Erlesene Mutterschaft XIV

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“Sie hatte sich von ihren Freundinnen abgewandt. Sie wollte nicht, dass man sie als Mutter bezeichnete, ‘die ihre beiden Töchter allein aufzog’, auch nicht als ‘unverheiratet’ und noch weniger als eine, ‘die anfangen muss, sich ein neues Leben aufzubauen’. Sie hatte nichts mit all diesen Verlorenen gemein, die sich dazu verstiegen, sie als eine der Ihren zu betrachten.

(…)

Die einzige Gesellschaft, die Claire jetzt ertrug, waren unverheiratete Freundinnen in ihrem Alter, die keine Kinder hatten. Das waren die einzigen Frauen, die ihrer Meinung nach unter ihr standen, mit denen sie sich also treffen konnte, ohne zu befürchten, dass der Vergleich zu ihren Ungunsten ausfiel. Aber sogar die machten sie am Ende nervös. Elise, seit zwei Jahren ihre beste Freundin, war vierzig. Sie hatte kein Kind, die Arme behauptete, das fehle ihr nicht. Claire hörte sich ihre Lügen an, mit der mütterlichen Geduld derjenigen, die weiß, dass die andere ihre Verzweiflung nicht eingestehen kann. Was sollte das sein, ein Frauenleben ohne Kinder, ohne diesen elemanteren Fixpunkt, um den sich das Leben organisiert, Claire dachte lieber nicht zu viel darüber nach und ertrug Elises Schmähreden wohlwollend, ohne mit der Wimper zu zucken.”

Virginie Despentes – Apokalypse Baby

(Post-)Schwangere Körper in den Medien

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“[.] weiß ganz genau, wie sie sich und ihre schöne Babykugel perfekt in Szene setzt.”

“Explosionsgefahr: Wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter platzte [.] beinahe aus allen Nähten.”

“Im März 2014 war es dann so weit: [.] hatte ihr Wunschgewicht erreicht und ihren durchtrainierten Körper zurück!”

“Die zierliche Frau von [.] sah noch zehn Wochen vor der Geburt so bezaubernd aus wie eh und je.”

“Sieben Wochen nach der Geburt: [.] posiert für die Max Mara Campaign, als sei sie nie schwanger gewesen …”

“Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.”

“Kritik! [.] Tage nach Geburt viel zu dünn: Der Schnappschuss sorgt bei Fans und Reportern aber nicht allein wegen der gezeigten extremen Schlankheit für heftige Kritik, noch schlimmer finden viele, wie schnell sich die 26-Jährige wieder mit einer regelrechten Model-Figur zeigt.”

“Drei Monate nach der Geburt hatte sie noch ordentlich Speck auf den Hüften sitzen.”

“Gerüchten zufolge nehmen manche sogar einen Wunschkaiserschnitt in Kauf, um das Baby einige Wochen früher zur Welt zu holen und so weitere Schwangerschaftskilos zu vermieden.”

“Gerade mal acht Wochen nach der Geburt präsentierte sich [.] während eines Shootings mit der perfekten Bikini-Figur. Damit nicht genug der Provokation, liebe Mütter. Das Model setzte noch eins obendrauf und beschrieb ihre natürliche Geburt als ‘nicht im geringsten schmerzhaft’…”

“Nach der Geburt ihrer Tochter purzelten die Pfunde wieder, allerdings viel langsamer als [.] wollte.”

“Promi-Mütter schwören auf den eng anliegenden Bindegurt, der nach der Entbindung den Bauch wieder in Form bringt.”

“[.] musste sich fast schon unverschämte Kritik anhören. Der Vorwurf: Sie sei nach der Geburt ihrer Tochter im November nicht schnell genug wieder erschlankt.”

“[.] trainiert Stars wie [.] oder [.]. Sechs Wochen nach ihrer Entbindung ist sie wieder rank und schlank – und kritisiert Jungmütter, die sich in der Schwangerschaft gehen lassen.”

“Oh Gott, habt ihr gesehen, wie dick [.] geworden ist? Ja, ich weiß, dass sie schwanger ist. Aber das ist nicht einfach nur schwanger – so sehen nicht mal Durchschnittsfrauen aus, die mit Zwillingen im neunten Monat schwanger sind.”

“Abnehmen nach der Geburt eines Kindes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es erfordert enorme Motivation und Unterstützung von Freunden und Familie.”

