Eigentlich habe ich mit dem Thema Stillen für mich abgeschlossen – ich habe mich damit auseinandergesetzt, eine gefestigte Meinung dazu und halte es für unnötig, diese mit anderen Menschen zu diskutieren. Und dann kommt ein Artikel wie hier auf www.zeit.de (“Schluss mit dem Muss”) und vorbei ist es mit meiner Sonntagssommermorgengutelaune. Einfach, weil ich mich wider besseren Wissens durch die Kommentare geklickt habe und wieder einmal fassungslos bin, in welcher Art und Weise beim Thema Stillen über Mütter und ihre Entscheidungen diskutiert wird – einzelne Schlagwörter ausgetauscht und die Debatte ist eine Antiraucherhetzkampagne.
Manchmal möchte ich all’ die KommentarschreiberInnen in einem Raum versammeln, nur um zu sehen, wer so Sätze von sich gibt wie: “Wer aus Ideologie oder wegen ‘Unannehmlichkeiten’ nicht bereit ist zu stillen, ist auch nicht reif für ein Kind” oder “Wer nicht stillen will, sollte kein Kind bekommen” oder “Es sollte eine gesetzliche Stillpflicht geben”. Welche Gefühle das alles in mir auslöst, kann ich mit Worten schwer beschreiben. Es ist vor allem Wut. Die Wut darüber, dass das Stillthema immer wieder Mütterbilder, oder besser noch Mütterideale, zum Vorschein bringt – die gefühlt einen Schritt von der Verleihung des Mutterkreuzes entfernt sind. Dann die Wut darüber, dass über ein höchstprivates Thema nicht nur auf einer Metaebene diskutiert wird, sondern der Diskurs im Wortsinn auf den Körpern der Frauen ausgetragen wird. Und die Wut darüber, dass der Feminismus immer wieder als Feind des Stillens, als Feind des Babywohls und als Feind der Familie generell herhalten muss. Selbst die möglicherweise in diesem Rahmen fast “differenzierte” Diskussion darüber, welche Entscheidung gegen das Stillen nun vielleicht doch gerechtfertigt ist, lässt mir alles hochkommen. Der Tenor: Wer aus egoistischen – sprich ästhetischen, karrieretechnischen, praktischen – Gründen nicht stillt, ist eine schlechte Mutter – oder um mit den Worten eine_r_s Poster_s_in zu sprechen: “… kann zur Disposition gestellt werden, ob es sich tatsächlich um eine gute Mutter handelt”. (wie schön sich die Diskussion doch in bürgerlich-wohlklingende und aufgeklärt-gebildete Worte packen lässt, nicht?)

Bild: “Le cattive madri” (“Die bösen Mütter”) von Giovanni Segantini
Lasst uns also alle diesen heutigen schönen Sonntag nutzen, um zwei Reihen zu bilden. Auf der einen Seite dürfen sich die guten Mütter aufstellen, in die anderen werden die bösen Mütter gepfercht. Die bösen Mütter, die nicht stillen und damit ihren Kindern Liebe, Gesundheit und Geborgenheit verweigern. Die bösen Mütter, die ihre Kinder auch noch im Kindergartenalter stillen. Die bösen Mütter, die ihren Kindern Süßigkeiten geben. Die bösen Mütter, die ihre Kinder fernsehen lassen. Die bösen Mütter, die ihre Kinder zu früh in Betreuungseinrichtungen geben. Die bösen Mütter, die wie Glucken auf ihren Kinder sitzen. Die bösen Mütter, die Feministinnen sind und es wagen, auch an sich zu denken (die Betonung liegt auf “auch”). Die bösen Mütter, die Kinder bekommen haben, und nicht ihren Lebensentwurf entsprechend um diese neue Lebenssituation herumbauen, sondern versuchen einfach weiterhin zurecht zu kommen.
Und dann lasst uns alle auf diese bösen Mütter spucken. Pfui!
(Ich gehe mich inzwischen beim Jugendamt selbstanzeigen)