenen Kindern anzulangen. Ach, die Marie. Beim Umwickeln hat sie sich ständig nackig gemacht. Und geschlafen. Geschlafen hat sie schlecht. Und mein Robert: Immer eine halbe Stunde vorm Einschlagen geschrien, genau so. Ein Nicken in Richtung Kinderlärm. Nur noch lauter. So? Da waren meine ja Engel dagegen. Der U-Bahn-Musikant drängt sich zur Gesellschaft. Er schickt ein spanisches Liebeslied los. Beim Refrain zupft er ausdauernd, fast forsch. Das grüne Eimerchen, das am Wirbel baumelt, wackelt abenteuerlich hin und her. Keine Münze klingt darin. Die Anrufung in der fremd-vertrauten Sprache vermischt sich mit dem aufgeregten Besserwisserinnen-Schlagabtausch einer deutschen Touristinnengruppe. So eine U-Bahn-Fahrt ist für ein Kind einfach zu lang, darum weint es. I wo, es hat einfach Angst. Stell’ dir doch diese Geräusche aus der Perspektive eines Kindes vor – da hättest du auch Angst. Die junge Frau neben ihnen lächelt und wiegt den Kopf zur Musik. Sie ist viel zu warm für einen Maitag gekleidet: dicke Jacke und gestricktes Stirnband. Aber sie trägt eine schöne grüne Hose und eine Stofftasche, auf der sich die Worte in der zusammengeknüllten Position zu einer Buchstabenchiffre anordnen. Ihre schwarzen Haare sind von weißen Fäden durchzogen. Wie alt ist sie wirklich? Sie lächelt so beharrlich, wie das Kind weint.

Daughter | Youth

Geburtsschmerz, my ass

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Seit meiner Jugend leide ich unter Migräne, phasenweise sind die Schmerzen chronisch. Chronische Schmerzen haben häufig eine Erniedrigung der Schmerzschwelle zur Folge. Unnötig anzumerken: Ich hasse Schmerzen. Ich hasse, wie sie mich stundentagelang in ihren Dunst hüllen und meine Wahrnehmung trüben. Jahrelang habe ich auf meine Schmerzen “gehört” – ich habe meine Muskeln entspannt, Blut verdünnende Medikamente genommen, homöopathische Ansätze verfolgt, ich war massieren, habe meinen Kopf durchleuchten und meine Hirnströme messen lassen, ich habe meinem Nacken leichte Stromstöße versetzen lassen, ich habe Tee getrunken, Yoga gemacht, mich anders ernährt, ich habe ein Gesprächsseminar besucht und eine Heilpraktikerin, ich habe meinen Bauch durchkneten lassen und mir angehört, dass ich Ängste aufarbeiten muss und Stress reduzieren. Ich habe den Schmerz ernst genommen und wurde belächelt und ich habe den Schmerz nicht ernst genommen und wurde belehrt.

Ich hasse es, wenn andere Menschen über Schmerzen “Bescheid wissen”, die nicht ihre eigenen sind.

Ganz besonders hasse ich es, wenn Schwangeren erklärt wird, wie es zu sein hat, mit dem Geburtsschmerz. Der Idealisierung dieser Schmerzen haftet etwas (gar nicht so) subtil Misogynes an. Es lässt den Wunsch nach Linderung fast unmoralisch erscheinen. In diese Kerbe schlägt zum Beispiel dieses Standard-Interview mit der Hebamme Heidi Achter. Sie meint darin: Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt: Bei der Geburt, so glauben viele, braucht es keinen Schmerz mehr. Dabei ist er ein wesentlicher Faktor, um gewisse Hormone auszuschütten und sozusagen alles zu mobilisieren. Diese angebliche Schmerzfreiheit wird von den Ärzten total propagiert. (…) Wenn man den Sinn des Geburtsschmerzes verstehen lernt, dann kann man damit auch umgehen. Wer eine Geburt ohne schmerzstillende Mittel erleben kann, hat danach so etwas wie ein Glücksgefühl. Da ist dann eine Kraft vorhanden, die später immer wieder benötigt wird, wenn man ein Kind hat.”

Eigentlich sagt sie etwas recht Wesentliches und Wertvolles: “Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt.” Genau das! Aber die Zusammenhänge, in die die Hebamme diesen Gedanken stellt, ignorieren individuelle Entscheidungen. Ich denke auch, dass die Aufklärung von Schwangeren über die Vorgänge während der Geburt extrem vernachlässigt wird. Die erst heuer in Österreich geschaffene Möglichkeit, im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen eine kostenlose einstündige Hebammen-Beratung in Anspruch zu nehmen, zeigt den geringen Stellenwert dieser Geburtshilfe (2014! einstündig! innerhalb der 18. und 22. Schwangerschaftswoche = spät!). Aber: Krankenhäuser sind nicht verwerflich, die moderne Schulmedizin auch nicht und der Wunsch, davon zu profitieren, schon gar nicht. Ich empfinde es – nicht nur angesichts der gesunkenen Müttersterblichkeit – eine arrogant-verachtende Geste, diese Rhetorik immer wieder zum Besten zu geben.