“What’s your excuse?”

“Bei diesem Babybauch, der aussieht wie eine normalsterbliche viermonats Version, war [.] bereits im siebten Monat.”

“[.] steht zu After-Baby-Bauch.”

“Sind es ungefähr 6 Wochen seit der Geburt Ihres Babys gewesen? Sind Sie um Ihren Postbaby-Bauch besorgt?”

“Sie gehört nicht zu jenen Promi-Müttern, die zwangsläufig sofort zum Traum-Gewicht zurückkehren müssen.”

“Offenbar hat [.] mit den Kilos wegen der Schwangerschaft ziemlich viel Selbstbewusstsein eingebüßt.”

“Schweiß und Tränen hat es [.] gekostet, doch jetzt kann sie triumphieren: Das Gewicht, das sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist endlich wieder runter von den Hüften.”

Ich wollte eigentlich ein differenziertes, dekonstruierendes Etwas zu diesen wahllos gesammelten Zitaten schreiben. Es bleibt bei einer Kurzzusammenfassung:

Wer doch noch etwas dazu lesen mag, kann Aufgewärmtes haben:

Unsortierte Seifenblasen. Oder: Worüber zu schreiben, ich keine Zeit gefunden habe

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Ich unterhalte mich mit jemandem über das Landleben und über die oft so scharfgezeichnete und unausweichliche Norm in den abseitigen Gegenden. Mein Gesprächspartner missversteht mich und berichtet, alle ehemaligen Schulfreund_innen – also die, die am Land geblieben sind, hätten mittlerweile schon Kinder: Crazy! Ich nehme einen Schluck Bier und sage nicht, was ich davon halte, wenn Elternwerden gleichgesetzt wird mit vermeintlich konservativer Normerfüllung.

Am Wochenende finde ich Unterhosen in Rosa und solche mit Autos drauf. Ich sehe BHs für Kinder mit gepolsterten und geformten Körbchen, und Heftpflaster mit Ponys und mit Autos. Die Outdoor-Kleider-Abteilung in Rosa beschränkt sich auf einen Drehständer, die andere ist riesig und spielt alle Farben. Dort finden sich neben Regenjacken auch Gatschhosen und Jogging-Anzüge. Ich kaufe rosa Plastilin und keine rosa Leggings. Ich ärgere mich über Prinzessinnen- und Cowboy-Tatoos und registriere im Vorbeigehen Ballerina- und Spiderman-Schlafanzüge.

Jemand meint, das Kind brauche ein Geschwisterl, damit es jemanden zum Spielen hat.

In der “Zeit” erklärt eine einfältig, dass viele Feministinnen “die” Frauen nicht kennen würden. Sie nennt diese Frauen “Weib” und fragt danach, was es wolle. Tja, mit Freud wird das aber auch nichts, denke ich, und spare mir den Ärger über einen weiteren undifferenzierten Feminismus-Bashing-Bericht.

Ich habe Migräne und lese, dass die Forschung viel über Mäuse und Männer weiß.

Frauentag war auch. Ich habe Stadträtinnen und Gemeinderätinnen und Ehrenbürgerinnen gezählt, obwohl ich ihre Abwesenheit auch so schon wusste. Ich muss mir erklären lassen, dass das Thema Kaiserschnitt die Leser (sic!) nicht interessiert und das Binnen-I den Blick auf wichtigere Themen der Gleichberechtigung verstellt.

Ich suche ein Bild für diesen Beitrag und scheitere beinahe daran, auf den Kunstblogs, die ich immer wieder durchstöbere, Werke von Frauen zu finden.

Und dann sitzt mir die alte Dame beim Interview gegenüber und erzählt von ihren beiden Hüftoperationen, die sie ihren fünf Kindern zu verdanken hat – jahrelange Hausarbeit mit einem Baby auf der Hüfte haben ihr Tribut gefordert. Sie erzählt mir von auslaugenden Stilljahren und davon, dass sie sich die Haare färbt, weil ihr Mann das so will.

(c) Luciana Urtiga "desanuviar"

(c) Luciana Urtiga “desanuviar”

Zum Glück ist draußen Sonne und ich spiele mit dem Kind Fußball und lasse Seifenblasen zerplatzen.

Nicht metaphorisch, sondern tatsächlich.

Deny the curse

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Yasmine Hamdan | Deny

Agnes Obel | The Curse

Ausnahmen bestätigen die Freitagsregel. Sonst so:

Manche Freitage sind anders (Nasekomix | Inject me with Love)

Let’s talk about gender, baby (The Knives | Full of Fire)

Manche Freitage sind besser als andere (Charlotte Gainsbourg | Paradisco)

Keine Sorge, mir geht’s gut (Sonic Youth | She’s in a bad mood)

Manche Freitage sind weniger gut als andere (Tango with Lions | In a bar)

Berufstätige Väter … oder so

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In der “Zeit” (06/2014) erklären Marc Brost und Heinrich Wefing, +++BREAKING NEWS+++ dass das mit der Vereinbarkeit eine Lüge sei, denn Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinen: Geht alles gar nicht. Ich möchte die Kind-und-Karriere-Begriffsunsinnigkeits-Diskussion einmal hintanstellen, immerhin geht es in dem Fall der beiden Journalisten tatsächlich um eine Karriere (im Sinne von Geld, Einfluss/Macht, Ruhm).

Jedenfalls jubeln den beiden nun viele Menschen von vielen Seiten zu.

So weit so gut? Die Sache mit der Vereinbarkeit – oder besser, der Nicht-Vereinbarkeit: Das haben vor den beiden Zeit-Journalisten bereits andere festgestellt. Andere Frauen. Aber wie sooft: Sorry, that’s no news. Das ist dann auch vermutlich der Grund, warum neuerdings immer öfter Männer zu Wort kommen, wenn es strukturelle Probleme im Leben als Elternteil aufzuzeigen gilt. Das ist einerseits tatsächlich super und schön – also, dass diese Probleme scheinbar nach und nach auch Männer (sprich: Väter) zu betreffen scheinen (im Sinne des Gleichberechtigungsgedankens; für sie persönlich ist das natürlich ebenso schlecht wie für Frauen). Andererseits ist es aber unschön, dass dadurch verdeckt wird, dass diese Problematik nach wie vor eine sehr “weibliche” ist (siehe: jede Statistik zu Karenzzeiten, Alleinerziehenden, Minijobs).

Warum aber jubeln so viele Menschen ob dieser “erschütternden” Ehrlichkeit? Ist es dasselbe Jubeln wie bei den in Karenz gehenden, wickelnden, Flascherl gebenden, am Spielplatz sitzenden Neuen Vätern? Was für “Mama” selbstverständlich zum Repertoire gehören muss, ist bei “Papa” eine Spitzenleistung?

Screenshot

(Screenshot: aZ – Google-Suche: “working father“)

Dabei schreiben Brost und Wefing so Sätze wie: “Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches.” Ähm, ja!?

Oder: “Und dann? (…); musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte (…).” Ach, wer erbringt da im Hause Bost und Wefing die (mühsam-anstrengende!) Organisationsarbeit?

Irgendwann kommt auch dieser Text bei der Schuldfrage an. Diese wird elegant platziert und soziologisch untermauert. Es sind – fast überraschend nicht “die” Feministinnen –, sondern Frauen generell schuld. Oder besser gesagt, ihr Gebäralter: “Es gibt auch handfeste soziologische Gründe dafür, dass wir derart unter Strom stehen. (…), weil immer mehr Frauen ihr erstes Kind um die dreißig oder später bekommen und deswegen die zehn, fünfzehn intensivsten (aufregendsten, schönsten) Jahre der Erziehung und der Fürsorge für die Kinder gerade bei hoch qualifizierten Frauen und Männern exakt mit den Jahren der ersten Karrieresprünge zusammenfallen. Bertram nennt das die ‘Rushhour der Biografien’. Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.”

Was mich ebenso an dem Text stört, sind die vermeintlichen Zusammenhänge, die aufgezeigt werden: “Dass Frauen Karriere machen, ist gut. Gut für die Frauen, gut für die Gesellschaft. Dass Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist auch gut. Gut für die Kinder, für die Männer und für die Gesellschaft. Und wenn sich immer mehr Männer um ihre Kinder kümmern wollen, erzeugt das Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Auch das ist gut.” Nein! Karrieren sind nicht immer gut und erstrebenswert – weder für Frauen, noch für Männer. Und – wenn schon in dieser Logik denkend – vielleicht ist es auch gut für Kinder, wenn Frauen Karriere machen? Außerdem: Über “Flexibilität” in der Wirtschaft können viele viele Mütter (z.B.: Jein zu flexiblen Arbeitszeiten) übrigens ein Lied singen – aber warum auf dieses Wissen zurückgreifen, wo wir doch jetzt alle die einmalige Gelegenheit haben, dass uns weiße heterosexuelle Männer auf Verbesserungswürdigkeiten (White Heterosexual Male Privilege: A True and Not So Simple Story, part 1 of 3) hinweisen?