Schmerzen sind etwas Individuelles! Nein, mir geben Schmerzen keine Kraft und nein, der Geburtsschmerz war da keine Ausnahme (trotz PDA gibt es während einer Vaginalgeburt übrigens genug Zeit, Schmerzen zu empfinden – warum das immer wieder ignoriert wird, ist mir ein Rätsel). Es gibt klare Kriterien, wann eine Periduralanästhesie sinnvoll ist und wann nicht. Es gibt die Möglichkeit, die PDA zur Pressphase hin auslaufen zu lassen. Wer sollen die Geburtshelfenden sein, die routinemäßig eine PDA setzen? “Es gibt Frauen, die nehmen die PDA wie Pfefferminzbonbons”, lese ich auf einem Hebammenblog*. Beratung, anyone? Respekt vor der Angst vor Schmerzen schaut anders aus. 

Miss Bean

(Bild via missbeanbean.net (c) Miss Bean)

Schmerzen können traumatisierend sein – etwa wenn sie die psychischen Belastungsgrenzen eines Individuums übersteigen. Über die Geburt als Trauma habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Es gibt eine Studie, die darauf hinweist, dass es einen Zusammenhang zwischen der erlebten Hilflosigkeit und Angst während einer Geburt und posttraumatischen Belastungsstörungen gibt. Die Studienautor_innen verweisen darauf, dass eine adäquate Aufklärung über schmerzlindernde Mittel dem entgegenwirken kann.

Problematisch bei Aussagen wie jener in oben zitiertem Interview ist aber nicht nur, dass die Individualität von Schmerzen und Schmerzempfinden völlig außer Acht gelassen wird, sondern auch, dass das Geburtserlebnis und bestimmte Qualitäten von Elternschaft vermischt werden. Von wegen: die Geburt (bezeichnenderweise greift die Hebamme auf das Vokabular “normale Geburt” zurück) gibt jene Kraft, die eine auch später benötigt, wenn das Kind da ist. Diese Logik übt nicht nur einen enormen Druck auf Mütter aus, die nicht “unter Schmerzen” TM geboren haben, sondern diskriminiert gleichzeitig auch Väter und nicht-gebärende Elternteile generell. Es ist eine Rhetorik, die konservative Familienvorstellungen auf Kosten aller anderen stärkt.

Aber die Mütter heutzutage seien einfach zu “verkopft”, kritisiert die Hebamme im Interview weiter. Rational denkende Menschen – das widerspricht natürlich dem Diktum vom “Naturwesen Frau” (siehe: Natur, du bist nicht meine Mutter). Verkopft sein bedeutet für mich: Schwangere wollen sich dem Vorgang der Geburt einfach nicht mehr unwissend aussetzen, sie wollen informiert werden – und zwar in alle Richtungen. Nur wenn ich das Gefühl habe, Bescheid zu wissen, habe ich das Gefühl, gute Entscheidungen für mich und (!) mein Kind treffen zu können. Geburtshelfer_innen, die Geburtsverläufe ihren eigenen Vorstellungen anpassen wollen (oder in ihren Aussagen diesen Eindruck entstehen lassen), können abschreckend wirken – und verhindern damit vielleicht genau das, was sie stärken wollen.

Ja, ich bin für die Stärkung des Selbstbewusstseins des eigenen/gebärenden Körpers. Und ja, ich bin dafür, dass dies von außen unterstützt wird – im Sinne von: Schwangere können gebären und es gibt Konstellationen, wo dafür keine Schulmedizin vonnöten sein muss. Ich bin aber auch dafür, dass Ängste und Schmerzen in ihrer Individualität ernst genommen werden – und dass dieses Ernstnehmen in jedem Fall über einer esoterisch-spirituellen “Geburt als Mütter-machenden-Kollektiverfahrung” steht.

(c) Miss Bean

(Bild via ignant.de (c) Miss Bean)

Für meine Migräne habe ich übrigens nach jahrelanger Suche Tabletten gefunden, die wirklich helfen und mir damit ungeahnte Lebensqualität zurückgegeben haben. Bei aller angebrachten Skepsis, in diesem Fall: Danke, Schulmedizin!

* Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Hebammen und die Stärkung ihrer Rolle bei Schwangerschaft und Geburt ist wichtig – und sollte keine finanzielle Frage sein. Aber vielleicht muss auch in diesem Beruf ein Umdenken stattfinden, das den unterschiedlichen Wünschen von Gebärenden gerecht wird. Ich hatte das Privileg, mir eine selbst gewählte Hebamme leisten zu können, die meine Geburt im Krankenhaus begleitet hat und mich vorher und nachher betreut hat. Sie war die Beste! (vielleicht braucht es eine Liste mit aus feministischer Sicht empfehlenswerten Hebammen?)

Erlesene Mutterschaft XIV

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“Sie hatte sich von ihren Freundinnen abgewandt. Sie wollte nicht, dass man sie als Mutter bezeichnete, ‘die ihre beiden Töchter allein aufzog’, auch nicht als ‘unverheiratet’ und noch weniger als eine, ‘die anfangen muss, sich ein neues Leben aufzubauen’. Sie hatte nichts mit all diesen Verlorenen gemein, die sich dazu verstiegen, sie als eine der Ihren zu betrachten.

(…)

Die einzige Gesellschaft, die Claire jetzt ertrug, waren unverheiratete Freundinnen in ihrem Alter, die keine Kinder hatten. Das waren die einzigen Frauen, die ihrer Meinung nach unter ihr standen, mit denen sie sich also treffen konnte, ohne zu befürchten, dass der Vergleich zu ihren Ungunsten ausfiel. Aber sogar die machten sie am Ende nervös. Elise, seit zwei Jahren ihre beste Freundin, war vierzig. Sie hatte kein Kind, die Arme behauptete, das fehle ihr nicht. Claire hörte sich ihre Lügen an, mit der mütterlichen Geduld derjenigen, die weiß, dass die andere ihre Verzweiflung nicht eingestehen kann. Was sollte das sein, ein Frauenleben ohne Kinder, ohne diesen elemanteren Fixpunkt, um den sich das Leben organisiert, Claire dachte lieber nicht zu viel darüber nach und ertrug Elises Schmähreden wohlwollend, ohne mit der Wimper zu zucken.”

Virginie Despentes – Apokalypse Baby

(Post-)Schwangere Körper in den Medien

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“[.] weiß ganz genau, wie sie sich und ihre schöne Babykugel perfekt in Szene setzt.”

“Explosionsgefahr: Wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter platzte [.] beinahe aus allen Nähten.”

“Im März 2014 war es dann so weit: [.] hatte ihr Wunschgewicht erreicht und ihren durchtrainierten Körper zurück!”

“Die zierliche Frau von [.] sah noch zehn Wochen vor der Geburt so bezaubernd aus wie eh und je.”

“Sieben Wochen nach der Geburt: [.] posiert für die Max Mara Campaign, als sei sie nie schwanger gewesen …”

“Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.”

“Kritik! [.] Tage nach Geburt viel zu dünn: Der Schnappschuss sorgt bei Fans und Reportern aber nicht allein wegen der gezeigten extremen Schlankheit für heftige Kritik, noch schlimmer finden viele, wie schnell sich die 26-Jährige wieder mit einer regelrechten Model-Figur zeigt.”

“Drei Monate nach der Geburt hatte sie noch ordentlich Speck auf den Hüften sitzen.”

“Gerüchten zufolge nehmen manche sogar einen Wunschkaiserschnitt in Kauf, um das Baby einige Wochen früher zur Welt zu holen und so weitere Schwangerschaftskilos zu vermieden.”

“Gerade mal acht Wochen nach der Geburt präsentierte sich [.] während eines Shootings mit der perfekten Bikini-Figur. Damit nicht genug der Provokation, liebe Mütter. Das Model setzte noch eins obendrauf und beschrieb ihre natürliche Geburt als ‘nicht im geringsten schmerzhaft’…”

“Nach der Geburt ihrer Tochter purzelten die Pfunde wieder, allerdings viel langsamer als [.] wollte.”

“Promi-Mütter schwören auf den eng anliegenden Bindegurt, der nach der Entbindung den Bauch wieder in Form bringt.”

“[.] musste sich fast schon unverschämte Kritik anhören. Der Vorwurf: Sie sei nach der Geburt ihrer Tochter im November nicht schnell genug wieder erschlankt.”

“[.] trainiert Stars wie [.] oder [.]. Sechs Wochen nach ihrer Entbindung ist sie wieder rank und schlank – und kritisiert Jungmütter, die sich in der Schwangerschaft gehen lassen.”

“Oh Gott, habt ihr gesehen, wie dick [.] geworden ist? Ja, ich weiß, dass sie schwanger ist. Aber das ist nicht einfach nur schwanger – so sehen nicht mal Durchschnittsfrauen aus, die mit Zwillingen im neunten Monat schwanger sind.”

“Abnehmen nach der Geburt eines Kindes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es erfordert enorme Motivation und Unterstützung von Freunden und Familie.”

“What’s your excuse?”

“Bei diesem Babybauch, der aussieht wie eine normalsterbliche viermonats Version, war [.] bereits im siebten Monat.”

“[.] steht zu After-Baby-Bauch.”

“Sind es ungefähr 6 Wochen seit der Geburt Ihres Babys gewesen? Sind Sie um Ihren Postbaby-Bauch besorgt?”

“Sie gehört nicht zu jenen Promi-Müttern, die zwangsläufig sofort zum Traum-Gewicht zurückkehren müssen.”

“Offenbar hat [.] mit den Kilos wegen der Schwangerschaft ziemlich viel Selbstbewusstsein eingebüßt.”

“Schweiß und Tränen hat es [.] gekostet, doch jetzt kann sie triumphieren: Das Gewicht, das sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist endlich wieder runter von den Hüften.”

Ich wollte eigentlich ein differenziertes, dekonstruierendes Etwas zu diesen wahllos gesammelten Zitaten schreiben. Es bleibt bei einer Kurzzusammenfassung:

Wer doch noch etwas dazu lesen mag, kann Aufgewärmtes haben:

Unsortierte Seifenblasen. Oder: Worüber zu schreiben, ich keine Zeit gefunden habe

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Ich unterhalte mich mit jemandem über das Landleben und über die oft so scharfgezeichnete und unausweichliche Norm in den abseitigen Gegenden. Mein Gesprächspartner missversteht mich und berichtet, alle ehemaligen Schulfreund_innen – also die, die am Land geblieben sind, hätten mittlerweile schon Kinder: Crazy! Ich nehme einen Schluck Bier und sage nicht, was ich davon halte, wenn Elternwerden gleichgesetzt wird mit vermeintlich konservativer Normerfüllung.

Am Wochenende finde ich Unterhosen in Rosa und solche mit Autos drauf. Ich sehe BHs für Kinder mit gepolsterten und geformten Körbchen, und Heftpflaster mit Ponys und mit Autos. Die Outdoor-Kleider-Abteilung in Rosa beschränkt sich auf einen Drehständer, die andere ist riesig und spielt alle Farben. Dort finden sich neben Regenjacken auch Gatschhosen und Jogging-Anzüge. Ich kaufe rosa Plastilin und keine rosa Leggings. Ich ärgere mich über Prinzessinnen- und Cowboy-Tatoos und registriere im Vorbeigehen Ballerina- und Spiderman-Schlafanzüge.

Jemand meint, das Kind brauche ein Geschwisterl, damit es jemanden zum Spielen hat.

In der “Zeit” erklärt eine einfältig, dass viele Feministinnen “die” Frauen nicht kennen würden. Sie nennt diese Frauen “Weib” und fragt danach, was es wolle. Tja, mit Freud wird das aber auch nichts, denke ich, und spare mir den Ärger über einen weiteren undifferenzierten Feminismus-Bashing-Bericht.

Ich habe Migräne und lese, dass die Forschung viel über Mäuse und Männer weiß.

Frauentag war auch. Ich habe Stadträtinnen und Gemeinderätinnen und Ehrenbürgerinnen gezählt, obwohl ich ihre Abwesenheit auch so schon wusste. Ich muss mir erklären lassen, dass das Thema Kaiserschnitt die Leser (sic!) nicht interessiert und das Binnen-I den Blick auf wichtigere Themen der Gleichberechtigung verstellt.

Ich suche ein Bild für diesen Beitrag und scheitere beinahe daran, auf den Kunstblogs, die ich immer wieder durchstöbere, Werke von Frauen zu finden.

Und dann sitzt mir die alte Dame beim Interview gegenüber und erzählt von ihren beiden Hüftoperationen, die sie ihren fünf Kindern zu verdanken hat – jahrelange Hausarbeit mit einem Baby auf der Hüfte haben ihr Tribut gefordert. Sie erzählt mir von auslaugenden Stilljahren und davon, dass sie sich die Haare färbt, weil ihr Mann das so will.

(c) Luciana Urtiga "desanuviar"

(c) Luciana Urtiga “desanuviar”

Zum Glück ist draußen Sonne und ich spiele mit dem Kind Fußball und lasse Seifenblasen zerplatzen.

Nicht metaphorisch, sondern tatsächlich.

Deny the curse

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Yasmine Hamdan | Deny

Agnes Obel | The Curse

Ausnahmen bestätigen die Freitagsregel. Sonst so:

Manche Freitage sind anders (Nasekomix | Inject me with Love)

Let’s talk about gender, baby (The Knives | Full of Fire)

Manche Freitage sind besser als andere (Charlotte Gainsbourg | Paradisco)

Keine Sorge, mir geht’s gut (Sonic Youth | She’s in a bad mood)

Manche Freitage sind weniger gut als andere (Tango with Lions | In a bar)

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