Das Narrativ von den glücklich machenden Kindern oder das von “Karrierefrauen”, die sich wegen der Unvereinbarkeit gegen Kinder entscheiden, kann den Text erst recht nicht retten.

Sehe ich Gespenster? Zumindest sehe ich Ausschnitte der Wirklichkeit, die dem “Zeit”-Gesellschaftsressort offenbar verborgen sind. In dem Artikel merken die beiden Journalisten natürlich an, dass sie aus einer privilegierten Situation heraus schreiben, dass sie eine Partnerin haben und keine “Überlebenssorgen”. Ihnen ist tatsächlich kein allzu großer Vorwurf zu machen. Es ist eben ihre Perspektive.

Was ich aber schlimm finde, ist der Umgang mit dieser Perspektive in den Medien. Ich kritisiere, den Raum, den diese Perspektive erhält. Oder vielmehr: den Raum, den andere Perspektiven, nicht bekommen.

Das führt nämlich dann zwangsweise zu der irrsinnigen Annahme, es gäbe so etwas wie Gleichberechtigung bereits und nun müsste dafür gesorgt werden, dass Männer und Frauen gleichermaßen gefördert werden … zuletzt gelesen hier (“Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie den Beitrag von Vätern mehr anerkennt, die durch ihre berufliche Hochleistung das finanzielle Rückgrat vieler Familien bilden – und damit erheblich zur guten Entwicklung ihrer Kinder beitragen. Gesellschaftlich, steuerlich und rechtlich werden im Moment eher Ehefrauen, oder Geringverdiener gefördert.”) und zuletzt diskutiert vergangene Woche bei einem Uni-Workshop (Ein netter Kollege aus gutem, sprich: wohlhabendem, Haus mokierte sich über ein speziell für Frauen ausgeschriebenes Stipendium, er fühlt sich dadurch diskriminiert, weil er [sic!] von strukturell-gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen nichts mehr bemerken könne – er blieb, nona, uneinsichtig).

(c) Hans Ning

(Bild via www.hansning.com “Fatherhood” (c) Hans Ning)

PS: Es geht auch konstruktiv: 10 tips for feminist fathers

Erlesene Mutterschaft XIII

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“She grew anxious that she was not anxious about the things you were meant to be anxious about. Her very equanimity made her anxious. It didn’t seem to fit into the system of images. She drank and ate as before and smoked on occasion. She welcomed, at last, the arrival of some shape to her dull straight lines.

Of the coming birth her old friend Layla, who had three children already, said: ‘Like meeting yourself at the end of a dark alley.’

That was not to be for Natalie Blake. The drugs she requested were astonishing, transcendent; not quite as good as Ecstasy yet with some faint memory of the lucidity and joy of those happy days. She felt euphoric, like she’d gone clubbing and kept on clubbing instead of going home when someone more sensible suggested the night bus. She put her earphones in and danced around her hospital bed to Big Pun. It was not a very dramatic event. Hours turned to minutes. At the vital moment she was able to say to herself quite calmly: ‘Oh, look, I’m giving birth.’

Which is all to say that the brutal awareness of the real that she had so hoped for and desired – that she hadn’t even realized she was counting on – failed to arrive.”

Zadie Smith – NW

Von Umständen und Umstandslosen

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“Machen wir etwas zusammen?” hat mich Catherine vor ein paar Monaten gefragt. Aus dieser schlichten Frage ist das soeben online gegangene Projekt umstandslos | magazin für feministische mutterschaft (Twitter: @umstandslos) entstanden.

(c) herzfein

Ziel ist eine Vernetzung (queer)feministischer Mütter* und das Sichtbarmachen ihrer Belange. 16 Autorinnen werden auf “umstandslos” Bücher für Groß und Klein besprechen, Muttermythen enttarnen, DIY-Anleitungen geben und von persönlichen Erfahrungen berichten. Außerdem wird es Möglichkeit zum Austausch und Besprechen von Schwierigkeiten und Lebensrealitäten jenseits der Heterokleinfamilie und eine allgemeine Be-/Erziehungs-Frage-Antwort-Ecke geben.

Für unser vierköpfiges Redaktionsteam konnten wir Antonia von Feministmum und Anna Lisa vom Projekt Babyessen gewinnen.

Die Illustrationen kommen von der wundertollen Anna.

Wir möchten mit dem Magazin ein möglichst breites Spektrum von feministischer Mutterschaft abdecken – aus diesem Grund sind Gastbeiträge über marginalisierte Mutterschaftserfahrungen jederzeit willkommen (Kontakt zum Redaktionsteam: umstandslos@gmx.net).

Viel Lese-Vergnügen! Wir freuen uns über Feedback und Kommentare!

umstandslos

unter “Mütter” verstehen wir alle Menschen, die sich selbst als solche definieren – biologische Mütter, verhinderte Mütter, Adoptivmütter, Einzelkind-Mütter, Pflegemütter, hetero Mütter, queere Mütter, Nicht-Mütter, Trans/Inter-Mütter, Mehrfache-Mütter, alleinerziehende Mütter, kinderlose Mütter, männliche Mütter, ungewollte Mütter, …

Ich vermisse die Frauen

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Courtney Love und Hole waren als Jugendliche meine Türöffner in die Welt der Musikerinnen. Es kamen L7, Melissa auf der Maur, Babes in Toyland. Mein Musikgeschmack hat sich verändert, meine Vorliebe für weibliche Bands und Musikerinnen nicht. In der Literatur war es ähnlich. Studiumsbedingt habe ich viele viele (viel zu viele) männliche Autoren gelesen. Irgendwann war dann das Seminar zu Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihrem Schattendasein, das sie bis auf einzelne Ausnahmen führten. Seither greife ich vornehmlich zu weiblichen Autorinnen. Das alles geschah wenig bewusst, es passierte mir einfach. Heute merke ich das Ungleichgewicht in den großen Buchhandlungen oder wenn ich das Radio einschalte. Männer, Männer, Männer – wohin das Ohr hört und das Auge schaut.

Moody vom Babykram-Blog gab sich im letzten Eintrag wieder einmal ihren schön nachdenklich stimmenden Gedankenspiralen hin und wälzte schwere Sinn-Fragen. Sie schreibt: “Ich denke an Camus. Das Leben ansich hat keinen Sinn, man muss es mit Sinn füllen… Ich denke an Adorno: ‘Es gibt kein richtiges Leben im falschen.’ Ich denke an Brad Warner. Das einzige, was ist, ist das, was wir tun.” Und ich denke: Vielleicht würden uns Frauen, uns Mütter, weibliche Philosophinnen, Autorinnen, Musikerinnen und Regisseurinnen besser weiterhelfen können beim Denken, beim Lebenverstehen und bei der Sinnsuche?

Aber wo sind diese Frauen? Hört es jemals auf, dass wir sie immer in Eigenleistung suchen und sichtbar machen müssen?

Erst kürzlich belegte eine neue Studie das, was ohnehin auf der Hand lag: Die Wissenschaft ist in diesem Ungleichgewicht natürlich keine Ausnahme. Frauen werden weniger zitiert als Männer. Da brauche ich nur meine eigene Literaturliste durchsehen – und das obwohl ich bereits gezielt versuche, Frauen zu rezipieren. Aber gerade in der Wissenschaft ist es schwieriger als in der Musik oder Literatur. Denn hier bin ich bis zu einem gewissen Grad natürlich auf die Auswahl in den Bibliotheken angewiesen – und natürlich auf das Vorhandensein von Übersetzungen.

Ebenso wenig Möglichkeiten als “Konsumentin” habe ich in der bildenden Kunst, mehr Frauenwerke zu “erfahren” – die Museen der Stadt bieten an, was sie anbieten. Ich kann hingehen oder nicht, aber mir keine Ausstellungen wünschen. So habe ich mich gestern über die Michel-Comte-Ausstellung im Kunsthaus geärgert, weil die Bilder zwar schön, doch die Rollen, die Frauen darin zugewiesen bekommen, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Geraldine Chaplin und Charlotte Rampling) recht einseitig auf Verführung-Aussehen-Sex-Appeal reduziert sind, während die Männer nachdenklich, stark, melancholisch, verrückt und klug sein dürfen. Ob das eine Eigenheit von Comtes Werk oder eine kuratorische ist, weiß ich nicht. Es ist das Ergebnis, das zu sehen ist und weil das Kind mit war und ich die Bilder auch durch seine Augen sah, dachte ich darüber nach, wie es für eine Zweieinhalbjährige wohl ist, wenn fast alle Frauen auf den Bildern (halb)nackt sind und die Männer so viel mehr. (Überhaupt frage ich mich, welchen Zugang das Kind in dem Alter zu den Geschlechtern hat. Bis auf eine Ausnahme sagt es von sich, ein Mädchen zu sein – und bekommt es auch rundherum ständig gesagt ..)

Und dann das ewige Dilemma, dass Frauen sich in ihren feministischen Kämpfen viel zu oft auf die Wirtschaft beschränken und darob in der Mainstream-Wahrnehmung die vielen anderen Bereich unter den Tisch fallen. Wir wollen alle gleich ausgebeutet sein? Wirklich? Ich will nicht polemisch werden, aber darauf läuft diese Fokussierung auf einen Bereich hinaus, wie ich schon öfter geschrieben habe. Einen schönen Text in Verbindung mit Mutterschaft habe ich von Antonia Baum in der FAZ gefunden: Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen:

“Die Frau muss auch arbeiten, aufsteigen und funktionieren, ein bisschen weniger als der Mann vielleicht, aber dafür ist sie auch mehr für den Haushalt und die Kinder zuständig. Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist. Natürlich, Frauen müssen die feministische Arbeit auf sich nehmen, dafür zu kämpfen, dass es Männer genauso stört, wenn es dreckig ist, und sie etwas dagegen tun. Dagegen würde es Männern wahrscheinlich besser gehen, wenn sie sich weigerten, potente Funktionsmaschinen zu sein, die niemals scheitern, was ein Gedanke ist, von dem man glücklicherweise immer häufiger lesen kann. Aber lange nicht so oft wie über den Wirtschaftsfeminismus, der, in der Regel von Frauen aufgeschrieben, dafür eintritt, dass Frauen dringend kapitalistisch verwertet werden müssen. Die Folge davon ist der Imperativ der berufstätigen Mutter. Es ist aber sehr dumm, den Feminismus in den Dienst des Kapitalismus (tut mir jetzt leid, dieses große, schwer fassbare Wort) zu stellen, in welchem die Männer, seit es ihn gibt, stehen und davon Herzinfarkte bekommen.”

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Melissa auf der Maur | Out of Our Mind

Gesprächsfetzen. Vorweihnacht.

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Eine Frau: “Ich freue mich schon auf meine Neffen. Mit denen spiele ich den ganzen Tag.”

Andere Frau: “Ich freue mich auch schon auf meine Nichte.”

Eine Frau: “Ich muss ja sagen, ich bin voll die Buben-Tante. Mit Mädchen wüsste ich nichts zu spielen. Aber gib’ mir einen Ritter oder einen Piraten und ich spiele stundenlang mit den Burschen.”

Andere Frau: “Ach, ich ‘strickliesel’ mit meiner Nichte immer. Ab und zu macht das Spaß.”

 

Zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen. Postpartum.

Familienpolitik auf Österreichisch

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Die neue österreichische Regierung widmet sich in ihrem kompakten 114-Seiten-Programm ganze zwei Seiten dem Punkt “Familienpolitik”. Entsprechend schwammig lesen sich die knappen Sätze dazu auch. Es geht im Groben um folgende vier Ziele: Ausbau und Stärkung der elementarpädagogischen Einrichtungen als Bildungseinrichtungen, finanzielle Unterstützung von Familien und Kindern, Weiterentwicklung des Schutzes und der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie familienfreundliche Gesellschaft und Wirtschaft. Wie schon Lisa Mayr auf derstandard.at schreibt, es fehlen Visionen und ein Gesellschaftsentwurf: “Es fehlt etwa eine begriffliche Übereinkunft, wer überhaupt Familie ist, wen Familienpolitik also einschließen soll.” Aber genau das wäre eine wesentliche Aussage für eine künftige Familienpolitik. Stattdessen sollen “öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zur Förderung der Kinder- und Familienfreundlichkeit gesetzt” werden – diese wollen auch “Väterbeteiligung in der Erziehungsarbeit” thematisieren (mir graut fast vor den Plakat- und/oder Fernsehkampagnen dazu). Aber wie? Fehlanzeige.

Was ich vom “fexibel nutzbaren Kinderbetreuungsgeldkonto” im Unterschied zum bisherigen pauschalen Kinderbetreuungsgeld halten soll, bin ich mir noch nicht ganz sicher – vor allem in Kombination des angedachten Wegfall der Zuverdienstgrenze. Das klingt alles nach viel Transparenz und Flexibilität, aber “flexibel” mussten rückblickend dann doch wieder nur oft Frauen sein (Stichwort: Mehrfachbelastung). In die gleiche Kategorie fällt für mich der Punkt “der Mutter-Kind-Pass wird evaluiert, qualitativ weiterentwickelt und verstärkt als Instrument der Frühförderung von Kindern genutzt” – da kann ich es sogar noch weniger konkretisieren. Vielleicht ist es meine persönliche Aversion gegen den Begriff “Frühförderung”, den ich sooft mit Beschränkung/Einschränkung/Schubladisierung in Verbindung bringe?

Allenfalls befremdlich finde ich, dass “Die Verhinderung von Armut bei Mehrkindfamilien und Alleinerziehenden stellt einen weiteren Schwerpunkt der Unterstützung von Familien dar.” als Maßnahme angeführt wird. Das ist zu allererst einmal ein schönes Ziel. Mehr Inhalt gibt es zu dem Punkt und Zeitpunkt offenbar nicht.

Was gut ist: ein zweites kostenfreies Kindergartenjahr. Auch “‘Frühe Hilfen’, Elternbildung und Familienberatung sollen gestärkt werden.” klingt schön – freilich fehlt auch hier jegliche Präzisierung. Aber mehr Zeit war eben nicht, die Regierungsbildung vor Weihnachten war ja schon versprochen worden.

Familienministerin ist Motivforscherin Sophie Karmasin – anbei ein längeres Zitat aus dem Artikel Working Mum (format.at): “Als das erste Kind kam, sei sie selbst – bis einen Tag vor der Geburt noch im Büro – ‘naiv und blauäugig’ gewesen: ‘Ich habe bereits im Spital mit meinen Kunden telefoniert und einfach weitergemacht wie vorher.’ Fazit: Karmasin kämpfte mit einem ständigen Schlafdefizit, einem permanent schlechten Gewissen und dem Stress mit dem Haushalt. Erst nach ‘einem harten Jahr’ verabschiedete sie sich selbst von der Vorstellung, ‘das werde ich doch locker schaffen’, und engagierte ein Au-pair-Mädchen. Heute weiß sie: Planung ist alles, sogar schon im Vorfeld einer Schwangerschaft. Ihr persönlicher Tipp: ‘Wer Kinder will, sollte sich in einem kleinen Unternehmen gut positionieren und unentbehrlich machen.’ Denn dort lasse sich vieles ‘einfacher, flexibler und unbürokratischer als in einem großen Konzern regeln’. Die Erwartungen sollten trotzdem realistisch bleiben. ‘Dass beide Partner im klassischen Berufsweg Top-Karriere machen, wenn Kinder da sind, ist schwierig’, meint Karmasin, deren Mann bei Kraft Foods als Marketingmanager arbeitet. ‘Im Konzern fragt niemand, ob man Kinder hat: Die Vorstandsdirektorin mit dem 20-Stunden-Job gibt es einfach nicht’, meint sie.”

Karmasin charakterisiert sich angeblich selbst als “Emanze” und als “Familienmensch” (derstandard.at (Die neue Bundesregierung). Bemerkenswert ist, dass sie (als Motivforscherin) findet (oder 2012 fand): “Leider ist es so, dass sich Frauen und jüngere Menschen weniger für Politik interessieren” (diestandard.at: Politische Rituale sind von Männlichkeit geprägt) – in diesem Punkt wurde ihr von ihrem bis kürzlich ewigen öffentlichen Pendant Politikwissenschafter Peter Filzmaier allerdings – mit Verweis auf die hohe Frauenwahlbeteiligung – widersprochen: “Frauen haben aufgrund der Mehrfachbelastung zum einen gar keine Zeit für Politik, zum anderen sind viele politische Rituale von Männlichkeit geprägt. Die Männerrituale beginnen beim Stammtischzirkel und finden sich in der Sitzungskultur wieder. Man kann von einer formalen Gleichberechtigung sprechen, nicht jedoch von einer gesellschaftlichen. Für Frauen ist der Zugang zur Politik daher erschwert.”

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